Beyond the hype: YouNow

Datenschützer prophezeien den Untergang des Abendlandes, ääh, der Teenager-Privatsphäre. Die großen Medien greifen das Thema auf, auch bekannte YouTuber wie LeFloid sprechen Warnungen aus: YouNow, die Live-Streamingplattform, boomt weiterhin.

[blue_box]Was ist YouNow?
Es handelt sich um einen kostenlosen Streamingdienst, mit dem man live seine Webcam bzw. Handykamera streamen kann. Diese Streams (auch Broadcasts genannt) kann sich jeder anschauen. Mit einem YouNow-Account kann man auch mit dem StreamerInnen chatten und interagieren. YouNow gibt es als Webseite und als App. Die Installation weiterer Software ist nicht nötig, die Bedienung sehr einfach. Die Plattform gibt es zwar schon länger, aber in Deutschland begann der Hype erst vor ein paar Wochen. Vor allem Kinder und Jugendliche streamen auf YouNow.[/blue_box]

Experten sehen die Plattform kritisch: Zahlreiche Jugendliche gehen unbedarft mit den potentiellen Gefahren um und verraten ihre persönlichen Daten, heißt es in den Berichten. Außerdem verstoßen nicht wenige Nutzer gegen Gesetze, indem sie zum Beispiel Musik abspielen (Urheberrechte) oder fremde Personen in ihrem Stream sichtbar sind (Persönlichkeitsrechte, Recht am eigenen Bild). ZDF, Spiegel Online und andere große Medien berichteten [weitere Links am Ende].

Doch gerade durch Warnungen und Verbote wird etwas erst richtig spannend, das weiß doch jedes Kind. YouNow lockt mit der Faszination, in hundert Leben reinzappen zu können – und auch sein eigenes Leben ins Internet zu stellen.

User GeorgeGreeny ist als DJ auf YouNow unterwegs. Ich habe hier bewusst keinen Screenshot von Minderjährigen eingefügt.
User GeorgeGreeny ist als DJ auf YouNow unterwegs. Ich habe hier bewusst keinen Screenshot von Minderjährigen eingefügt.

Nur Spaß oder Sicherheitsrisiko?

Sind die Nutzer tatsächlich so naiv, ihre privaten Daten herauszugeben? Was sind ihre Beweggründe? Welche negativen Erfahrungen haben sie gemacht? Mangelt es ihnen an Medienkompetenz? Oder hat die Mehrheit die Gefahren im Griff?
Um mehr über YouNow zu erfahren und Antworten auf diese Fragen zu finden, habe ich mich tagelang durch unzählige Kanäle geklickt, Streamer befragt, mit einem Experten gesprochen – und schließlich selber gestreamt.

Ein Paradies für Pädophile?

Tausende von Kindern und Teenagern sind auf YouNow unterwegs, streamen vom Handy direkt aus ihrem Kinder- oder Klassenzimmer. Zuschauen kann jeder, man braucht man nicht einmal ein Konto. Lediglich wenn man mit dem Streamern in Kontakt treten oder einen eigenen Stream starten will, muss man sich einloggen.

Mein erster Besuch auf YouNow: ich sehe ein Mädchen, etwa 14, die mit sehr monotoner Stimme Fragen aus dem Chat vorliest und in exakt derselben Stimmlage ihre Antwort dazu abgibt: wie alt bist du vierzehn was ist dein lieblingsfach in der schule englisch hey du bist hübsch danke Tini95 became a fan danke tini wo wohnst du in hessen oh schon 300 likes danke leute was machst du heute noch weiß nicht.

Ich sehe Zahnspangen. Jede Menge. Ich sehe Kinderzimmer, mit Plüschtieren und Postern an der Wand. Ich sehe eine Schulklasse, die gerade in einem Reisebus unterwegs ist. Ich sehe eine rauchende Frau. Ich sehe einen etwa 13-jährigen Jungen, der zur plärrenden Lautsprechermusik Luftgitarre spielt und auf seinem Bett herumhüpft. Ich sehe ein Teenagerpärchen, das sich vor der Kamera streitet, weil Zuschauer die Instagram-Bilder des hübschen Mädchens liken und der Junge eifersüchtig wird. Ich sehe einen etwa 30 Jahre alten Mann, der erzählt, dass er vor wenigen Tagen wegen Herz- und Lungenproblemen ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Wann er nach Hause könne, wisse er noch nicht. Der nächste Satz: „Hey Leute, ich will, dass wir die 1000 Likes voll kriegen, bis, sagen wir, halb neun!“ Davon geht’s ihm bestimmt besser.

Ein paar wenige Streamer singen, machen Musik oder Comedy. Die Meisten plaudern jedoch nur und beantworten die Fragen, die ihnen im Chat gestellt werden. Sie erzählen von ihrem Tag oder ihren Hobbys. Die Kommunikation ist beidseitig und interaktiv; die Zuschauer können den Inhalt der Show lenken. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Nur einen Klick von der großen weiten Welt entfernt

YouNow setzt die Schwelle vom passiven Konsumenten zum aktiven Broadcaster herunter. Sowohl technisch (man braucht keine gute Kamera oder ein Schnittprogramm, jedes Smartphone wird zur YouNow-Sendestation) als auch moralisch: Ist doch nichts dabei, live zu streamen! Machen die anderen doch auch! Guck, dutzende andere Streamer sind ebenfalls auf #deutsch-girl unterwegs!

Gleichzeitig spornt das permanente Ranking dazu an, besser zu werden, unterhaltsamer, mehr Zuschauer und Likes zu bekommen. Die Zuschauer, die man aktuell hat, will man nicht langweilen und an andere Streams verlieren. Bald ist das nächste Level erreicht – da kommt es vor, dass man peinliche „Challenges“ mitmacht oder Aufforderungen der Zuschauer befolgt.
Wer streamt auf YouNow? Es ist die Generation der #Saminator und Bienchen, deren Stars nicht mehr Boyband-Sänger oder Soap-Schauspielerinnen sind, sondern YouTuber. Menschen, die vor einer Kamera sitzen und von ihrem Tag erzählen und ihre neuesten Einkäufe zeigen, die sich beim Zocken, Schminken oder Backen filmen und dabei ein bisschen plaudern. Menschen wie du und ich. Ich stelle mal eine gewagte These auf und sage: Menschen, die kein besonderes Talent haben.

Mit YouNow kann jeder mit der Kamera reden, Likes sammeln, zum Star werden.

Euro, Dollar, Follower

Mittlerweile hat ja gefühlt jedes Kind auf dem Schulhof ein Smartphone. Accounts bei sozialen Netzwerkseiten wie Facebook, Instagram oder Twitter gehören da dazu, ebenfalls Messenger wie WhatsApp oder kik. In fast jedem YouNow-Profil werden auch die Accountnamen der anderen Seiten verlinkt. „Bitte folgt mir auf Insta okayyy?!“ Follower als Währung: Haste was, biste was.

Klarnamen und persönliche Daten

Ein Video zu drehen braucht Vorbereitung. Man überlegt sich, was man machen und sagen will, man kann mehrere Takes aufnehmen und Versprecher oder blöde Stellen herausschneiden. YouNow ist spontan. Live, ungeschnitten, unzensiert. Da macht oder sagt man mal was, was man bei einem Video lieber herausgeschnitten hätte. Aber da ist es schon gesendet. „Ach egal, haben ja nur ein paar Leute gesehen, die mir zuschauen, nicht wahr?“ Naja. Vielleicht haben sie die Handynummer mitgeschrieben oder einen Screenshot gemacht, als das Shirt hochgezogen wurde. Außerdem speichert YouNow jeden Broadcast und stellt ihn als Video aufs Profil. Automatisch. Man kann es zwar manuell löschen, aber vielleicht ist es dann zu spät. Viele User wissen das nicht. Zudem kann man die Videos nur auf der YouNow-Webseite ansehen und löschen. In der App fehlt die Funktion.

Auffallend viele YouNow-NutzerInnen sind mit ihrem Klarnamen unterwegs. Das liegt wohl daran, dass die Registrierung mit einem bereits vorhandenen Twitter-, Facebook- oder Google-Konto erfolgen muss und der dort benutzte (Klar-)Name übernommen wird.
Und auch wenn es nur der Vorname ist: Gemeinsam mit den anderen Schnipseln lässt sich viel über eine Person herausfinden. Social Media Profile werden untereinander verlinkt, allerhand persönliche Infos werden im Chat erfragt.

Sind die Kids, die dort streamen, wirklich so naiv und geben einfach Daten wie ihre Handynummer raus, oder beantworten intime Fragen? Gute Frage.
Ich habe mittlerweile einige Stunden YouNow verfolgt und in so gut wie jedem Stream Fragen gesehen, die die Alarmglocken schrillen lassen: „Wo wohnst du?“ „Auf welche Schule gehst du?“ „Hast du einen BH drunter?“ „Rasierst du dich?“ „Bist du noch Jungfrau?“ „Wie ist deine Handynummer?“
Manchmal werden solche Fragen beantwortet, manchmal ignoriert und – Gott sei Dank – antworten die meisten StreamerInnen auf solche Fragen knallhart mit „Das sage ich nicht“ oder „Warum sollte ich das sagen?“. Ich habe Hoffnung. Andererseits frage ich mich: Warum machen die NutzerInnen nicht von der Blockierfunktion Gebrauch und schmeißen solche Leute direkt aus ihrem Kanal? Wie engmaschig können die YouNow-Moderatoren die Inhalte kontrollieren? Gibt es automatische Filter? Verstöße gegen die YouNow-Regeln habe ich oft genug beobachtet.

Ich wage (dennoch) zu behaupten: Die Kinder und Jugendlichen dort sind nicht so blöd, wie die Datenschützer in ihren Artikeln annehmen. Nur weil jemand die Möglichkeit hat, das 13 Jahre alte Mädchen im Chat zu fragen, ob sie noch Jungfrau ist, heißt das nicht, dass das Mädchen diese Frage beantworten wird. Die Teenager haben Grenzen. Nur sind sie vielleicht etwas lockerer gesteckt als bei uns.

Umfrage

Ich habe einen Fragebogen erstellt und diesen an YouNow-StreamerInnen verschickt. Dazu habe ich ihnen private Nachrichten auf der Plattform geschickt und sie über die anderen Kanäle kontaktiert, die sie auf ihren Profilen verlinkt hatten, zum Beispiel Instagram und kik.
Einige haben den Fragebogen nicht vollständig ausgefüllt, andere haben ihn begonnen, obwohl sie gar nicht selber streamen. Letztlich sind erst 14 gültige Antworten eingegangen. Das Ergebnis ist mit Sicherheit nicht repräsentativ, dennoch möchte ich euch ein paar Antworten in einer Infografik präsentieren:

YouNowInfografikKurz

Die vollständige Infografik mit allen 11  Fragen kannst du hier anschauen.

Live. Für immer.

Ich habe Hoffnung: Zumindest in meiner Umfrage scheinen die meisten souverän mit intimen Fragen umzugehen. Doch dann klicke ich mich durch #deutsch-girl und lande bei einem blonden Mädel.  Sie erzählt, dass ihre Eltern gerade unterwegs nach München sind, dass ein Niklas im Gruppenchat schlecht über sie geredet hat und dass sie jetzt eine gewisse Katharina anrufen will. „Achja, ich wollte euch meine Handynummer geben? Ich weiß auch nicht, ob ich das machen soll… Eigentlich ja nicht, ne?“ Ich tippe in den Chat: „Bitte gib deine Handynummer nicht raus.“ Zwei andere schreiben: „Ja gib Nummer!“ Das Mädchen überlegt noch kurz, dann entscheidet sie sich: „Scheiß drauf, ich sage jetzt einfach meine Handynummer. Aber nur ein Mal, okay? Ich will, dass der Sebi mir schreibt. Der scheint cool zu sein. Okay, ich sag jetzt meine Nummer, aber nur einmal und ganz schnell, du musst ganz schnell mitschreiben, Sebi!“. Ich klicke auf Sebis Profil. Das Profilfoto zeigt einen gutaussehenden Jungen oben ohne. Eigene Broadcasts? Null. Stinkt gewaltig nach Fake. Das Mädchen (ihr Username ist übrigens Nachname_Vorname) diktiert ihre Nummer. Ich schreibe mit. Sebi: „zu schnell, nochmal“. Sie rollt mit den Augen, diktiert ihre Nummer nochmal. Wenig später bekommt sie eine Nachricht von einer unbekannten Nummer, sie freut sich.
Ihr Broadcast ist jetzt zu Ende. Er kann als Video auf ihrem Profil abgerufen werden. Ab Minute 40 diktiert sie ihre Handynummer. Sieht ja nur der Sebi.
Ein paar Stunden später schreibe ich dem Mädchen eine SMS:

YouNowScreenshotSMS
Paint Skillz

Sie kann das Video nicht löschen, weil sie nur die App benutzt. Ich erkläre ihr, wie sie es am Laptop löscht, sie gerät in Panik, antwortet schließlich gar nicht mehr. Das Video ist heute, fast eine Woche später, noch immer auf ihrem Profil.

Cybermobbing, für jeden sichtbar

Das Publikum will unterhalten werden. Plaudern, Witze erzählen, Fragen beantworten. Das nächste Level: pranken. Der Broadcaster XY mit einer relativ hohen Zuschauerzahl suchen sich ein „Opfer“ (einen Stream mit wenigen Zuschauern) aus und schickt seine Zuschauer in diesen Kanal. Dort sollen sie etwas Bestimmtes machen, zum Beispiel „Grüße von XY“ schreiben (womit der „Prank“ dann ja aufgedeckt wird).
Doch so harmlos läuft das Pranken nicht immer ab: Vor kurzem schaute ich mir den Stream eines sympathischen 14 Jahre alten Mädchens an, als plötzlich einige ihrer Zuschauer im Chat schrieben „OMG Dagi guckt dir zu!!“. Das Mädchen geriet angesichts der Tatsache, dass DagiBee, eine der beliebtesten YouTuberinnen Deutschlands, gerade in ihrem Stream sein soll, total aus dem Häuschen und begann zu hyperventilieren. Der YouNower, der sich diesen Streich ausgedacht hat, hatte derweil seinen Spaß. Nach einer Weile pfiff er seine Zuschauer zurück „Ey hört mal auf jetzt, guckt mal, die fängt fast an zu heulen! Sagt ihr mal, war ein Spaß und Gruß von X“.

Anderer Tag, anderer Stream: Ein Geschwisterpaar sitzt vor der Kamera. Der Junge ist durch Instagram und YouTube ein bisschen fame. Auch er schickt seine Zuschauer zum Pranken in andere Kanäle. „Aber hey, wenn ihr den Leuten schreibt, ja, dann sagt nicht „Deine Nase ist zu groß für die Kamera“. Das ist ein bisschen fies, okay? Sagt auch nicht „Du bist zu fett“. Manchmal gehen die Leute dann einfach offline und der Spaß wird nicht aufgeklärt.“ „Nicht andere Leute persönlich angreifen“, fasst seine Schwester zusammen und vertieft sich dann wieder in ihr Smartphone.

Mein Selbstversuch

Ich oute mich: ich bin live gegangen. Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt, bei YouNow zu streamen. Ich wollte aus erster Hand positive und negative Erfahrungen sammeln.
Um mich bei YouNow einloggen zu können, legte ich mir einen neuen Twitter-Account zu. Der Login selbst benötigt nur zwei Klicks. Man muss kein langes Registrierungsformular ausfüllen, die Daten werden vom jeweiligen Social Media-Profil (also entweder Twitter, Facebook oder Google+) übernommen. Der Stream ist ebenfalls mit wenigen Klicks gestartet: Kamera und Mikrofon werden getestet, man sucht eine Kategorie, in der man streamen will (z.B. #deutsch-girl) und macht einen Screenshot als Vorschau. Dann geht’s los.

Zunächst bin ich alleine in meinem Channel. Schon nach kurzer Zeit habe ich Zuschauer. Eine Zahl oben rechts verrät mir, dass mir jetzt vier Leute zuschauen. Ich bin ein wenig nervös. Was soll ich machen, was soll ich erzählen? Jemand schreibt „hi“, ich grüße zurück. Nach kurzer Zeit entwickelt sich eine Unterhaltung. Mein Gesprächspartner ist die Kameralinse. Ich smalltalke mit meinen 12 Zuschauern. Jetzt sind es schon 15. Ein Mädchen sagt mir, dass sie mich hübsch findet. Danke! Die Anderen fragen nach meinem Alter und Wohnort. Ich bleibe vage und das ist okay. Das Thema ist nun YouNow. Ich möchte wissen, warum die Leute gerade online sind – um 12 Uhr. Eine Fünfzehnjährige hat Schulferien, wir quatschen kurz darüber, welche Leistungskurse sie im nächsten Schuljahr wählen könnte. Ein Mann aus Greifswald ist krankgeschrieben und kann nicht arbeiten. Ein weiterer Mann erzählt mir, dass er Familienvater ist und sich angemeldet hat, um YouNow zusammen mit seinen Kindern zu nutzen. Ich habe schon über zwanzig Zuschauer. Wir reden über die Medien im Allgemeinen, über Trash-TV wie Der Bachelor und über Frauenzeitschriften. Großartiges Thema! Ich rede mich warm. „Du hast Recht!“ lese ich. „Du bist unterhaltsam! Endlich mal ein Stream mit einem richtigen Thema!“ Zuschauer fragen mich nach meiner Meinung. Wir sprechen über medienwissenschaftliche Theorien und Feminismus. Überraschenderweise bricht meine Zuschauerzahl nicht ein. „Du erklärst voll gut!

Selbstverständlich ist es angenehm, gelobt zu werden. „XY became your fan! You are now 3rd in #deutsch-erwachsene!“ Zur Spitzenzeit habe ich 50 Zuschauer. Im Chat ist jetzt so viel los, dass ich nicht mehr hinterherkomme. Fragen, Kommentare. Someone became my fan. „Wie alt bist du?“, immer wieder. Ein Teenager schreibt „Du bist hässlich“ – noch bevor ich mir eine witzige Antwort überlegen kann, verteidigen mich meine Zuschauer im Chat und verspotten den Verfasser.

Ich kann die Faszination von YouNow verstehen. Man bekommt die Aufmerksamkeit von zehn, zwanzig, fünfzig Leuten; Lob und Komplimente. Auch wenn ich de fakto alleine in der Wohnung sitze und mit einem schwarzen Stück Plastik spreche, fühle ich mich nicht alleine. In meinem Channel bin ich Moderatorin, Entertainerin, Schauspielerin, Lehrerin, Ratgeberin, VIP, Influencer. Wo habe ich im echten Leben so ein großes Publikum, dem ich erzählen kann, warum ich die Jolie scheiße finde und was ich heute Morgen gemacht habe?

Polizei, Prävention, Cybercrime

Auf der Plattform bin ich mit einem User ins Gespräch gekommen, der sich als Polizist ausgab. „Jaja klar, kann ja jeder sagen“, denke ich. Um zu verifizieren, dass dieser Mann wirklich bei der Polizei arbeitet, rufe ich bei der zuständigen Dienststelle, einem Landeskriminalamt, an – und ta-daa, meine Kontaktperson ist tatsächlich im Bereich Cybercrime und Prävention tätig. Er und andere Polizei-Kollegen behalten neue Plattformen, Techniken und Apps im Auge, um Risiken im Bereich Cybercrime abschätzen zu können. Sie schulen ihre Kollegen in den Polizeidienststellen, die dann wiederum aktive Präventionsarbeit leisten und z.B. Vorträge in Schulen halten.

Wir unterhalten uns ziemlich lange über YouNow und die Regelverstöße, die wir dort beobachtet haben, und Cyber-Verbrechen wie Mobbing und Stalking im Allgemeinen.
So gibt es beispielsweise eine Methode, bei der mit einem Fake-Account (z.B. bei Facebook) Kontakt zum Opfer hergestellt und schließlich Cyber-Sex über Skype vorgeschlagen wird. Die Webcamübertragung des Opfers wird mitgeschnitten und schließlich als Druckmittel benutzt. Um zu verhindern, dass das Video, in dem das Opfer nackt zu sehen ist oder masturbiert, veröffentlicht wird, soll es einen Geldbetrag zahlen – oder weitere Nacktbilder liefern. „Diese Erpressung kann bis zu einem Treffen weitergehen, es kann sogar zu Vergewaltigungen kommen“, sagt der Beamte.

Obwohl noch kein Fall bekannt ist, der direkt mit YouNow in Verbindung gebracht werden kann, könnte man genau diese Masche problemlos bei der Streamingplattform nutzen: Man bringt jemanden durch Überredung oder eine vermeintliche Belohnung in Form von Likes dazu, heikle Dinge vor der Kamera zu tun, schneidet es mit und erpresst den User damit.
Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis so ein Fall auftritt.

Exkurs: Warum YouNow nicht vergleichbar ist

In den aktuellen Berichten zu YouNow werden immer wieder Parallelen zu Chatroulette und Twitch gezogen. Das ist falsch. De Fakto sind beides ebenfalls Streamingplattformen, stimmt. Aber man kann sie mitnichten nebeneinander stellen und vergleichen.

Kurz zur Erinnerung: Chatroulette, ein Phänomen aus dem Jahr 2009. Man wird mit einem zufälligen User verbunden. Im Idealfall folgt ein interessantes Gespräch mit einem Menschen auf der anderen Seite der Welt. Meistens springt einem jedoch ein entblößtes männliches Geschlechtsteil entgegen und man klickt schnell auf Next.
Bei Twitch liegt der Fokus klar auf Videospielen. Man schaut Gamern live zu, wie sie Videospiele spielen. In der Regel wird dabei der Bildschirm übertragen, Zuschauer und Spieler sehen dasselbe. Die Webcam des Gamers wird höchstens in einem kleinen Kästchen am Bildschirmrand gezeigt. Es ist ehrlich gesagt auch nicht so spannend, jemandem zuzuschauen, der konzentriert auf den Monitor vor sich blickt. Der Twitch-Chat dient eher dem Austausch der Zuschauer untereinander. Wer grad mitten in einer epischen Endboss-Schlacht steckt, hat keine Zeit, in den Chat zu schauen.

Der Community-Gedanke mit Profilen, Leveln, Fans und Geschenken ist eindeutig bei YouNow am stärksten ausgeprägt. YouNow ist, wenn überhaupt, eine Mischform aus beiden Plattformen. Der Stream ist für jeden öffentlich abrufbar, wie bei Twitch, aber thematisch frei wie bei Chatroulette.

Sicherheitstipps für YouNow

  • Verratet auf keinen Fall euren vollen Namen, euren Wohnort und andere Daten, mit denen man euch identifizieren kann. Nutzt ein Pseudynom als Namen. (Lissy123 statt Lisa_Müller)
  • Gebt eure Handynummer nicht heraus und auch nicht euren Facebook-, Instagram- oder Snapchat-Namen
  • Zeigt keine fremden Personen im Stream
  • Spielt keine Musik ab, die ihr nicht selber gemacht habt
  • Löscht das Video nach jedem Broadcast (Profile -> Broadcasts -> oben rechts Menü -> Delete bzw. Tutorial-Video)
  • Nutzt die Blockier-Funktion für User, die euch beleidigen oder belästigen (auf den Namen klicken -> rotes Fähnchen -> Block)
  • In der App sind einige wichtige Funktionen nicht vorhanden oder nur schwer erreichbar (z.B. Videos löschen, private Nachrichten, Nutzer blockieren). Nutzt also besser die Webseite
  • Gebt kein Geld für In-App-Käufe aus
  • Überlegt: Ist es okay für mich, wenn meine Mama das sieht? Mein bester Freund? Mein Lehrer? Meine Chefin? Denn es kann JEDER sehen.

Fazit

Ich möchte YouNow (und andere Live-Streaming-Dienste) nicht per se verteufeln. Die Plattform hat das Potential für tolle Projekte – dennoch gehen sehr viele User zu leichtfertig mit den Risiken um.

Die 14 YouNower, die meine Umfrage ausgefüllt haben, gaben zwar an, dass sie ihre Handynummer nicht herausgeben würden –  während meiner Recherche habe ich genau das aber Dutzende Male gesehen. Nicht nur die Herausgabe von Kontaktdaten, auch krassere Regel- und Gesetzesverstöße kommen regelmäßig vor: Live-Streams aus dem Schwimmbad, wo die Badegäste ohne deren Einverständnis leicht bekleidet der ganzen Welt präsentiert werden; Telefonstreiche; Mädchen, die für Likes ihren BH zeigen; onanierende Männer.

Die Schutzmechanismen der Seite greifen nicht. Sie sollten definitiv ausgebaut werden. Altersbeschränkungen und die Möglichkeit, einen Channel privat zu machen, würden den Dienst sicherer machen. Aber damit würde sich YouNow ins eigene Fleisch schneiden, denn alle großen Internetdienste verdienen ihr Geld mit unseren Daten. Die unglaublich einfache Bedienung und potentiell riesige Reichweite sind ja die Stärken des Dienstes. Und: es macht einfach Spaß.

Eltern und Lehrer sollten sich dringend mit den Webseiten und Apps, die ihre Kinder nutzen, beschäftigen. Strikte Verbote verstärken lediglich den Reiz. Wer YouNow sicher nutzt, kann dort viel Spaß haben.

Weiterführende Links

11 Kommentare

  1. Hey,
    ich muss zugeben, dass ich bisher von YouNow noch nichts gehört habe und erst durch deinen Post darauf aufmerksam wurde. Wirklich informativ, was du geschrieben hast! Ich selbst hätte mich wohl nicht getraut, online zu gehen… Die Vorstellung, dass mir fremde Leute zuschauen, finde ich doch sehr gruselig. Umso schlimmer, wenn dort Minderjährige online gehen und dann auch noch private Daten rausgeben, da dreht sich bei mir der Magen um :/
    Liebe Grüße
    Anna

    Antworten

    1. Hey Anna, ohja, mir war auch etwas mulmig zumute, als ich meinen Stream gestartet habe. Ich hatte Angst, dass mir die Situation irgendwie entgleitet, dass ich beleidigt werde oder aus Versehen mehr Persönliches verrate als ich wollte. Es war eigentlich ganz witzig, aber trotzdem auch unheimlich.

      Antworten

  2. Irgendwie ist mir YouNow ja doch etwas suspekt. Als ich zum ersten Mal davon hörte, dachte ich mir, dass das doch eine total coole Idee sei – selbst so einen Stream aufzubauen über eine eigene Website ist gar nicht so leicht, und so eine Plattform können zB. Bands für ihre Konzerte oder Stiftungen/Vereine/… für Veranstaltungen nutzen, um diese auch Leuten zugängig zu machen, die weit weg wohnen oder einfach, um bekannter zu werden. Oder einigermaßen bekannte Menschen könnten eine Art Sprechstunde oder Fragerunde abhalten. Aber als ich dann mehr darüber erfahren habe und gemerkt habe, dass das eigentlich nur „normale“ Leute nutzen, die alleine vor dem Laptop sitzen und irgendetwas erzählen, fand ich das ein bisschen merkwürdig. Das wäre mir persönlich überhaupt nicht in den Sinn gekommen, als ich vom Prinzip der Seite gehört habe.

    Ich kann mir vorstellen, dass man sich da sehr schnell drin verlieren kann, weil man eben einfach extrem viel Bestätigung erhält, einfach nur dafür, dass man da ist. Man muss nicht groß denken, man muss keine besondere Fähigkeit haben, man muss nicht mal schöne Bilder machen oder sich damit beschäftigen, welche Hashtags nun wie oft angeklickt werden… Und natürlich, weil das Prinzip so unmittelbar ist und man theoretisch von jedem weltweit angeklickt werden kann – da winkt der Ruhm dann irgendwie auch. Ein spannendes Thema, wie sich die Mediennutzung vor allem bei jüngeren Leuten wie Schülerinnen und Schülern verändert – da wird ja inzwischen auch immer weniger Facebook und immer mehr zum Beispiel Instagram genutzt, bei dem die Bilder ebenfalls für jeden sichtbar sind und jeder einen einfach so abonnieren kann, bei dem also auch sozusagen die Berühmtheit greifbar wird.

    Danke für deinen ausführlichen und toll recherchierten Artikel, ich habe viel Neues gelernt und kann mir jetzt viel mehr unter YouNow und der Faszination davon vorstellen!

    Antworten

    1. Hallo Ariane, dankeschön für deinen langen Kommentar! Ohja, es gibt mit Sicherheit „coole“ Möglichkeiten, die Technologie zu nutzen! Auch für E-Learning und so weiter… Ich bin gespannt, wie sich das noch entwickelt.
      Vielen Dank Ariane!

      Antworten

  3. Ich kannte YouNow vorher noch gar nicht und wusste auch nicht, dass es so beliebt ist bei Jüngeren! Du hast wirklich ein Händchen dafür, dass man immer weiter lesen mag :)
    Von der Plattform werde ich mich aber fern halten. Am schlimmsten ist wohl, dass die Jugendlichen selber nicht einmal wissen, dass die Streams gespeichert werden!

    Liebe Grüße,
    Vita

    Antworten

    1. Hallo Vita, dankeschön für das Kompliment – ich kann mich halt leider nicht kurz fassen :D
      Ohja, auf jeden Fall. Ich finde es echt bedenklich, dass diese Funktion in der App gar nicht vorhanden ist. Es gibt nunmal viele, die nur mit der App streamen und somit nicht die Möglichkeit haben, ihre Privatsphäre ein bisschen mehr zu schützen und die alten Videos zu löschen.

      Antworten

  4. Hallo, habe deinen Blog per Facebook entdeckt und werde wohl öfter vorbeischauen. :)

    Bisher habe ich von Younow nur ab und an gelesen, deinen Artikel finde ich wirklich sehr interessant und informativ. Gleichzeitig aber auch erschreckend. Gerade bei Minderjährigen, die oft noch garnicht wissen welche Tragweite das Preisgeben persönlicher Daten haben kann!

    Antworten

  5. Krass… Ich bin total geplättet… Von Younow habe ich zwar schon gehört aber ich wusste nicht dass da so viele Kinder mitmachen.. ich dachte das ist nur ineressant für lifestreams von schon bekannten youtubern oder so… heftig! Wenn ich solche Dinge höre frage ich mich ob ich wirklich mal Kinder in diese Welt setztn möchte.. die meisten Eltern merken vermutlich nichtmal was die Kinder da machen.. oder sie blickens nicht.. Ich werde mal eine strenge Mama :D

    Toller Beitrag! Du hast das echt super recherchiert und auch der Selbstversuch hat mich beeindruckt!

    xx Lolo

    Antworten

  6. Wow! Spannender Artikel!
    Du steckst immer megaviel Aufwand in die Recherche und beleuchtest die Sachen von allen Seiten. Das finde ich großartig.
    Ich hab bisher kaum von YouNow gehört, weil es für mich nicht relevant war, aber ich bin erstaunt wie es Jugendliche nutzen und in welche Fallen die Kids tappen ohne sich der Gefahr bewusst zu sein. Ich denke solche Risiken sollten unbedingt in den Schulen thematisiert werden. Nicht nur mal als Projekttag, AG oder gar lahmer Vortrag, sondern zwingend für alle und regelmäßig.
    Mich würde interessierten ob du dein YouNow-Konto und das Video gleich wieder gelöscht hast. Vielleicht sollte man gerade über so einen Kanal und zusätzlich über Youtube Medienerziehung machen. Mit realistischen abschreckenden Beispielen.

    Antworten

    1. Liebe Heidi, dankeschön für deinen Kommentar! Ich bemühe mich, so oft wie möglich aufwändig recherchierte Artikel zu schreiben – komme leider aus Zeitgründen nicht so oft dazu, wie ich es gern hätte…
      Die Videos von den Streams habe ich immer direkt danach gelöscht… Das Konto gibt es prinzipiell noch, ich hab mich aber seit Wochen nicht mehr eingeloggt. Die App habe ich mittlerweile vom Handy gelöscht.
      Und ich stimme dir zu, dass Medienkompetenz in der Schule besser behandelt werden sollte als nur in blöden „so klickt man eine Präsentation in Powerpoint zusammen“-Kursen. (Das hatten wir zumindest)
      Es gibt einen neuen YouTube-Account zum Thema Medienkompetenz/-erziehung namens „MedYOUCation“ – wir wollten auch eventuell etwas zusammen zum Thema YouNow entwickeln.

      Antworten

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