Zu Besuch bei Flüchtlingen

„BILD dir deine Meinung“ lautete jahrelang der Slogan der bekannten Zeitung mit den bunten Bildern und Großbuchstaben. Ironischerweise meinte sie damit aber quasi, dass man einem einzigen Medium vertrauen und sich auf Grund dieser Berichterstattung seine Meinung bilden soll. Die beste Art, sich seine Meinung zu bilden, ist aber immernoch: selber hingehen. Sich umgucken. Mit Menschen sprechen.

Deshalb habe ich heute meinen freien Tag (jaja, das faule Studentenpack) genutzt, um nach Talheim zu fahren. Dort sind seit Ende Oktober knapp 50 Flüchtlinge in einem alten Schulgebäude untergebracht. Über die Umstände hatte ich vor ein paar Tagen schon geschrieben (und mich aufgeregt).

Ursprünglich wollte ich mit ein paar Anwohnern sprechen, um herauszufinden, wie die Stimmung im Dorf ist. Ob ich die Möglichkeit habe, mit den Flüchtlingen selbst zu reden, weiß ich nicht.

Ich muss dazu sagen, dass ich noch nie in diesem Ortsteil war. Als ich ankomme, wird mir zumindest klar, woher Talheim seinen Namen hat. Hügel raus, Hügel runter, schmale Serpentinenstraßen inklusive. War ja klar, dass ich mich verfahre. Google Maps sei Dank finde ich die alte Schule dann doch noch: Ein längliches Gebäude mit vielen Fenstern, eines davon ist mit Brettern vernagelt. Um die dunkle Eingangstür zu erreichen, muss man erst einige Treppen steigen.

Ich parke und steige aus. Feine Schneeflocken wirbeln mir ins Gesicht. Was mache ich hier eigentlich? Vom Haus ertönt ein Geräusch, eine Art Klopfen oder Hämmern. Es ist niemand zu sehen. Ich laufe erstmal ein paar Straßen entlang durch Talheim, beobachte die Umgebung, schieße Fotos.

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Schon echt idyllisch hier mit den Puderzuckertannen drumherum, den kleinen Häuschen. Ein altes Holzschild mit einem Polizisten versprüht das Flair vergangener Jahrzehnte. Ein ebenso retro aussehndes Hotel (vielleicht schon stillgelegt?) bietet Fremdenzimmer. Bin ich die einzige, die das ein bisschen ironisch findet?

Ich begegnete auf meinem Spaziergang kaum Fußgängern, nur Autos, die mit Tempo 30 durchs Dorf kurven. Talheim ist anscheinend so ein Ort, wo Eltern hinziehen, damit ihre Kinder ruhig und behütet aufwachsen, und die Kinder ihre Eltern dafür hassen. Als kleines Kind ist das vielleicht noch okay, aber spätestens in der Pubertät ist es einfach wahnsinnig ätzend, so ab vom Schuss zu wohnen. Ich spreche aus Erfahrung.

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Naja, ich mache mich auf den Rückweg zur Flüchtlingsunterkunft. In einem Vorgarten flattert eine gehisste, aber zusammengebundene Deutschlandflagge im Wind. Vor der Schule höre ich leise Musik. Jackpot: Am Treppengeländer lehnen zwei Jungs, der eine im Grundschulalter (vermute ich… Ich bin echt schlecht im Schätzen!), der andere ein Teenager mit modischem Haarschnitt und einsetzendem Bartwuchs. Der Ältere kann etwas Englisch. Wir unterhalten uns und ich oute mich als die neue Deutschlehrerin. Seine Mutter könne Deutsch, sagt er, und winkt mir, mitzukommen. Doppelter Jackpot, denke ich, als wir das zugige Treppenhaus der ehemaligen Schule betreten. Ich hatte wirklich nicht damit gerechnet, die Flüchtlingsunterkunft von innen sehen zu können. Er führt mich ein Stockwerk höher, einen langen Flur entlang. Es ist sehr warm, in der Luft hängt der Duft von Männerdeo, einem Spritzer zu viel. Durch die großen Fenster auf der linken Seite sieht man den Schulhof, rechts sind die Klassenzimmer. An jeder Tür befindet sich ein Schild mit zwei ausländisch klingenden Familiennamen. Das Zimmer an der Stirnseite beherbergt laut Schild sogar drei Familien. Der Junge verschwindet im Zimmer und spricht auf Albanisch. Ich bleibe im Flur stehen. Eine provisorische Wand aus Bauzäunen und Folie versperrt mir den Blick. Aus Respekt vor den darin wohnenden Familien möchte ich das Zimmer nicht ungefragt betreten. Es ist ja quasi ihre Wohnung. Wie wenig Platz sie dort haben, kann man sich leicht vorstellen, wenn man sich ein durchschnittliches Klassenzimmer vorstellt und dort drei Familien sowie deren Habseligkeiten platziert.

Kurz darauf erscheint eine Frau mit dunklen Haaren und einem roten Oberteil, mit ihr mehrere kleine Mädchen, die um uns herumwuseln. Ich stelle mich vor, auf Deutsch, sie antwortet. Sie ist eine der wenigen hier, die ein wenig Deutsch kann. Sechs der Familien hier seien Albaner, die anderen beiden Serben. Immer mehr Menschen kommen zu uns, immer wieder unterbricht die Frau unser Gespräch und richtet zwei Sätze auf Albanisch an die Neuankömmlinge, die wahrscheinlich sowas wie „Das ist unsere neue Lehrerin“ bedeuten. Ich nicke und lächle und schüttle viele Hände. Die Menschen sind sehr offen und freuen sich offensichtlich auf den Deutschunterricht. Sie wollen sofort wissen, wann es losgeht, an welchem Tag ich denn kommen werde. Ich muss sie leider vertrösten, weil ich die Details noch nicht kenne, freue mich aber riesig, dass die Leute so motiviert sind. Die Frau, die Deutsch sprechen kann, will mir schließlich den Klassenraum zeigen. [Mein Namensgedächtnis ist schrecklich, das erwähne ich ja in ungefähr jeden Blogpost, deshalb konnte ich die ganzen neuen Namen mal wieder nicht behalten. Das tut mir jetzt echt Leid, immer „die Frau, die..“ oder so schreiben zu müssen.]

Wir gehen über den Flur, zurück ins Treppenhaus, runter in einen neuen Flur. Ein kleines Mädchen, wahrscheinlich ihre Tochter, folgt uns. Auf der rechten Seite sind weitere zur Unterkunft umfunktionierte Klassenräume. Wir erreichen einen länglichen, orange gestrichenen Raum mit mehreren Kochstellen und Spülbecken; vermutlich die ehemalige Schulküche. In einer Pfanne brutzeln Schnitzel, eine Frau mit langen schwarzen Haaren rührt in einem weiteren Topf.

Wir betreten einen kleinen Raum am anderen Ende der Küche, das Klassenzimmer. Eine Frau mit kurzen grauen Haaren und eine Schar dunkelhaariger Kinder sitzen über ein Buch gebückt an einem niedrigen Tisch. Sie ist eine der Patinnen, die sich ehrenamtlich um die Familien kümmern. Gerade übt sie mit den Kindern lesen, oft hilft sie auch bei den Hausaufgaben. „Sie sagen oft „Nein, nein, wir hatten nichts auf“ – da muss man dann nochmal nachgucken“, schmunzelt sie. Genau wie deutsche Kinder. Erst dann fällt mir auf, dass auch ein erwachsener Mann im Raum ist. „Er ist jedes Mal dabei“, sagt die Patin, „er will unbedingt etwas lernen, er saugt alles auf.“

Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass Besuch da ist – immer mehr Leute kommen in die Küche, stecken ihren Kopf ins Unterrichtszimmer. Hallo sagen, lächeln, Hände schütteln. Die Lesestunde habe ich ziemlich durcheinander gebracht. Eine zweite Patin kommt dazu, sie zieht eine kleine Packung Gummibärchen aus der Jackentasche und verspricht sie den Kindern als Belohnung, wenn sie heute fleißig sind. Ich verlasse den Raum, damit die Patinnen weiter mit den Kindern üben können. Das geht nur tagsüber, wurde mir erzählt, weil die Lampen im Raum nicht gehen. Wenn nicht mehr genug Tageslicht durchs Fenster scheint, ist die Stunde beendet.

Ich gehe wieder in die Küche. Eine Frau mit blond gefärbten Haaren trägt gerade eine große Plastikkiste mit Geschirr herein und beginnt zu spülen. Neue Leute, neue Kinder. Namen hören und sofort wieder vergessen. „Wie geht’s?“, fragt mich einer der Neuankömmlinge, ein Mann mit kurzen Haaren und dunklen Augenringen. Er stellt sich als Oliver vor, „wie Oliver Kahn“. Oliver hat, wie er mir später erzählt, in den 90ern schon einmal in Hamburg gelebt und spricht hier wahrscheinlich am besten Deutsch. Wir reden eine Weile. Ich will wissen, wie es sich in der Flüchtlingsunterkunft lebt. „Gut? Schlecht?“ „Naja,“ antwortet er diplomatisch mit einem gequälten Lächeln. „Wir sind zehn Leute in einem Zimmer. Da will immer einer Musik hören, zwei wollen schlafen, du weißt…“ Nach einer Pause fügt er hinzu: „Aber was muss, das muss.“

Ja, ich kann mir den Trubel vorstellen. Mittlerweile hat sich wohl die Hälfte der Bewohner in der großen Küche eingefunden. Männer, Frauen, Kinder. Wortfetzen in verschiedenen Sprachen, das Brutzeln in den Pfannen, klapperndes Geschirr. Was man in Talheim machen kann? „Nichts. Wir essen und schlafen, essen und schlafen. Manchmal gehen wir spazieren.“ Er deutet zum Fenster, man sieht die schneebedeckten Baumwipfel. Um mit dem Bus in die Stadt zu fahren fehle das Geld.

Oliver hat in seiner Heimat als Anwalt gearbeitet. Hier hat der Serbe nichts zu tun. Ich frage in die Runde, ob sich alle auf den Deutschkurs freuen. Schnell wird übersetzt, alle nicken.

Einer der Jungs stellt sich neben mich, stupst die Kamera an, die um meinen Hals baumelt. Ganz schön taktlos von mir, hier mit einer teuer aussehenden Spiegelreflex über die Flure zu laufen.. Dummerweise hatte ich vergessen, sie wegzupacken, bevor ich das Gebäude betrat. Die Männer sagen etwas, Oliver übersetzt: Ob ich ein Foto von ihnen machen könne. Klar! Der Junge, der mich angestupst hat, der, mit dem ich ganz am Anfang gesprochen habe, und fünf Männer stellen sich nebeneinander, legen sich gegenseitig die Arme auf die Schultern. Ein kleines Mädchen im lilanen Pullover läuft ins Bild. Knips. Die Männer wollen das Ergebnis auf dem kleinen Display sehen, sind zufrieden. Dann wollen sie noch ein Bild – mit mir, nicht von mir. Ehe ich mich versehe, geht eine kleine Fotosession los. Eine Gruppe nimmt mich in die Mitte, Knips. Olivers Frau drängelt sich vor, Knips. Mir werden Kinder in den Arm gedrückt, Knips. Die Situation ist skurril, und doch echt witzig. Wir kennen uns quasi gar nicht, können uns nur über Umwege verständigen, aber die Menschen sind wahnsinnig offen und herzlich. Bevor ich mich auf den Heimweg mache, hinterlasse ich noch meine Handynummer und auf Nachfrage der Jugendlichen meinen Facebooknamen. Als ich im kalten Flur meine Jacke anziehen will, nimmt ein Mann sie mir ab und hilft mir – ganz gentlemenlike – hinein. „Tschüß!“

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Messy hair don’t care. Kinder zu ihrem Schutz verpixelt.

Ich weiß nicht so recht, was ich erwartet habe, aber dass dieser Besuch SO verläuft, hätte ich mir echt nicht ausmalen können. Ich wurde wirklich sehr herzlich empfangen. Meine Vermutung, dass die Bewohner sich über eine „sinnvolle“ Beschäftigung in Form eines Sprachkurses freuen, wurde bestätigt. Es war mir wichtig, zu wissen, dass die TeilnehmerInnen motiviert sind und freiwillig teilnehmen.  Die verbleibende Zeit werde ich zur Vorbereitung nutzen. Ich freue mich darauf!

6 Kommentare

  1. Find ich sehr spannend was du da schilderst! Ich habe früher für sozialschwache Familien Nachhilfeunterricht gegeben und da wurde ich auch immer sehr herzlich empfangen. Wie gesagt, ich bin gespannt was du weiterhin berichtest!

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  2. Ich habe deinen letzten Post dazu schon gelesen und finde deine Einstellung zum Thema richtig gut und bewundere dich dafür, dass du so aktiv was tust und dich engagierst. Dein Besuch hat gezeigt, dass die Flüchtlinge integriert werden wollen und sich über alles freuen, was ihnen in Deutschland das Einleben leichter macht und ihre unschöne Vergangeneit vergessen lässt.. Das ist einfach noch viel zu wenigen menschen hier bewusst, ich glaube die meisten denken dass die Flüchtlinge, eingepfercht und ab vom Schuss in ihren Unterkünften nur dummes im Sinn hätten oder so. hoffentlich ändert sich diese einstellung irgendwann.. denn das Thema Einwandeung wird in der Zukunft sicherlich nicht abnehmen. Liebe Grüsse!

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  3. Schön beschrieben :)

    Find’s echt klasse von dir.
    So überhaupt sollten das mehr Menschen mal machen sie anzusprechen etc., denn viele haben eine schlechte Meinung und ärgern sich nur. Sie werden als fremd gesehen, scheinbar nicht von dieser Welt. Aber dass sie dort wo sie herkommen vielleicht mal richtig gute Leute mit super Beruf waren… diese Ablehnung erlebe ich hier ganz viel.
    Wir werden mit einer Gruppe auch so eine Art Projekt starten :) mal sehen was draus wird.

    Liebste Grüße!

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  4. Wow, da kann man mal sehen, wie falsch die Behörden doch manchmal von Flüchtlingen und Einwanderern denken.
    Es ist toll, dass du so motiviert bist und dir erstmal ein eigenes Bild von der Situation machst.
    Es wäre wirklich toll, wenn du uns weiter auf dem Laufenden hältst =)

    Liebe Grüße

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    1. Hey Vivian, danke. Besonders erschreckend finde ich die Kommentare aus der Bevölkerung. Auf der Facebookseite der Lokalzeitung tummeln sich merkwürdige Leute in den Kommentarspalten – da werden die Leute als „kriminelle Schmarotzer“ bezeichnet, und als eine Frau Partei für die Flüchtlinge ergreift, heißt es „Auch sie wird umdenken wenn sie mit einem schlechte Bekanntschaft macht !!!!! keine Ahnung von der Realität !!!!! Wenn se mal beklaut oder vergewaltigt wird dann kommt die Besinnung !!!!!!„. Krass, oder?!

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  5. Super!
    Nicht nur finde ich es toll, wie ich bereits meinte, dass du so engagiert bist; dich als Lehrerin anbietest, einfach mal vorbeischaust, was dich erwartet… sondern auch, dass du hier darüber berichtest!
    Ganz abgesehen davon, dass du wirklich toll beschreiben kannst, finde ich es super, dass auch über das Medium Blog über solche Themen berichtet wird. Ich hoffe, dass du ganz viele Menschen damit erreichst und dass deine Arbeit Früchte trägt – mit möglichst wenig Ärger seitens der deutschen Behörden…!

    Alles Liebe,
    Vera

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