Eine Herzensangelegenheit: Flüchtlingen Deutsch beibringen [Neues Projekt]

[tl;dr: Ab sofort blogge/vlogge ich unter sprache-ist-integration.de zum Thema „Flüchtlingen Deutsch beibringen“ und sammle Tipps und nützliche Links für Ehrenamtliche, die Deutschunterricht für AsylbewerberInnen anbieten möchten und noch keine Erfahrung mit DaF (Deutsch als Fremdsprache) oder Didaktik haben.]

Ihr Lieben,

ich weiß nicht so recht, wie ich diesen Beitrag einleiten soll. Vorhin habe ich es versucht, und daraus wurde ein 1400-Wörter-Stream of Consciousness über meine gestrigen Erlebnisse mit AsylbewerberInnen und rassistischen Arschlöchern.

Zweiter Versuch: Vor einigen Monaten habe ich mir einen zweiten Facebook-Account angelegt, um diesen ganzen Blogger-Quatsch (Gruppen, Veranstaltungen, gelikte Seiten) von meinem privaten Account zu trennen. Mit diesem Zweitaccount bin ich vor einer Woche der Gruppe „Blogger für Flüchtlinge – Aktive Hilfe & friedlicher Widerstand“ beigetreten, die die #bloggerfuerfluechtlinge-Aktion koordiniert. Dort bekomme ich also jetzt alle möglichen Informationen über Hilfsprojekte mit, über die Lage in München und Berlin, über private Initiativen und Spenden von Firmen. Außerdem helfe ich im Redaktionsteam mit, ich schalte also Blogs frei, die sich auf der Webseite in die Bloggerliste eintragen, und entdecke dabei inspirierende BloggerInnen, mutige Aktionen und kluge Worte. 

Als ich heute morgen in der Gruppe das Posting eines Syrers gesehen habe, der sich bei den Deutschen für die Hilfe bedankt, hatte ich fast Pipi in den Augen. Die Beiträge aus anderen (Blogger-)Facebookgruppen, die mir mit diesem Facebookaccount ebenfalls angezeigt werden, erscheinen mir in diesem Kontext schon zynisch. Hauls, pseudodeepe Kolumnen, Interior-Posts. Es interessiert mich einen Scheiß, wie du dein Wohnzimmer eingerichtet hast oder was in der aktuellen Glossybox drin war. Zum Glück schreiben auch immer mehr Blogger über das Flüchtlingsthema, beschäftigen sich mit der Situation und helfen mit.

Ich hoffe, dass mehr Menschen helfen.

Dass die offiziellen Stellen überfordert sind, ist offensichtlich. Die Ehrenamtlichen werden gebraucht, nicht nur bei der Erstversorgung, sondern auch darüber hinaus.

Mir persönlich liegt besonders der Deutschunterricht am Herzen. Ich besitze ja einen entsprechenden Bachelor, der mich als Lehrerin für DaF (Deutsch als Fremdsprache) qualifiziert und ich besitze ebenfalls die Zulassung zur Lehrtätigkeit in Integrationskursen vom BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge). Besagte Integrationskurse stehen jedoch leider nur anerkannten Flüchtlingen zu. Sprich, es sitzen gerade zehntausende AsylbewerberInnen in ihren Unterkünften herum und langweilen sich, weil sie weder Deutsch lernen noch arbeiten können (die Arbeitserlaubnis ist eine andere Baustelle, Interessierte können ja mal die entsprechenden Regelungen lesen).

Dabei ist gerade das Beherrschen der Sprache so wahnsinnig wichtig! Wie sollen sich die Leute sonst unter den Einheimischen integrieren, wie sollen sie den Alltag (Arztbesuche, Einkaufen) bewältigen? Spätestens wenn die Flüchtlinge anerkannt sind, brauchen sie Deutsch. Wie sollen sie sonst Arbeit finden oder einen Schulabschluss machen?

Ich wünsche mir, dass mehr Menschen ehrenamtlich im Bereich der Sprachvermittlung helfen. In der Hilfsgruppe bei Facebook, aber auch an anderen Orten im Netz habe ich Leute gesehen, die sich prinzipiell für diesen Bereich interessieren, aber noch Hemmungen haben, sich als DeutschlehrerIn anzubieten. Wie läuft das denn genau ab, wo kriege ich die Materialien her, und was mache ich, wenn meine SchülerInnen alle Arabisch oder andere Sprachen sprechen, die ich gar nicht verstehe?! 

Schon vor einigen Wochen kam mir die Idee, Informationen und Tipps für am Deutschunterricht interessierte Menschen zu sammeln und daraus einen Blogpost zu schustern. Irgendwie habe ich das immer wieder aufgeschoben, doch jetzt, wo die #bloggerfuerfluechtlinge-Welle sich erhebt und das Flüchtlingsthema auch so präsent in den Medien ist, ist der richtige Zeitpunkt gekommen. Jetzt oder nie.

In den letzten Tagen habe ich versucht, die häufigsten Fragen dazu zu sammeln und teilweise auch schon zu beantworten – schriftlich und in Video-Form. Video? Ich hätte niemals gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber: ich habe ein YouTube-Video gemacht. Naja, sogar zwei. Warum? Weil ich denke, dass man über YouTube viel mehr Leute erreichen kann als nur über den Blog; und außerdem eignen sich manche Themen der Methodik und Didaktik wohl eher dazu, mündlich als schriftlich erklärt zu werden.

Zugegebenermaßen hätten sich die ersten beiden Themen „Welche Materialien braucht man für den Deutschkurs?“ und „Wie finde ich einen Unterrichtsraum für den Sprachkurs?“ auch wunderbar ausschließlich in Schriftform abhandeln lassen können, aber ich sehe es als Übung. Und ja, ich weiß, die Videos sind unpräzise geschnitten und ich sage viel zu oft „Ääh“. Aber ich hoffe, ich werde besser darin, und kann eine Handvoll Leute dazu ermutigen, ein paar Stunden ihrer Freizeit für Deutschunterricht zu „opfern“ – ich verspreche euch, es macht auch wahnsinnig viel Spaß!

Der Übersichtlichkeit halber lagere ich alle Posts zu dem Thema „Deutsch für Flüchtlinge“ auf die Subdomain daf.innocentglow.de aus. Update: Mittlerweile gibt’s dafür einen separaten Blog: sprache-ist-integration.de

Bei Fragen zum Ehrenamt oder DaF allgemein könnt ihr mich sehr gern kontaktieren, zum Beispiel per Mail/Kontaktformular, Twitter, Facebook oder wo ihr mich sonst noch so findet. Vor zwei Tagen erreichte mich zum Beispiel eine Mail von einer 83-jährigen Dame aus München (pensionierte DaF-Lehrerin) – ist das nicht wundervoll?

Ich bin ehrlich gesagt ziemlich nervös, weil ich mich mit jedem Byte, das ich ins Internet lade, angreifbarer mache – vor allem mit Videos. Aber ich hoffe einfach, dass das Angebot angenommen wird und die „Schlechtmenschen“ fern bleiben.

– Kato

 

  1. Hey Kato,
    super, was du machst – nicht nur deine Hilfe vor Ort, sondern auch, dass du deine Erfahrungen weitergibst und hoffentlich einige dazu ermutigst, es dir gleich zu tun. Ich gebe zwar keine Deutschkurse, helfe aber anderweitig direkt bei allen möglichen alltäglichen Problemen und so kompliziert es manchmal sein kann – meist macht es auch jede Menge Spaß :) Ich kenne wirklich viele, die gerne „etwas tun würden“, aber irgendwie noch unsicher sind, wie und wo sie helfen können. Genau die gilt es zu erreichen und Möglichkeiten aufzuzeigen.
    Liebe Grüße
    Anna

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  2. Eine tolle Idee. Ich freu mich schon drauf zu hören, wie’s läuft. Ich habe schon überlegt, dass selbe hier in England zu machen. LG Julia

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    1. Liebe Julia, vielen Dank und auch dir Danke für dein Engagement. Schön zu lesen, dass die Bevölkerung im UK so hilfsbereit ist. LG!

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  3. Hey Kato,

    danke für dein Engagement und das Teilen deiner Erfahrungen. Ich habe die Subdomain gleich gebookmarked.

    Ich befinde mich grad in der Abschlussphase meines Lehramtstudiums (Englisch und Informatik) und überlege seit Wochen, nach meiner Masterarbeit ab November endlich selbst aktiv zu werden und zu unterrichten. Meine Hemmungen hast du dabei eigentlich genau auf den Punkt gebracht. Ich bin mir sicher, dass deine Beiträge und Videos mir – und vielen anderen Leuten – einige Berührungsängste nehmen werden. Nochmals: Danke dafür!

    Lieben Gruß, Wiebke

    Antworten

    1. Liebe Wiebke,
      vielen Dank! Es hat mich sehr gefreut, das zu lesen, denn genau das ist ja das Ziel der Sache. In den nächsten Tagen und Wochen werde ich weitere Themen ansprechen, die Liste liegt hier schon… Unter anderem „Wie bereite ich die erste Stunde vor?“, „Wie gehe ich mit Fehlern um?“, „Welches Lehrwerk eignet sich?“ etc. Wenn du konkrete Fragen hast, kannst du sie mir sehr gern mailen! Liebe Grüße

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  4. Liebe Kato,

    Ich freue mich mal wieder bei dir reischauen zu könen und finde deinen Beitrag wirklich super. Wegen dem Hater-Kommentar würde ich mich nicht wirklich stressen, ich denke als Blogger ist man auf sowas schon irgendwie eingestellt. Konstruktives Argumentieren und Diskutieren ist da leider nicht angesagt. Ich werde meinen Blogartikel zur Initiative #bloggerfuerfluechtlinge am Montag veröffentlichen und würde mich freuen, wen du ebenfalls bei mir reinschaust. Ich werde dir auch gleich mal bei Instagram folgen :-)

    Ich schaue gerne wieder rein!

    Liebe Grüße
    Kinga

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    1. Liebe Kinga, ich habe den Typen jetzt einfach blockiert – Diskutieren kann man mit denen nicht, da hast du völlig recht, und bei unkonstruktivem Gehate kann man ja einfach mal die Kommentarzensurstelle spielen. Klar schau ich dann bei dir vorbei, bin gespannt. LG!

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  5. Finde es super, dass du so weiter denkst und dich da engagierst. Ich bin ein bisschen gespalten bei dem ganzen Thema, vor allem, weil ich befürchte, dass oft nicht so weit gedacht wird, dass nach der Erstversorgung, die natürlich wichtig ist, immer noch ein Riesenstück Arbeit zur Integration kommen muss. Vor allem, da es sehr viele Leute sind, die kommen, ist die „Gefahr“ groß, dass sie viel unter sich bleiben, in ganzen Straßen oder gar Stadtteilen ihren eigenen Mikrokosmos bilden, wenig Deutsch lernen, was für eine wirklich erfolgreiche Integration kontraproduktiv ist. Daher finde ich deine Idee wirklich schön :)

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  6. Hallo liebe Kato,
    ich bin eben durch den Blog von Ariane (heldenwetter) auf deinen aufmerksam geworden und dieser Artikel ist mir sofort ins Auge gesprungen. Ich habe in den letzten Semesterferien in einem „Deutsch-für-Flüchtlinge“-Projekt mitgemacht, das von unserer Hochschule organisiert wird, und es hat mir riesigen Spaß gemacht, sogar mehr, als die zwei Wochen Reisen im Anschluss. :D Leider konnte ich mich für den nächsten Durchlauf des Projekts, der jetzt während des Semesters läuft, nicht anmelden, da mir neben der Bachelorarbeit einfach die Zeit fehlt, aber ich bereue das immer, wenn ich die Willkommen-Schilder auf dem Campus sehe….
    Bevor das Projekt begonnen hat, hatte ich sehr große Zweifel, vor allem da ich unter einer Sozialen Phobie leide und das Sprechen vor Fremden für mich so ziemlich einem Albtraum gleicht, aber die Flüchtlinge waren so herzlich, geduldig, wissbegierig; es war ganz anders, als vor einer Schulklasse oder meinen Kommiliton*innen zu sprechen. Ich habe leider keine Zeit, genau in diesem Moment in die Videos reinzuschauen, deshalb weiß ich nicht, ob du das schon erwähnt hast, aber vielleicht gibt es solche Projekte auch an anderen Unis und Hochschulen? (und vielleicht wirkt die Aussicht auf ein paar mehr Credit Points ja auch noch mehr Leute, sich einen Ruck zu geben ;) )

    Viele liebe Grüße!

    Cora

    Antworten

  7. Weshalb erwartest du EHRENAMTLICHEN Deutschunterricht? Was soll das? Keine Arbeit ohne Geld – so sehe ICH das. Wenn der Staat Flüchtlinge aufnimmt, soll er auch die Lehrer bezahlen. Ich gebe selbst Unterricht, aber ehrenamtlich würde ich das niemals tun. Der Staat verlässt sich doch ganz bequem darauf, dass so viele Menschen ehrenamtlich unterrichten. Nein, ohne mich.

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    1. Hallo Martina,
      es wäre toll, wenn jede Person, die ehrenamtlich arbeitet, dafür einen Lohn bekommen würde – egal, ob in der Flüchtlingshilfe oder in der Arbeit mit Kindern, Alten, Menschen mit Behinderung, sozial benachteiligten Menschen; im Tier-, Umwelt- oder Denkmalschutz; in der Kulturarbeit und so weiter… Aber wie du an dieser Aufzählung schon siehst, ist ehrenamtliches Engagement sehr vielfältig und sehr wichtig. Aber wenn wir mal ganz realistisch sind: das kann der Staat nicht leisten. Punkt.

      Ich bin der Meinung, dass Sprachkenntnisse (nach der Grundversorgung) das wichtigste Gut sind, das neu angekommene Geflüchtete in Europa brauchen. Der Staat kann durch die Integrationskurse einen Teil der Menschen damit versorgen; doch wer das Pech hat, aus dem „falschen“ Land zu kommen, würde ohne das Ehrenamt leer ausgehen. Ein Sprachkurs ist in dieser Situation ja mehr als bloß ein Mittel zum Deutsch lernen – nein, er vermittelt Kontakte und Kultur; er stiftet Sinn und Struktur; er gibt eine Aufgabe und spendet Motivation. Deshalb ist es mir eine Herzensangelegenheit.

      Es ist natürlich eine ganz persönliche Entscheidung, ob man ein Ehrenamt übernimmt. Das muss jede/r für sich selbst wissen und ich habe Verständnis, wenn man dazu nicht bereit ist.

      Aber diejenigen Menschen, die bereit sind, Zeit und Energie aufzubringen, möchte ich motivieren, in der Sprachvermittlung aktiv zu werden. Projekte im Bereich Sport, Kultur, Kinderbetreuung etc sind natürlich auch super, aber Sprache ist mMn nachhaltiger.

      Außerdem – und das sollte man nicht vergessen – profitieren ja beide Seiten vom Ehrenamt. Nicht nur die Menschen, mit denen man sich beschäftigt, sondern auch die Ehrenamtlichen selber. Man lernt Dinge dazu, entwickelt Kompetenzen, findet neue Kontakte und Freundschaften; es entwickeln sich für einige sogar Karriereoptionen. Für Studenten bieten manche Unis sogar die Möglichkeit, sich für ehrenamtliches Engagement ECTS-Punkte als „Lohn“ anrechnen zu lassen.

      Dass der Staat sich darauf „verlässt“ denke ich übrigens nicht – vielmehr sollten wir uns als DaF-Lehrerinnen darüber freuen, dass unser Fachbereich in den letzten Monaten viel mediale Aufmerksamkeit gefunden hat, dass die Honorarsätze in Integrationskursen steigen und dass Studiengänge ausgebaut werden. Oder nicht?

      Viele Grüße, Kato

      Antworten

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