Einführung in…

Jedes Semester ertappe ich mich aufs Neue dabei: Ich stöbere durch das neue Vorlesungsverzeichnis und erstelle mir nicht nur meinen Stundenplan fürs kommende Semester, sondern klick mich quer durchs Uni-Angebot auf der Suche nach  interessant und/oder kurios klingenden Studiengängen und Veranstaltungen.

Das klingt spannend, da könnte ich mich doch mal reinsetzen!

Manchmal suche ich auch gezielt nach etwas, womit ich eine Freistunde füllen könnte. Oder ich tippe „Einführung in“ in das Suchfeld. Einführung in die Genealogie, Einführung in die Comicanalyse, Einführung in das Standardmodell der Elementarteilchenphysik, Einführung in das Kopieren von Keilschrifttafeln (kein Scherz!) …

Die Vielfalt der universitären Ausbildung erscheint so dicht komprimiert fast komisch. Wusstet ihr, dass Studenten in der Spätantike und im Mittelalter zunächst die „Sieben Freien Künste“ (lat. septem artes liberales) Dialektik, Grammatik, Rhetorik, Arithmetik, Astronomie, Geometrie und Musik lernten (bzw. lernen mussten) und sich dann erst ihrem eigentlichen Studium widmeten, z.B. Theologie oder Jura? Stellt euch mal die verdutzen Gesichter der heutigen Jurastudenten vor, wenn man ihnen Pflichtkurse in Musik und Mathe aufbrummen würde!

Nein nein, heutzutage kann man sich voll und ganz auf sein Fach konzentrieren. An manchen Unis muss man noch ein paar Credit Points im fachfremden Wahlpflichtbereich sammeln, aber da nimmt man dann einfach einen Sprachkurs und ein paar berühmt-berüchtigte Soft Skill-Seminare und dann tut man auch was für die Karriere. An der Universität sind zwar dutzende, ganz unterschiedliche Wissenschaften vertreten, doch man interessiert sich nur für die eigene.

 

Ohne CP nichts los

Wann hast du dich zuletzt einfach so in eine Vorlesung gesetzt? Aus Interesse, nicht weil sie zu deinem Pflichtmodul gehört? Um etwas zu lernen, nicht um in der Regelstudienzeit zu bleiben? Um dich weiterzubilden, nicht weils in der Prüfungsordnung vorgeschrieben ist?

Jedes Semester nehme ich es mir vor und schreibe mir mindestens eine interessant klingende Vorlesung in den Kalender – und geh‘ dann doch nicht hin. Entweder sie überschneidet sich mit meinem Stundenplan, oder sie liegt zeitlich doof (18-20 Uhr im Wintersemester? Och nöö, da ist es draußen doch schon dunkel und kalt…) oder man hat im Semester doch eh schon so viel zu tun…

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Irgendwie bin ich mir selbst gegenüber nie um eine Ausrede verlegen. Dabei verpassen wir durch unsere engstirnige Fokussierung auf unser Fach das wahnsinnig breite Spektrum an Möglichkeiten, die die Hochschule bietet. Die Gesellschaft, die Diskussion über die Bologna-Reform und pessimistische Arbeitsmarktprognosen erzeugen bei uns den Druck, unser Studium in Regelstudienzeit zu beenden, dabei Arbeits- und Auslandserfahrung zu sammeln  und nselbstverständlich passable Noten zu schreiben. Kein Wunder, dass die Zeit für Hobbies, Sport, außeruniversitäres Engagement und Weiterbildung da sehr knapp bemessen ist. Wenn wir diese Regelstudienzeit-lückenloser-Lebenslauf-Scheuklappen ablegen, erkennen wir aber, dass wir nicht bloß Zeit und Energie investieren, sondern unglaublich viel zurückbekommen: Wissen, neue Perspektiven und Kontakte, Fähigkeiten und Erfahrungen.

 

Ein Plädoyer

Also nutzt die Gelegenheiten, die euch offenstehen: setzt euch in andere Vorlesungen, geht zu der Ausstellung, engagiert euch sozial, kulturell, ökologisch, in der Hochschulpolitik oder weiß-der-Kuckuck-wo. Bucht den Kurs, auch wenn er nicht so toll in euren Stundenplan passt.

In ein paar Jahren werden wir uns ärgern, wenn die örtliche VHS nur Italienisch für gelangweilte Hausfrauen anbietet und sich die interessanten Yoga- und Kulturangebote mit der 60-Stunden-Karrierewoche überschneiden. Das Wissen aus der Einführung in die Geneaologie werdet ihr vielleicht nie wieder in eurem Leben brauchen – aber vielleicht wird euer Sitznachbar euer bester Freund.

 

P.S.: Dieses Semester wird alles anders. Naja, fast. Die Marketing-Vorlesung liegt mal wieder zeitlich ziemlich bescheiden. Aber dafür habe ich mich für den Fotografiekurs eingeschrieben. Der geht sogar bis 22 Uhr. Im Wintersemester.

Fotos: Jay Mantri (CC0 1.0)

12 Kommentare

  1. Ohje, das kenne ich nur zu gut. Nicht von mir, aber von meiner besten Freundin. Die erzählt mir jedes Semester aufs Neue, welch kuriose Vorlesungen es gibt und ob ich nicht Lust habe mitzukommen, wird bestimmt lustig oder interessant.
    Ja, und dann ist es soweit und dann ist das Fernsehprogramm oder das leckere Abendessen einem doch wichtiger.
    Eine wirklich blöde Angewohnheit Dinge immer einfach so, für nichts, abzusagen.
    Wir können uns ja nun vornehmen das zu ändern :9
    Liebst
    Anita
    http://theapplepig.blogspot.de

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    1. Hey Anita, ja dann bin ich ja nicht die einzige, die angesichts der Kuriositäten des Vorlesungsverzeichnisses in Verzückung gerät ;) Nächstes Semester gehen wir mal mit, okay? Liebe Grüße

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  2. Ich war zu Beginn des Artikels schon ganz neidisch auf dein Bücherregal, aber das ist ja „nur“ von Jay Mantri… Puh! Aber toll ist es trotzdem!
    Das mit der Unibandbreite geht mir ähnlich… Ich gucke eigentlich nicht mal über den Tellerrand, aber die Veranstaltungen, die ich letztes Semester in meinem Studiengang einfach so oder einfach nochmal (zur Vertiefung) machen wollte, waren nach vier Wochen auch alle vom Stundenplan verschwunden… Ein bisschen Zeit bleibt mir ja noch! Was studierst du eigentlich, Kato? Viele Grüße, Lisa

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    1. Hey Lisa, oh ja das Regal ist klasse! Das steht im KEX Hostel im wundervollen Reykjavík. Jays Bilder finde ich generell richtig gut, hab da letztes Mal drüber gebloggt.
      Veranstaltungen wiederholen zu wollen ist auch ein löblicher Vorsatz ;) ja nächstes Semester dann… Ich fange gerade mit einem Master in Medienwissenschaft an und finds bisher sehr cool hier.
      Liebe Grüße!

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  3. Das sind gute Gedanken. Habe jetzt an einer (relativ kleinen) FH angefangen, da ist das ganze leider nicht ganz so frei – kriege meinen Stundenplan ja vorgesetzt.
    Hab mir aber auch vorgenommen, mal bei der angewandten Informatik vorbeizugucken, wenn ich mal ne Lücke hab.

    Liebe Grüße,
    Diana von STILGETREU

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  4. Schöner Beitrag :) Ich bin ja selbst so Alles-Studentin durch mein Doppelstudium, deswegen kann ich deinen Aufruf nur bestätigen, es ist klasse, mal andere Sichtweisen zu bekommen. Wenn man immer nur die nötigen Veranstaltungen besucht, kommt man nämlich auch nicht aus der Blase der eigenen Wissenschaft raus – dabei behandeln viele unterschiedliche Fächer oft die selben Themen, aus anderen Blickwinkeln heraus, das kann sehr spannend sein. Mir fällt das zum Beispiel auf bei Soziologie und Geographie, die beide auch Themen aus meinem Hauptfach Politikwissenschaft sowie oft ähnliche Theoretiker behandeln, aber auf eine ganz andere Art und Weise.

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    1. Hallo Ariane, du machst ein Doppelstudium? Wie cool! In welchen Fächern? Politik & …? Ich freu mich auf jeden Fall auf den Perspektivenwechsel jetzt im Master :)

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  5. „In ein paar Jahren werden wir uns ärgern, wenn die örtliche VHS nur Italienisch für gelangweilte Hausfrauen anbietet und sich die interessanten Yoga- und Kulturangebote mit der 60-Stunden-Karrierewoche überschneiden.“ hat mir zu denken gegeben, ganz im Sinne von „später wird man sich über die Dinge ärgern, die man nicht gemacht hat, aber hätte machen können, als über die, die man gemacht hat. Habe selber in den ersten beiden Semestern sehr viele Veranstaltungen besucht, die ich einfach nur persönlich interessant fand, und zwar fächerübergreifend. Später findet man aber heraus, was einem mehr liegt und „spezialisiert“ sich ein wenig, was in meinen Augen völlig normal ist. =)

    LG, Luisa

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  6. Wir hier haben auch nur Fachbezogenes weil Fachbereich – außerhalb von Design oder Kunst lernen wir nix :( aber das allein ist schon soooowas von vielfältig. Z.b. die Geschichte des „Selfies“ oder „was ist so interessant an der Romantik? “
    mich persönlich hält die Distanz zur Uni immer auf. Ich wäge sogar die Teilnahme am Seminar ab: hab ich was zum Vorzeigen? Nein? Dan lohnt es auch nicht die dreißig Kilometer da hin zu fahren. Ca. 2 Stunden Bahn odet zu viel Sprit. Dann bleib ich Zuhause und produziere. Ist ja auch Studieren :D
    Durch die Entfernung zur FH bin ich so ein Selbsstudium-Typ geworden. Ich mach immer alles alkein ohne fremde Beihhilfe. Einzelkämpfer :D

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    1. Hey Bonnie,
      die Geschichte der Selfies klingt verdammt spannend! :D Schade, dass es das bei uns nicht gibt.
      Ja, das versteh ich voll und ganz. Ich pendle jetzt ja auch zur Uni und da ist man einfach weniger spontan. Wobei ich bei fast allen Kursen Anwesenheitspflicht hab, die treibt mich dann doch hin. Außerdem kann ich im Zug ganz gut lesen oder lernen.
      Aber hey, Selbstständigkeit ist doch eine gute Kompetenz fürs Berufsleben später ;)

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  7. Mir geht es ganz genauso. Ich wollte eigentlich mit meinem Freund in Wirtschafts- und Sozialgeschichte gehen, und außerdem wollte ich mich als Vorbereitung auf meine Bachelor-Arbeit noch mal in die Einführung in die südslawischen Literaturen setzen… und was mach ich? Ich zieh knallhart drei Tage die Woche mein Teilzeitpraktikum durch :D

    Schade eigentlich, aber tatsächlich ist es so, dass ich wirklich keine Zeit habe, weil ich da gar nicht da bin. Und es ärgert mich ungemein.

    Liebe Grüße

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