Das produzierende Prozent

Es ist 2016. Vor zehn Jahren (sprich, in Internetzeitrechnung, vor einer Ewigkeit) hat der IT-Berater Jakob Nielsen die 90-9-1 Rule oder auch Ein-Prozent-Regel aufgestellt. Diese Regel besagt (vereinfacht), dass innerhalb von Internet-Communities ein Großteil der TeilnehmerInnen (90%) nichts beiträgt und nur still mitliest; 9% sind semi-aktiv und lediglich ein Prozent der TeilnehmerInnen ist sehr aktiv und prägt den Content der Community maßgeblich.

Im Jahr 2006 gab es die sozialen Netzwerke, in denen wir uns heute täglich bewegen, natürlich noch nicht in dieser Form. Im Internet zu publizieren war aufwändiger, auch wenn computeraffine Menschen schon in den 90ern Blogs und private Webseiten erstellt haben. Die „Geburtsstunde“ von Wikipedia war übrigens Anfang 2001, und Wikipedia und ähnliche Wikis werden als Beispiele für die Ein-Prozent-Regel angeführt. Ich bin mir sicher, dass wir alle schon einmal Informationen aus der deutschsprachigen Wikipedia genutzt haben – aber wie viele von uns haben dort schonmal einen Beitrag bearbeitet oder einen neuen Beitrag eingestellt? Wahrscheinlich kaum eine(r).

Ob die Ein-Prozent-Regel jetzt, zehn Jahre später, noch gültig ist? Die technische (und nicht zuletzt auch die psychologische) Hemmschwelle, etwas in sozialen Netzwerken zu posten oder einen Blog zu starten, ist schließlich unweit niedriger. Laut Wikipedia gibt es dazu widersprüchliche Befunde, was wohl hauptsächlich auf unterschiedliche Studiendesigns zurückzuführen ist.

Schaut, jetzt habe ich schon wieder Wikipedia genutzt, aber nichts dazu beigetragen. Shame on 90-Prozent-me. Generell zähle ich mich natürlich nicht zu den passiven 90 Prozent, schließlich schreibe ich das hier gerade auf meinen privaten Blog und bin in einigen sozialen Netzwerken mehr oder weniger aktiv. Auch in meinem Freundeskreis gibt es einige Menschen, die bloggen oder auf andere Weise aktiv im Netz partizipieren. Wenn man sich in dieser Blase der 1% bewegt, vergisst man schnell, dass das Posten, Sharen, Twittern, Rebloggen und nicht zuletzt Preisgeben nicht „normal“ ist, zumindest nicht für „die Anderen“, die 99%.

Eine befreundete Bloggerin wurde vor ein paar Wochen von einer anonymen Person online bedrängt, belästigt, beleidigt und bedroht. Es stand sogar der Verdacht im Raum, dass die Person sich Zugang zu ihrem Computer und/oder ihrem Smartphone verschafft hat. Würde sie nicht zu den 1% gehören, hätte sie sich wahrscheinlich in den nächsten Tagen vom Netz ferngehalten. Würde, hätte. Stattdessen hat sie ihre Facebook-Kontakte nach Erfahrungen mit dem Thema gefragt und darüber getwittert. Am nächsten Tag haben wir am Telefon über den Vorfall gesprochen, und auch darüber, warum sie sich eben nicht zurückgezogen hat, sondern auf Twitter mit anderen Usern (öffentlich) darüber geschrieben hat.

Die scheinbar vertraute Kommunikation mit einer langjährigen Twitter-Followerin ist nun einmal für das komplette Internet einsehbar, inklusive der belästigenden Person – auch wenn man das „jeder-kann-das-lesen-Gefühl“ schnell verliert.

Jedes Mal, wenn ich durch meine Facebook-Timeline scrolle, finde ich Aufrufe für Like4Like-Fanseiten-Support, die Bitte um Tipps zur Optimierung des eigenen Blogs oder Ratgeber-Blogposts oder -eBooks zum Thema „Follower bekommen“. Follower gelten in Bloggerkreisen als kostbares Gut und der Vergleich mit den „ganz Großen“ der Branche zeigt immer wieder, was für ein kleiner Fisch man doch eigentlich ist. „Ich hab doch nur XXX Follower, dafür interessiert sich doch eh keiner!“

Heutzutage, 2016, bestreiten InfluencerInnen ihren Lebensunterhalt durch die Anzahl der Herzchen, Sternchen und Däumchen in Apps. Die nächste Generation der Internet-Stars steht schon in den Startlöchern. Reichweite ist zu einer Währung geworden. Die verschiedenen Kanäle machen es uns immer einfacher, nicht nur stumm teilzunehmen, sondern auch zu posten und unseren digitalen Senf dazuzugeben. (Man denke nur an Snapchat: startet man die App, befindet man sich direkt im „Post-Modus“)

Ich denke, dass wir, die Produzierenden, nicht mehr bloß 1% der Community ausmachen. Trotzdem gibt es außerhalb der Blogger-Blase und der Netzwerke der Irgendwas-mit-Medien-Menschen noch eine große Masse, für die das Teilen von Content und Persönlichkeit nicht so selbstverständlich ist. Ich ziehe für mich die folgenden Konsequenzen daraus:

  1. Wir sollten uns nicht  von den erfolgsversprechenden Trends mitreißen lassen, die man „halt so macht“ oder unter den Influencern als in gelten.
  2. Wir sollten uns unserer potentiellen (und nicht nur der realen) Reichweite bewusst werden und diese mit Bedacht und Sinn nutzen.
  3. Wir sollten die Beziehung zwischen Blogs und Werbung diskutieren.

6 Kommentare

  1. Liebe Kato!

    So ganz den 1% zugehörig, gebe ich auch gleich einmal meinen digitalen Senf dazu. ;)
    Wunderbarer Artikel, wirklich! Ich mag Artikel, die schlaglichtartig auf die Gesellschaft blicken und Menschen, die kritisieren, die hinter die Fassaden schauen.

    Und ich glaube, dass die wichtigsten Botschaften in deinen letzten drei Sätzen stecken – und zusammengefasst zu einer einzigen werden kann: Als Blogger/Influencer (wo auch immer da die Trennlinie zu ziehen ist) beeinflusst man Menschen und sollte man seine Reichweite nicht unterschätzen. Egal, wie viele Follower man nun hat oder nicht. Solange nur eine Handvoll Menschen durch das, was man schreibt, bewegt wird (in welche Richtung, sei dahingestellt), übt man Einfluss aus – auf real lebende Menschen. Ich glaube, das vergessen wir gerne mal hinter unseren Bildschirmen (dazu und auch zur Gegenrichtung – Follower haben Einfluss auf die Bloggenden – wächst aktuell eine Diskurs in den Blogs, habe ich den Eindruck).

    Daher ist Transparenz für mich auch das oberste Gebot – auch und gerade, wenn es um solche Dinge wie Werbung geht. Der bin ich übrigens nicht per se abgeneigt – vor allem in der Nachhaltigkeitsbranche haben es kleine Firmen oftmals schwer (die zum Teil wirklich tolle Ideen und Produkte haben), Fuß zu fassen, wenn sie lediglich auf die Mittel der „konventionellen“ Werbung angewiesen sind. Aber auch hier darf man das Bewusstsein für gezielte Manipulation und den Unterschied zur gut gemeinten Empfehlung nicht aus den Augen verlieren.

    Generell gilt für mich: Wenn ich produziere, öffentlich, im Internet, dann mache ich mir bewusst, was ich vielleicht damit anstellen kann – im positiven wie auch im negativen Sinne.

    Liebe Grüße
    Jenni

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    1. Hey Jenni, danke für deinen langen Kommentar. Einen Bogen zu schlagen und meine chaotischen Gedanken zu einem Fazit (bzw drei Sätzen) zu formulieren, fiel mir verdammt schwer. Aber dieses Thema ist ja lange nicht ausdiskutiert. Ich recherchiere seit längerem zu einem speziell Werbung-auf-Blogs-Thema, mal gucken, ob wie und wann ich das publiziere.
      Der Diskurs dazu ist aber wahnsinnig wichtig. Ich sehe krasse Dreistigkeit und/oder Naivität auf Seiten der BloggerInnen, aber auch fehlende Sensibilisierung der LeserInnen, die selber nicht bloggen und nicht wissen, wie der Hase da läuft..
      Viele Grüße, Kato

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  2. Super Text, liebe Kato! Weiter so. Gerade die drei Punkte treffen es wirklich. Ich habe mittlerweile so gar keine Lust mehr auf das Ganze und überlege mich komplett zurückzuziehen. Manchmal finde ich diese Welt so unfassbar lächerlich. Danke für deinen Sinn für Realität und deine Fähigkeit auf wundertolle Weise zu kritisieren. Merci beaucoup!

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