Warum ich Hauls doof finde: Mein Anti-Haul

Good news, bad news: ich wurde kurzfristig im Nachrückverfahren für (m)einen (Wunsch-)Master zugelassen, yeah! :) Das bedeutet aber gleichzeitig jede Menge Stress, da mir seit der Rückkehr aus Frankreich nur etwa drei Wochen bleiben, um den Uniwechsel und das Ausräumen meiner Wohnung zu organisieren. Natürlich will ich so wenig wie möglich schleppen, also ist mal wieder ein gründliches Ausmisten des Kleiderschranks angesagt.

Mal ehrlich, diese Schrankleichen haben wir doch alle, oder?

Diese High Heels, die dich im Laden so verzaubert haben, und die du noch nie außerhalb deines Schlafzimmers anhattest, weil du einfach nicht auf hohen Absätzen laufen kannst (Hups, das ist dir beim Kauf wohl nicht eingefallen).
Dieses Shirt, das in den hintersten Ecken deiner Schublade vor sich hingammelt, womöglich schon seit Schulzeiten, von dem du dich einfach nicht trennen kannst.
Dieses extravagante Kleid, das eigentlich gar nicht zu deinem Stil passt, aber dank der Überredungskünste der Verkäuferin/ deiner Freundin/ deiner Mutter doch gekauft wurde.

Ich hab Bock auf Minimalismus, ich würd am liebsten mit so wenigen Kisten wie möglich umziehen. Weg mit dem Nippes und dem Kram, der nur Staub fängt.

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Ups, ploetzlich war es mindestens ein Raummeter Klamotten..

Wohin mit den aussortierten Dingen? Über meine Abneigung, Dinge wegzuwerfen und das „Free your Stuff“-Prinzip als Alternative hatte ich bereits gebloggt. Außerdem wurden in meinem Wohnort gerade mehrere Hundert Flüchtlinge untergebracht, für die das Rote Kreuz Spenden sucht. Einen großen Sack habe ich bereits zusammen.

Da ich aber nicht nur Platz, sondern auch Geld brauche, erscheint mir Kleiderkreisel als die beste Möglichkeit, die gut erhaltenen Teile noch schnell zu Geld zu machen. Zusammen mit einer Freundin (wenn du das hier liest: DANKE!) sortiere ich aus, fotografiere und lade über 50 Teile bei Kleiderkreisel hoch. Bei jedem einzelnen Teil, das ich nochmal in die Hand nehme, schießen mir Erinnerungen durch den Kopf: Wie, wo, wann und mit wem ich es gekauft habe. Besonders schöne oder blöde Momente, in denen mich dieses Kleidungsstück begleitet hat. Es würde mir überhaupt nicht schwerfallen, zu jedem Shirt, jeder Tasche eine Geschichte zu erzählen.

Ich fühle mich spontan an „Haul“-Videos und -Blogposts erinnert, in denen neu erworbene Konsumgüter in die Kamera gehalten, präsentiert und beschrieben werden. (Engl. haul = Beute, Ausbeute, Fang) Ganz ehrlich? Ich find sowas doof.

Ich könnte jetzt argumentieren, dass diese Videos nur dazu dienen, zur Schau zu stellen, wie viel Geld man (ausgegeben) hat, oder dass sie den unreflektierten Massenkonsum wunderbar zur Schau stellen („Das war im Sale… Kann man ja immer mal gebrauchen… Ich fand die Schleife so süß… Hat ja nur fünf Euro gekostet…“). Aber ehrlich gesagt finde ich diese Videos einfach nur langweilig.

Haul Videos - Screenshots via youtube.com
Haul Videos – Screenshots via youtube.com

Du hast ein cooles Teil geshoppt? Zeig mir doch lieber ein Outfit damit! Ein neues Produkt gegen brüchige Nägel? Schreib doch erst in ein paar Wochen darüber, wenn du es ausgiebig getestet hast! Eine neue Mascara? Vergleiche sie mit denen anderer Hersteller, oder zeig mir zumindest ein ganzes Make-Up damit!

Welches Deo du dir bei dm gekauft hast und ob du das 5€-Basic-Top von H&M nun in schwarz oder weiß mitgenommen hast, interessiert mich ehrlich gesagt nicht die Bohne. Warum drehen Tausende Menschen Hauls? Und warum gucken Millionen dabei zu? Ich kann das nicht so ganz nachvollziehen. Vielleicht lesen das hier ja Leute, die Hauls cool finden und mir ihre Begeisterung dafür im Kommentar erklären können. Darüber würde ich mich freuen, ehrlich!

Während ich also beim monotonen Kleiderkreisel-Artikel-Einstellen über Hauls philosophiere, entschließe ich: ich probier‘ das auch mal aus. Aber halt anders, ein Anti-Haul.

Ich erzähl euch eine Story, die mich mit dem Kleidungsstück verbindet – und warum ich es letztlich nun doch aus meinem Kleiderschrank verbanne.

[1] Wir fangen mal mit dem Klassiker an: „Da pass ich bestimmt bald wieder rein“ – so ein Teil hat bestimmt jede/r in seinem Kleiderschrank. Bei mir ist es eine Jeans aus dem H&M Online-Shop. Sie passte damals nicht, doch statt sie zurückzusenden, legte ich sie in meinen Schrank und redete mir ein „Du willst ja ein paar Kilo abnehmen, dann passt die bestimmt bald„. Ach, wen verarsche ich hier eigentlich? Natürlich hat das so nicht geklappt. Von Zeit zu Zeit kramte ich sie mal raus, zog sie an, stellte fest, dass sie immer noch nicht passte, und ärgerte mich.

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Warum habe ich sie überhaupt behalten? Das ist doch Quatsch. Wenn ich wirklich in nächster Zeit abnehmen sollte und in diese Hosengröße passe, kann ich mir doch einfach eine kaufen. Beziehungsweise müsste ich dann ja eh shoppen gehen und neue, kleinere Teile kaufen. Wieso sollte es gerade DIE Hose sein, hat sie etwas Besonderes an sich? Nein. Dann gibt es auch keinen Grund, warum sie Platz in meinem Schrank wegnehmen sollte.

[2] Der Herbst kommt und bringt bald das Sweater Weather mit – das passende Wetter also für kuschelige Pullover, die dich wärmend und tröstend durch den Tag begleiten, auch wenn du dich im Dunkeln aus dem Bett quälen musst, um morgens um 8 zu einer langweiligen Vorlesung zu gehen und sowieso den ganzen Tag alles schief läuft. Für alle, die an solchen Tagen von ihren Mitmenschen in Ruhe gelassen werden wollen, gibt es großartige Sweater mit Botschaften drauf:

il_570xN.538888329_lilw   il_570xN.639529762_by6c   tkb7gr-l-610x610-sweater-roses-white-jumper-don-t-touch-me-quote-text-grey-dont-touch-me

BlakcApparel, via Etsy, ca 30€ //  via Skreened.com, ca $18 // Zattle.com, ca $30, Bild via wheretoget.it

Inspiriert griff ich also zu einer Nadel, Stickgarn und einem meiner kuscheligsten Pullover und bastelte mir meinen eigenen Lass-mich-in-Ruhe-Pullover. Auch wenn er nach wie vor sehr bequem und kuschelig ist: In dieser Sweater-Weather-Saison wird der Pulli mich nicht begleiten, weil er mich viel zu sehr an eine bestimmte Zeit mit bestimmten Menschen erinnert.

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Warum gucke ich eigentlich so froehlich?

 

Ein altes Instagram-Bild

[3] Und hier noch eine dritte Geschichte: Diese goldene Kette habe ich im Dezember letzten Jahres bei H&M entdeckt. Eigentlich nicht besonders außergewöhnlich – Dreiecke sah man 2013 ja eh an jeder Ecke. Aber ich fühlte mich ein bisschen an das Symbol der Deathly Hallows aus Harry Potter erinnert und kaufte die Kette.  Ich trug sie öfter, ich mochte sie, und irgendwann war sie weg. Nachdem ich meine Wohnung mehrmals abgesucht hatte und mein Freund mir versicherte, auch bei ihm nach der Kette gesucht zu haben, akzeptierte ich schließlich mein Schicksal: Sie war weg. Irgendwo verloren, vermutlich.

Ich durchforstete also stundenlang Kleiderkreisel (H&M, gold und Dreieck sind sehr spezifische Suchbegriffe…) bis ich „meine“ Kette wiederfand und einer Kreislerin abkaufte. Tja, und jetzt, im Frankreichurlaub fiel mir die Kette plötzlich wieder in die Hand: Sie war in einer winzigen Innentasche meines Rucksacks.

Sorry, meine Kamera wollte lieber auf den Klamottenstapel hinter mir fokussieren.
Sorry, meine Kamera wollte lieber auf den Klamottenstapel hinter mir fokussieren.

Ich werde dich in Zukunft öfter tragen, liebe Kette. Versprochen. Das Double habe ich gestern via Kleiderkreisel auf die Weiterreise geschickt.

Falls sich jetzt zufällig jemand verliebt hat: Jeans / Threadless Shirts / DIY Pullover

Übrigens hier noch eine sehenswerte Haul-Parodie auf YouTube (zumindest die ersten paar Minuten, dann wirds so einschläfernd wie normale Haul-Videos)

PS: Ich fühl mich hinter der Kamera wohler. Danke fürs Lesen meines Anti-Hauls.

14 Kommentare

  1. ja ich habs gelesen- und BITTE :)) und find ich toll! ich dachte du nimmst den lila cardigan mit der verbindungsparty-geschichte noch rein :D

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    1. Hahaha nein, ich will unsere illegalen Schandtaten nicht für immer und ewig im Netz festhalten :D ♥

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  2. die idee mit dem anti-haul ist richtig super :)
    das sollten mehr leute machen, finde sowas ist interessant, wenn man mit jedem kleidungsstück etwas verbindet (:

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  3. Du hast völlig recht! Ich frage mich schon seit Ewigkeiten, wer solche Hauls interessant findet und wer sich ernsthaft ein 30minütiges Video über die Shopping-Ausbeute einer fremden Person ansieht. Genauso langweilig wie diese Videos finde ich Blogs, auf denen ein Post daraus besteht, dass man Bilder aus Online-Shops herauskopiert und dazu schreibt, dass man sich jetzt dies und jenes bestellt hat…. Naja, diese Liste über unkreative, einschläfernde Blogeinträge (bzw. ganze Blogs) könnte ich wohl ewig weiterführen…

    Deine Anti-Haul Idee finde ich sehr cool :D
    Mir geht es beim Aussortieren genauso…Mein Schrank quillt über und das meiste hab ich seit Ewigkeiten nicht mehr getragen und werde es auch nie wieder tragen…Aber dann denke ich immer „Hm, das erinnert mich an…“/“Hey, das habe ich doch da und da gekauft“/“Das kann ich nicht wegtun, dass hat mir der und der geschenkt“…. usw…:D Schrecklich! :D Und am Ende bleibt mein Kleiderschrank dann doch so voll wie er ist.

    Liebe Grüße

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    1. Hahaha ja, diese Bestell-Posts und dann am besten ein paar Tage später noch ein Post mit einem Handyfoto vom Paket!

      Ja, genau das hat mich auch immer geplagt, wenn ich meinen Schrank ausmisten wollte. Dieses Mal habe ich mir vorgenommen, wirklich nur die Dinge zu behalten, die ich oft und gerne trage.

      Mach du doch auch mal einen Anti-Haul ;)

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  4. Dein Post ist wirklich cool, und ich finde du hast Recht, es ist viel interessanter Geschichten zu alten Kleidungsstücken zu erzählen, als nur neue Charakterlose stücke vor die Lise dazu halten – aber- trotz allem sind wir Menschen immer noch Jäger und Sammler und ich könnte mir vorstellen, das Shoppen, das Jagen von Anno dazumal in irgend einer Weise ersetzt. Dazu kommt, dass viele Menschen nicht so viel Geld ausgeben können wie sie gerne wollten, ich könnte mir gut vorstellen, dass das der Grund ist sich den Konsum anderer Menschen anzusehen, um sich sozusagen vom „Jagdglück“ anderer eine Scheibe abzuschneiden,

    Puhl. Der Kommentar war jetzt ziemlich lang – ich halt jetzt mal die Klappe =)

    Liebe Grüße
    Vivien

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    1. Liebe Vivien,
      dankeschön!
      Das ist auf jeden Fall eine interessante Theorie! Aber würde das dann nicht auch Neid hervorrufen? Wenn ich kein Geld hab und all die schönen Dinge sehe, die die anderen sich kaufen?
      Liebe Grüße!

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  5. Endlich spricht mir mal jemand aus der Seele, was dieses Thema angeht :D Mit Hauls kann ich so gar nichts anfangen. Ich würde es noch verstehen, wenn es irgendwie interessante Produkte wären, die sich nicht jeder einfach so nachkaufen kann – zum Beispiel ein Flohmarkt- oder Second Hand Shop-Haul. Aber wenn ich Sachen von H&M oder DM sehe, die ich mir auch bei einem einfachen Gang in den Laden oder einem Klick auf die Website anschauen kann… warum?!

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  6. Oooh, tolle Idee! Ich räume auch gerade Klamotten aus und hatte in den letzten Tagen auch so manches Stück in der Hand, bei dem ich mir dachte: Wann hatte ich das zum letzten Mal an? In der zwölften Klasse? Moment mal, das ist doch sechs Jahre her… von meinen Schuhen fangen wir bitte gar nicht erst an. Das Problem mit den High Heels kenne ich sehr gut. Ich wohne zu allem Überfluss auch noch auf nem Berg, den ich runterlaufen muss. Und in der Innenstadt von Jena ist ziemlich viel gepflastert. Also lande ich bei meiner Riesenschuhsammlung am Ende doch nur bei schwarzen Vans. :D

    Die Hauls finde ich einfach nur bescheuert und vertrete da genau die gleiche Meinung wie du. Nichts ärgert mich mehr, als wenn ich auf einem Foto ein Produkt sehe, bei dem mich die Wirkung/Duft/Pigmentierung wirklich interessieren würde und dann ist das nicht mal geswatcht und es steht nur da „ich bin schon sehr gespannt und werde euch bald berichten“ – der Artikel kommt dann natürlich nie.

    Nervig finde ich auch manche Beautybloggerinnen in meinem Dashboard, die Testpakete zugeschickt bekommen und dann knallhart nur die Produkte fotografieren und mir erzählen, wie die Farbe aussieht. Dann kann ich’s mir auch selbst kaufen, um das rauszufinden.

    Dein Anti-Haul ist, wie oben schon gesagt, eine tolle Idee und ich überlege grade, ob ich so was auf meinem Blog auch machen soll… :)

    Liebe Grüße

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  7. Super Artikel! Hat mir Freude bereitet Ihn zu lesen :)
    Allerdings muss ich ehrlich sagen, ich gehöre zu den Leuten, die auf Hauls stehen :D
    Was bringt es mir, wenn mir jemand ein Outfit in 4 Wochen zeigt, oder einen Nagellack, den es dann höchstwahrscheinlich nicht mehr geben wird? Allerdings muss ich dazu sagen, wie du es auch schon geschrieben hast, brauche ich mehr als nur ein stures in die Kamera halten. Ein Outfit dazu, eine kurze Meinung, das peppt das ganze wieder auf.

    lg <3

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  8. schoene Geschichte, toll geschrieben, hat viel Spass gemacht, es zu lesen, vor allem, weil es so wahr ist. Und das sage ich als Beauty und Fashionbloggerin, die auch Hauls postet. Ich versuche immer zu erklären, warum ich genau das und das gekauft habe, aber manchmal stellt man dann beim schreiben selber fest, nen echten Grund gabs nicht

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