Effektiv lernen mit Karteikarten: Fünf Methoden

Menschen sind verschieden, und Menschen lernen auf unterschiedliche Arten. Welche Lernmethode einem am besten liegt, muss man alleine und durch ausprobieren herausfinden. In der fünften oder sechsten Klasse wurden wir im Englischunterricht dazu gewungen, einen Vokabel-Karteikasten anzulegen. Die elfjährige Kato fand es wahnsinnig ätzend, stapelweise Kärtchen mit krakeliger Handschrift und schmierendem Lamy-Füller beschreiben zu müssen. Mittlerweile habe ich meinen Frieden mit Karteikarten geschlossen und sie als effektive und vielseitige Lernmethode für mich entdeckt:

1. Klassisch mit der Karteikastenmethode

Diese Methode kennen die meisten wahrscheinlich schon: Man beschreibt die Vorderseite einer kleinen Karteikarte mit einer Vokabel, einem Begriff oder einer Frage. Auf die Rückseite kommt die Lösung.

Mit einer Schachtel (alternativ auch einem schmalen Schuhkarton oder einer Tupperdose) und mehreren Trennfächern bastelt man sich einen Karteikasten. Zunächst kommen alle Karten in das erste Fach. Karten, deren Lösung man wusste, kommen ins nächste Fach. Die anderen verbleiben im vorderen Fach. Nach und nach rutschen die Karten nach hinten und werden in immer länger werdenden Zeitabständen wiederholt. So sollen die Informationen im Langzeitgedächtnis gespeichert werden.

Diese Methode hat Vor- und Nachteile: regelmäßig angewendet bringt sie sicher gute Resultate – außerdem ist das von-Hand-schreiben gut fürs Gedächtnis. Allerdings stapeln sich die Karten irgendwann bis unter die Decke und werden unhandlich. Wenn das ein Problem für dich darstellt, scroll mal zu Punkt 4. Außerdem ist diese Methode für langfristiges Lernen ausgelegt und für ein-paar-Tage-vor-der-Klausur-Lernsessions nicht so gut geeignet.

Dafür empfehle ich meine persönliche Lieblingsmethode:

2. Mit Farben und Struktur zur Mind-Map

Bei dieser Methode brauchst du größere Karten, z.B. DIN A6 oder A5, weil mehr Informationen auf eine Karte geschrieben werden.

Zunächst einmal musst du deinen Lernstoff in Kategorien einteilen, z.B.: Personen, Ereignisse, Theorien, Orte, Gruppen, Formeln, Gesetze, Abkürzungen, … Womöglich wirst du bei deinem Fach nicht alle dieser Kategorien haben. Für jede dieser Kategorien wählst du eine Farbe aus. Die Karteikarten werden farblich markiert, indem du die Überschrift unterstreichst. Den Rest der Karte füllst du mit den relevanten Informationen. Stelle Querverweise zu anderen Karten her und markiere auch Jahreszahlen farbig. Ein Beispiel:

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Nun, warum sollst du das auf Karteikarten schreiben und nicht einfach in dein Heft? Der Vorteil der Karten ist ganz klar die Flexibilität: Du kannst sie immer wieder neu sortieren, anordnen und damit Zusammenhänge bildlich darstellen.

  • Lege dir einen improvisierten Zeitstrahl auf den Boden, zum Beispiel ein Maßband, einen Gürtel, einen Schal… Anhand dieses Zeitstrahles kannst du alle Karten chronologisch anordnen.
  • Bilde Hierarchien und Stammbäume, bilde Konsequenzen und Weiterentwicklungen ab
  • Bei Vokabeln: sortiere die Wörter einmal nach Wortarten, z.B. alle Verben zusammen, alle Adjektive zusammen… und einmal thematisch mit gemischten Wortarten (z.B. Thema Wohnen: die Küche, kochen, der Tisch, das Schlafzimmer, schlafen, hell, klein, gemütlich)

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3. Immer im Blick

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Das ist… Isländisch!

Ich war mal bei einer Wohnungsbesichtigung. Es handelte sich um ein Ein-Zimmer-Apartment einer Medizinstudentin. Bekanntlich müssen Mediziner in den ersten Semestern ja jede Menge auswendig lernen: Knochen, Nervenbahnen, Organe… Überall in ihrer Wohnung hingen große und kleine Lernzettel. Neben dem Spiegel im Bad klebte eine DIN A4 Zeichnung mit dem menschlichen Skelett inklusive der Knochenbezeichnungen. Beim Zähneputzen oder Haare föhnen fällt der Blick automatisch auf den Lernzettel und man nutzt auch kleine Pausen, um sich den Stoff ins Gedächtnis zu rufen. Gerade beim Vokabeln lernen ist die Methode praktisch, weil man Möbel, Haushaltsgegenstände etc. mit dem passenden Wort beschriften kann. Für abstrakte Vokabeln funktioniert das natürlich nicht so gut.

4. Digital – Karteikarten 2.0

Mittlerweile gibt es eine Menge Tools, um Karteikarten zu digitalisieren. Ich habe nicht alle getestet und möchte dir an dieser Stelle einfach Anki ans Herz legen. Damit habe ich während meines Sprachenstudiums gut lernen können, vor allem mit der App. Anki sortiert die Karten automatisch ähnlich wie in der in Punkt 1 beschriebenen Methode.

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Die Vorteile sind klar: man kann seine Lernkarten synchronisieren und auch mit anderen teilen (z.B. kann jeder aus dem Kurs ein Kapitel mit Vokabeln abtippen, dann tauscht man die Dateien und jeder hat alles). Mit dem Smartphone kann man auch in Situationen, in denen man nicht seinen ganzen Lern-Ordner mit sich rumschleppen will oder kann, die Zeit nutzen. Mein Lieblingslernort war übrigens die Straßenbahn. Darüber hinaus kann man nicht nur Wörter in Anki eintippen, sondern auch Bilder oder Töne nutzen. Der Nachteil: das von-Hand-schreiben bei normalen Karteikarten, eine gute Übung, fällt weg.

Zur Anki Webseite (Download für Windows, Mac, Linux; kostenlos) / AnkiDroid (Android, kostenlos) / AnkiMobile (iOS, kostenpflichtig) / Ankiweb (Online-Version)

5. Spielerisch und in der Gruppe

Mit meinen beiden Deutschklassen habe ich kürzlich dieses Spiel gespielt, um mit ihnen das Alphabet zu üben: Ich habe auf 30 kleine Karteikarten jeweils einen Buchstaben des Alphabets geschrieben. Die Rückseite bleibt leer. Dann habe ich den Stapel gemischt und mit der beschriebenen Seite nach unten den Kursteilnehmern hingehalten. Sie sollten eine Karte ziehen, ähnlich wie bei Kartentricks. Den gezogenen Buchstaben zeigen sie und lesen ihn laut vor. Wenn sie es richtig gemacht haben, dürfen sie die Karte behalten. Wenn sie es nicht wussten oder falsch vorgelesen haben, wird der Buchstabe nochmal laut wiederholt und kommt wieder in den Stapel. Reihum ziehen die Schüler, bis alle Karten weg sind. Die schwierigen Buchstaben (z.B. die Umlaute) werden automatisch mehrmals wiederholt. Das Lernen mit Karteikarten stellt eine Abwechslung zu den sonstigen Lernformen im Unterricht dar.

Dieses Spiel lässt sich auch mit vielen anderen Begriffen abwandeln und zum Beispiel in der Lerngruppe spielen. Auch andere Spielprinzipien lassen sich mit Karteikarten nachbasteln, z.B. Memory oder Domino. Die Stimmung beim Lernen wird aufgelockert und mit einem Lachen behält man den Stoff bestimmt besser.

Wie nutzt ihr die Karten bisher? Habt ihr noch einen guten Tipp fürs Lernen mit Karteikarten oder eine Frage zu den vorgestellten Methoden?

 

 

12 Kommentare

  1. Schöne Ideen! Bei mir steht auf Karteikarten einfach immer die Zusammenfassung dessen, was ich lernen möchte. Ich könnte das Ganze zwar auch auf Din A4-Blätter schreiben, wäre das selbe, aber die Karteikarten lassen sich besser mitnehmen und unterwegs durchgehen ;) Wenn ich mal etwas Muße habe, muss ich unbedingt #2 mal ausprobieren, mit Farben und Verbindungen fällt mir das Lernen meist leichter.

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  2. Toller Post! Der kommt gerade richtig für mich. Bisher waren meine Erfahrungen mit Karteikarten eher so lala, stattdessen habe ich mir eher themenbezogene Zettel geschrieben. Die sind aber eher voll und manchmal entwickle ich daraus dann gröbere Karteikarten, was aber auch erst gegen Ende der Vorbereitung klappt. Ich werde aber mal die Nummer 2 ausprobieren, die klingt sehr praktisch!

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  3. Bisher habe ich tatsächlich nicht verstanden, wieso Karteikarten mit mehr als einer Vokabel drauf sinnvoll sein sollen – aber jetzt weiß ich Bescheid, danke :D Punkt 2 werde ich mir fürs nächste Mal auf jeden Fall merken, ich glaube, Querverweise und umordnen/zueinander in Beziehung setzen käme mir sehr entgegen.
    Sprichst/lernst du also Isländisch? Wie kommt es? :)

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  4. Karteikarten sind wirklich eine tolle Lernhilfe. Ich habe fast nur damit meine Ausbildung bestanden und war wirklich immer wieder froh und kann sie jetzt heute weitergeben. Danke für diesen guten Tipp!

    Liebe Grüsse

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  5. Der Post gefällt mir gut, Punkt 1 hat bei mir nie irgendetwas gebracht. Punkt 2 hingegen benutze ich eigentlich immer. Die dritte Idee habe ich gerade in den ersten Jahren als ich italienisch gelernt habe oft verwendet, nur jetzt haben wir so komischen Vokabeln so etwas gibt es in unserer Wohnung nicht hahah
    Liebste grüße, marina

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  6. Der Beitrag hier gefällt mir auch sehr gut, ich werde mal den zweiten Punkt ausprobieren, denke ich, da ich mit Punkt 1 schon immer gut und schnell Vokabeln lernen konnte :)

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  7. […] Jedenfalls habe ich mich weiter mit dem Kurs Der komplette Web-Entwickler Kurs 2.0 -Erstelle 25 Webseiten* beschäftigt. Ich kann euch sagen, lernen ist anstrengend. Übrigens lerne ich parallel dazu auch noch Spanisch, weil der Junior das gerade in der Schule begonnen hat und ich ihn unterstützen möchte. Dabei bediene ich mich übrigens ganz altmodisch der Karteikastenmethode. […]

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  8. Hey, super Artikel.
    Auch ich schwöre auf Karteikarten. Durch das aktive Abfragen der richtigen Informationen nutzt man die Zeit viel besser.
    Ich nutze einen „old school“ Karteikasten ;-)
    Aber auch Anki und BrainYoo kann ich empfehlen.
    Ich habe auf [Link entfernt] auch einen Artikel zu dem Thema verfasst.
    Vielleicht hast du Zeit und schaust einmal vorbei.

    Schöne Grüße
    Michael

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