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Digital Natives & und die Mär von der defizitären Kommunikation

Neulich in der Bahn: zwei Teenager, ein paar Sitzreihen vor mir. Das Mädchen nimmt ihre Handtasche, umarmt den pickeligen Jungen in einer ungelenken Bewegung und macht sich auf den Weg zur den Türen. „Tschüss, bis später“, ruft sie ihm beim Gehen zu. „Wie, später?“ fragt er verwirrt. „Na, bei WhatsApp!“  – „Achso.“ Offenbar meinte das Mädchen mit „bis später“, dass sie ihre Unterhaltung bei Whatsapp fortführen werden, während er dachte, sie würde ein späteres Treffen meinen, offline.

Was ist der Unterschied zwischen einer Face-to-Face- und einer WhatsApp-Unterhaltung? Letztere ist „computervermittelt“, wie man es in der Medienwissenschaft so schön nennt. Die computervermittelte Kommunikation (CvK) umfasst elektronische Kommunikationsmittel wie E-Mails, Foreneinträge, SMS, Skype-Anrufe und vieles mehr. Auch, wenn du jetzt diesen Blogpost liest und mir unten mit einem Kommentar antwortest, kommunizieren wir computervermittelt.

Die CvK hat Nachteile, das ist klar. In einer SMS oder Mail kann ich zum Beispiel die Gestik oder Mimik einer Person nicht sehen – deshalb behelfen wir uns mit Typographie und Smileys, Emoticons und Internet-Sprech. Kritiker sagen, dass die CvK immer defizitär ist; dass die Face-to-Face-Kommunikation das „einzig Wahre“ ist. (Einen kurzen Abriss über verschiedene Theorien dazu bietet Wikipedia).

Noch eine kleine Anekdote: In der Sekundarstufe I, ungefähr in der siebten oder achten Klasse, hatte ich eine beste Freundin. Nennen wir sie S. In den Schulstunden saßen S. und ich meistens nebeneinander und auch die Pausen verbrachten wir zusammen mit ein paar anderen Mädchen.

So manchen Nachmittag haben wir (teils stundenlang) telefoniert oder gechattet (ICQ – true 90s Kids remember!) Meine Mutter reagierte darauf mit Unverständnis:  „Hängst du schon wieder seit anderthalb Stunden mit S. am Telefon? Warum besucht ihr euch nicht einfach?“ Naja, so einfach war das ja nicht. Wir wohnten in unterschiedlichen Stadtteilen und hätten uns von unseren Eltern durch die Gegend kutschieren lassen müssen. Außerdem hatte das Chatten bzw. Telefonieren weitere Vorteile: man konnte nebenher noch andere Dinge machen, die Unterhaltung konnte ziemlich problemlos pausiert oder beendet werden, und das Zimmer musste man für den Besuch auch nicht aufräumen… Für uns war es vollkommen okay, „nur“ zu chatten, und uns nicht jedes Mal persönlich zu treffen, um den neuesten Klatsch aus der Parallelklasse zu besprechen.

Wir sind Digital Natives. Wir nutzen Technologien, sind daran gewöhnt permanent online. Aber das heißt nicht, dass wir die Face-to-Face-Kommunikation abschaffen wollen, dass sie uns nicht mehr wichtig ist. Schluss machen per SMS ist noch immer feige und auch eine Bachelorarbeit plant man besser in der Sprechstunde mit dem Dozenten als per E-Mail.

Dieses vielzitierte Beispiel von Menschen, die sich im selben Raum befinden, aber nur auf die Displays ihrer Smartphones schauen – zeigt das, dass Menschen nicht mehr kommunizieren, oder zeigt das nicht vielmehr, dass Leute anders kommunizieren? Mit jemand anderem?

Matthew G via flickr.com
„I was eating a sandwich when I saw this shot. I had time to finish it and walk back for the shot! Don’t get me wrong, I like using my phone too…..“ – Matthew G. via flickr.com (CC BY2.0)

Wenn eine Vorlesung wirklich interessant, eine Erzählung wirklich fesselnd ist, dann legen die Meisten – so mein Eindruck – ihre Smartphones automatisch weg. Ganz ehrlich? Bevor ich vor dem verschlossenen Hörsaal krampfigen Smalltalk mit irgendwelchen wir-kennen-uns-vom-Sehen-aber-haben-eigentlich-nicht-viel-miteinander-zu-tun-Kommilitonen beginne, verbringe ich meine Zeit lieber mit dem Handy in der Hand. Ich lese Nachrichten, beantworte E-Mails, unterhalte mich mit einer Freundin per Whatsapp oder notiere eine Einkaufsliste für später – die kleinen Dinger können mittlerweile ja allerhand, aber das ist ein anderes Thema.

Ich bin mir übrigens sicher: die Teenager aus der Bahn, die einige Haltestellen auseinander wohnen, schreiben lieber per WhatsApp als sich gar nicht zu sehen.

[blue_box]Dieser Beitrag ist Teil der No Monologue-Reihe, die Vita ins Leben gerufen hat. Die erste Runde beschäftigt sich mit dem Schlagwort „Digital Natives“. Weitere Beiträge zu diesem Thema gibt es bei: Vita, Alexandra, Caro, Maxie-Renée, Lexa, Christina, Amy und Diana.[/blue_box]

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Titelbild: Francisco Osorio via flickr.com (CC BY 2.0)  Bild 2: Matthew G. via flickr.com (CC BY 2.0)  Bild 3: Vita.

11 comments

  1. Gerade heute hat meine Ärztin gesagt, dass die Menschen im Internet keine echten Menschen sind :D Also sie ist der Ansicht das eine Face-To-Face Unterhaltung der Psyche mehr bringt und so.

    Also sagte sie, ich soll rausgehen und mit Menschen kommunizieren.
    … das wir uns fünf Minuten vorher darüber unterhalten haben, dass ich seit November Kopfschmerzen hab und das fast täglich, hat sie wohl vergessen (Ja mit Kopfschmerzen ist das nicht so angenehm in der großen lauten Stadt)

    1. „Man muss nicht rausgehen, um mit Menschen zu reden“ ist eh das allerbeste pro-CVK-Argument!

  2. ICQ – das waren noch Zeiten. :) Für mich war damals die DSL-Flat ein Highlight und ich hing ständig in ICQ.

    Ich stimme dir vollständig zu: Die Kommunikation über technische Hilfsmittel funktioniert genauso gut wie die direkte, sie geht häufig schneller, manchmal klarer und eindeutiger (weil man mal eben einen Screenshot schicken kann, statt alles ewig lang zu erklären).

    Als ich studierte, war das chatten oder skypen oft der einzige Kontakt, den ich zu meinen Eltern und Freunden in meiner Heimatstadt aufrecht erhalten konnte. Dadurch war der Kontakt aber nicht schlechter. :)

    Beste Grüße
    Diana

  3. Hi,

    interessant, dass bei dir die Leute das Handy weglegen, wenn die Vorlesung gut ist. Da habe ich andere Erfahrungen gemacht. :) Das finde ich aber auch ok, denn es ist schließlich die persönliche Entscheidung, ob jemand lieber aufpassen oder was auf dem Handy machen will.

    Generell habe ich das Gefühl, dass dieser defizitäre Blickwinkel von irgendwelchen kulturpessimistischen Menschen eingenommen wird, die einfach alles Neue blöd finden. Davon abgesehen, ist es schon interessant, zu fragen, wie digitale Kommunikation die Gesellschaft verändert. :)

  4. Toller Beitrag. Ich stimme dir voll und ganz zu.
    Ich kenne es nur all zu gut, was du beschreibst: „Damals“ stundenlang mit der besten Freundin telefonieren oder per ICQ chatten – meine Eltern konnten das nie nachvollziehen und können auch heute die CvK nur bedingt nachvollziehen.
    Aber es ist so wie du schreibst: Wir sind Digital Natives, eben daran gewöhnt, für uns ist das nichts schlechtes oder schlimmes, sondern oft eben ein Vorteil. Und die persönliche Kommunikation ist vielleicht anders (vielleicht auch seltener) als früher, aber niemand würde sie missen wollen.

  5. Ein interessanter Blickwinkel.

    Eigentlich sagst du damit ja: Durch die permanente Möglichkeit mit anderen zu kommunizieren sind wir ehrlicher in Gesprächen die Angesicht zu Angesicht verlaufen. Früher hätte man sich halt unterhalten, wenn man schon an einem Tisch sitzt. Heute entscheidet man sich dafür eine andere Person wichtiger zu finden und ziehen deswegen die CvK der „direkten“ Kommunikation vor. Wirklich interessant. Und wahrscheinlich wahr.

    Allerdings birgt das auch die Gefahr, dass man so anderen Personen weniger Chancen gibt. Chancen einem so wichtig zu werden, dass man für ihn das Handy aus der Hand legt.

  6. Richtig guter Artikel zum Thema! ICQ, das waren noch Zeiten, so wie diese ganzen Mengen an Messenger-Diensten damals ;) Heute ist ja Whatsapp das Nonplusultra, damals hatte man irgendwie auf dem Rechner fünf verschiedene Dienste installiert…

    Ich glaube, diese Haltung „Nur direkte Kommunikation von Angesicht zu Angesicht ist das Wahre“ vertreten eben genau die Menschen, die keine Digital Natives sind, und die zu einer Generation gehören, in der man noch maximal zehn Fußminuten weg von der besten Freundin gewohnt hat und in der es noch alles andere als normal war, dass Leute für ein halbes oder ganzes Jahr irgendwohin ins Ausland gingen. Face2Face-Unterhaltungen haben selbstverständlich eine andere Qualität und werden auch niemals durch technische Hilfsmittel ersetzt werden können, aber chatten, schreiben, telefonieren sind eben oft die einzige Möglichkeit, wenn Familie oder Freund weit entfernt wohnen – und manchmal auch ganz angenehm. Man hat sich ja heute auch schon so ein bisschen daran gewöhnt, Unterhaltungen beenden zu können, wann man möchte, und sich mit Antworten auch mal Zeit zu lassen ;)

  7. Word! Wie ich dieses Argument hasse, dass man sich über Chat gar nicht wirklich unterhalten und kennen lernen kann. So ein Quatsch! Oft ist man online irgendwie sogar offener und ehlicher, als Face to face.
    Ich liebe es jedenfalls, wenn man was nebenbei machen kann und sich die Antwort auch mal überlegen kann. Und dass nicht in jeden deiner Gesichtsausdrücke was reininterpretiert werden kann.
    Und ja, es stimmt. Wenn etwas ganz besonders viel Aufmerksamkeit verdient, dann legen wir freiwillig das Handy aus der Hand.

  8. […] schrieb einen sehr tollen Beitrag über Digital Natives & die Mär von der defizitären Kommunikation. Ich gehöre ebenfalls zur Generation der Digital Natives und ich schätze, der Großteil von euch […]

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