Frau kauft (Frauen-)Zeitschrift: Ein Experiment.

16-Jähriger kauft eine Zeitschrift“  lautet Anfang der Woche eine Schlagzeile bei SPIEGEL ONLINE. Wow, dachte ich, bestimmt so ein hochbegabter, leicht größenwahnsinniger Jungunternehmer, der durch seine bahnbrechende Geschäftsidee reich geworden ist, und nun irgendeinen schwächelnden Printverlag aufgekauft hat – die Krise macht aus so manch einem Lokalblatt sicher ein Schnäppchen.

Nein, stattdessen geht es um einen 16-Jährigen, der tatsächlich noch nie in seinem Leben eine Zeitschrift gekauft hat. Seine Eltern hatten zwar öfter versucht, ihm das analoge Lesen schmackhaft zu machen, doch er bevorzugte das Internet, weil er dort „alles findet“.

Okay. Wow. So banal? Kein Millionendeal, sondern ein Teenager, der 10€ für eine GEO Epoche bezahlt hat und darüber nun im führenden deutschen Online-Medium SPON schwadronieren darf? Ich komme nicht umhin, ihn zu belächeln. Dann frage ich mich: Wann habe ich zuletzt eine Zeitschrift gekauft? Puh, das ist schon länger her. Vor ein paar Monaten war die Couch im Goodie Bag des Blogger Bazaars in FFM. Auf Instagram & Co. als total innovative Neuheit im Dschungel der bunten Frauenzeitschriften gefeiert, ging ich optimistisch an die Lektüre heran. Fashion-Artikel, Werbung, Beautytipps, Werbung, Deko-Inspiration, Werbung, als Fashion-Artikel getarnte Werbung… Der übliche Frauenzeitschriften-Einheitsbrei. Eine Enttäuschung.

Nun bin ich Studentin der Medienwissenschaft und benutze diese Tatsache mit dem größten Vergnügen als Vorwand für den Konsum von Medien. Also hier mein Selbstversuch: Ich kaufe mir nicht nur eine, sondern gleich zwei Zeitschriften. Von der riesigen Auswahl im Bahnhofskiosk fast erschlagen, entscheide ich mich schließlich für eine Vertreterin des eben schon erwähnten Milieus der Frauenzeitschriften, die Jolie, sowie als etwas hippere Alternative die NEON.

Wie auch der 16-Jährige aus dem Artikel habe ich eine Bahnfahrt vor mir. Mein Bauchgefühl lässt mich zunächst zur Jolie greifen. Während sich der Zug in Bewegung setzt, lese ich ein Interview mit Taylor Swift, betrachte bunte Handtaschen und schau mir an, was die „Jolie Fashion Jury“ zu den Outfits des Kardashian/Jenner-Clans zu sagen hat.

Als ich bei der Fotostrecke mit den halbnackten American Apparel-esken Unterwäschemodels ankomme, linst mein Sitznachbar, ein etwa 60-Jähriger Mann, verstohlen herüber und rückt etwas näher. Ich blättere schnell weiter. Nach einer halben Stunde habe ich meinen Zielbahnhof erreicht und fühle mich durchaus gut unterhalten. Dummerweise habe ich ebenfalls das Gefühl, bereits mehr als die Hälfte meines eben erst erworbenen Lesestoffs „gelesen“ zu haben. Wobei, zu „lesen“ gibt es ja nicht so viel, gefühlt jede zweite Seite besteht aus irgendwelchen bunten Collagen und Produktempfehlungen, die ich normalerweise vollständig automatisiert überblättere. Kosmetik für 60€ kann ich mir nicht leisten und ob Faux Fur oder Layering diese Saison angesagt sind oder nicht ist mir ehrlich gesagt schnuppe, weil das eh nicht zu meinem Stil passt. Der Aufmacher dieser Ausgabe lautet übrigens „So finden Sie Ihren Stil“ (Hab meinen schon gefunden, danke) und besteht – Achtung, jetzt wird’s ironisch – aus einer mehrseitigen, schrecklich unübersichtlichen Collage von 18 Fashion- und Beautybloggern, deren Stil frau kopieren als Inspiration nutzen kann.

Am Abend sitze ich neben meinem Freund, der gerade WoW spielt (das neue Add-On ist vor ein paar Tagen rausgekommen und als supderdupercoolste Freundin der Welt lass ich ihn natürlich in Ruhe zocken ohne zu zicken) und blättere weiter in der Jolie. Ein Psychotest: „Wie hoch ist sein Fremdgehrisiko?“, untermalt mit dem melancholischen Bild eines Pärchens, das die glücklichen Tage des Frischverliebtseins ganz offensichtlich schon lange hinter sich gelassen hat.

Ich bin mir zwar ziemlich sicher, dass mein Herzblatt sich grad eher für Orks und Quests interessiert als für andere Frauen, aber HEY GEIL EIN PSYCHOTEST! Ich fühl mich in meine Kindheit zurückversetzt. In so gut wie jeder Zeitschrift von Micky Maus bis Bravo Girl gab es damals diese wundervollen, total leicht durchschaubaren, aber dennoch unterhaltsamen Tests zum Ankreuzen.

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Ein Highlight: „Kennen Sie seine Freunde gut?“ „Nee, das sind alles krasse Trottel“

„Schaahaatz, ich mach jetzt einen Test, der mir sagt, ob du mich betrügst!“ „Wieso machen wir den nicht zusammen?“ Gute Idee, denn bei einigen der 20 Fragen brauche ich tatsächlich seine Hilfe, zum Beispiel bei Wie viel haben Sie zugenommen, seit Sie ein Paar sind? und Wissen Sie von Seitensprüngen seines Vaters? Jap, tatsächlich, auf diesem Niveau bewegen sich die Fragen. Je länger man zusammen ist und je niedriger der Schulabschluss, desto höher ist offenbar die Fremdgehgefahr. Außerdem kann man in einer Beziehung ausschließlich zunehmen (die drei Antwortmöglichkeiten lauteten: Ein paar Kilo halt / Nix. Naja, nicht viel jedenfalls / Ein bisschen, er aber auch. Wtf?) und Untreue ist ein dominant vererbtes Gen – alles wissenschaftlich fundiert! Als ich am Ende des Tests angekommen bin und die Punkte zusammenzähle, zweifle ich abwechselnd an meinem Verstand und dem der zuständigen Redakteurin. Erkenn‘ ich die staubtrockene Ironie nicht oder meint sie das tatsächlich ernst? Ich weiß es nicht.

Aber hey, ich finde ja nicht alles scheiße. Hinter der aufmerksamkeitsheischenden Schlagzeile „Die Vagina-Lüge“ auf dem Cover verbirgt sich ein durchaus guter Artikel über Schamlippen und deren zahlreichen Formen. Es ist okay und natürlich, wenn deine Vajayjay nicht so aussieht wie die, die du in Pornos und anderen Medien siehst! Yay! Die erwähnten Blogs, die die Formenvielfalt des weiblichen Körpers zeigen, kannte ich schon länger. Das Thema ist also nicht gerade aktuell, aber ich freu mich immer, body-positiven Content abseits von tumblr & Co. zu lesen. Die beiden Bilder des Künstlers Peter Kaaden find ich cool, aber warum hat die Jolie nicht passend zum Thema echte Vulven gezeigt?

Ziemlich bescheuert und konträr zur body-positiven Message wird direkt danach Shapewear vorgestellt – figurformende Unterwäsche, die Kurven in die richtige Form oder „eine Kleidergröße weniger über Nacht“ (Titel) bringen soll. Werbe-Sprech. Die Zielgruppe hier sind Plus Size Lady, ganz klar. Die Jolie traut sich aber nicht, nach sage und schriebe acht Seiten voller Größe 34-Grazien einen Shapewear-Body an einer „echten“ Frau zu zeigen. Stattdessen werden drei Promis in Abendkleidern abgebildet. (Randbemerkung 1: Die haben das auch nicht nötig. Randbemerkung 2: Die sind photoshopped. Randbemerkung 3: War Selena Gomez nicht die, die mit Justin Bieber zusammen war und nach der Trennung so dünn wurde, dass über eine potentielle Essstörung spekuliert wurde? Ganz schön geschmacklos, diese bildhübsche junge Frau auf der Shapewear-Seite zu zeigen. Habt ihr sie noch alle, liebe Jolie?!) Immerhin haben sie nicht die dünnen Mädels von den Seiten davor in die figurformenden Spanx gesteckt – dann würden sie sich einfach komplett lächerlich machen.

Puh. Luft holen. Ein anderes Thema: Die von Will Storr verfasste Reportage über den britischen Callboy Josh finde ich richtig gut. Außerdem hat es mich gefreut, etwas über mein geliebtes Reykjavík zu lesen. Neben den üblichen Touri-Tipps (Nordlichter gucken, Wollpullis shoppen), schafft die Autorin es, eine tolle Atmosphäre rüberzubringen. Mér líkar.

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Die Dutt-Inspiration gefällt mir gut, die Fikipedia-Kolumne hat mich zum Schmunzeln gebracht. Außerdem hab ich eine Menge unnützer Dinge gelernt, z.B. dass braun-bronzener Lidschatten immer geht (da mach ich ja jeden Tag alles richtig) und goldene Maracons grad voll im Trend liegen.

Obwohl die Zeitschrift fast 200 Seiten stark ist, braucht man dank der vielen Bildchen, Collagen und Kaufempfehlungen (gefühlt) weniger als eine Stunde Lesezeit. Wenn ich meine Uni-Texte nur so schnell lesen könnte! Wirklich interessiert hat mich davon nur ein Bruchteil. Letztlich bestehen diese ganzen Frauenzeitschriften (Jolie, Glamour, Joy, Cosmopolitan etc.) ja eh immer aus denselben Zutaten, sie unterscheiden sich höchstens in der Zusammensetzung. Promi-News, Stylingtipps, Deko- und Reise-Inspo, Psycho-Blabla, irgendwas mit Sex für die Verkaufszahlen, Horoskope und diese vermaledeiten Kauftipps. Ab und an ist ein interessanter Artikel dabei, für den allein sich der Kauf jedoch nicht lohnt.

Ich werde mir solche Zeitschriften also weiterhin nicht kaufen. Es reicht mir, wenn ich alle paar Monate im Arzt-Wartezimmer oder bei ‘ner Freundin mal reinschnuppern kann. Bevor der Text hier jeglichen Rahmen sprengt, mach ich erstmal eine Pause und widme mich nächstes Mal der NEON.

P.S.: Der Test hat  übrigens ergeben, dass mein Freund mir nicht fremdgehen wird. Da bin ich ja beruhigt!

11 Kommentare

  1. Ich musste mehrmals ziemlich lachen beim Lesen, fast genauso geht es mir, wenn ich mir dann doch mal eine Joy/Jolie/was auch immer kaufe – übrigens auch nur dann, wenn ich unterwegs was zu lesen brauche.
    Die Neon mag ich da schon lieber, allerdings auch nicht ständig. Zurzeit kaufe ich mir eigentlich nur mal Kochzeitschriften (z.B. die Deli), aber auch das nur sehr selten.
    Liebe Grüße
    Anna

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  2. Liebe Kato,
    ich musste gerade auch mehrmals sehr lachen :-D Besonders bei dem Psycho Test … und ja… SO geht es mir auch. Ab und an lande ich nochmal in einem Kiosk -besonders hier in Frankreich, wo überall diese Tabac Lädchen sind mit Postkarten und und – …. mit der Intention mir mal wieder eine Zeitschrift kaufen zu wollen…. Gerade auf Zugfahrten oder am Wochenende, wenn man sich mal entspannen will. Oft enttäuscht das dann aber ganz schön.
    Mittlerweile bin ich auch etwas von weg gekommen und ich warte sehnsüchtig auf eine Frauenzeitschrift, die „mehr“ kann als das.
    Anstatt in Mags zu Blättern vetreibe ich mir die Zeit jetzt immer mit meinem kleinen Notizbuch und neuen Textideen :-D

    Ich finde auch, dass sich der Kauf von solchen Magazinen kaum lohnt… dann lieber 6 Euro mehr und ein gutes Buch.
    Mich hat auch oft gestört, dass die Artikel sprachlich zu wünschen übrig lassen.

    Bin gespannt auf Teil 2. Die Neon habe ich mir länger nicht mehr gekauft, weil sie – so kam es mir vor – ein bisschen nachgelassen hatte, aber habe die Artikel über die Liebe früher immer unheimlich gerne gelesen:-)

    Ganz liebe Grüße!
    Nastassja

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  3. Ich hätte lieber mit Warlords of Dreanor gespielt als Jolie zu lesen :D
    ist sicher unterhsltsamer als rauszufinden, dass der Freund nicht fremd geht oder selena gomez keine shapewear braucht :D (oder doch?)
    Bin auch mal gespannt auf den Neon-Teil.

    ich les ab und an mal GEO, aber da sind mir die Artikel teilweise wieder zu krass lang o.o

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  4. Ein sehr unterhaltsamer Post. Mag es total wie du schreibst, da muss man einfach weiterlesen!(:
    Habe auch schon seit einiger Zeit zu keiner dieser „BilderzeitschriftenaberwirbezeichnenunsalsModemagazinweildasklingtsoedel“ Zeitschriften gegriffen. Wobei ich gestehen muss, manchmal tut so eine leichte Gossiplektüre auch ganz gut(;
    Die Neon, kauf ich mir hingegen immer wieder mal wenn die Studentenbudget noch nicht völlig ausgeschöpft ist, am Ende des Monats.
    Liebste Grüße,
    Christina

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  5. Hahaha, du hast mir wirklich den Morgen versüßt.
    Genau diese Ausgabe war auch meine erste seit Monaten und genau die Artikel die du Beschreibst haben mich ebenso wie dich ins Grübeln gebracht.
    Vorallem ist mir wieder aufgefallen wie uninspirierend ich diese Zeitschriften finde (allerdings schließe ich da die couch aus, da ich lange mit Designermöbel gearbeitet habe und darum ganz gerne in Ihr blätter). Die vorgestellen Produkte sprängen (denke ich) jeden Geldbeutel eines normal verdienenden Menschens (oder Studenten) und was wirklich neues kann ich auch nicht entdecken.

    dein Blog ist aboniert. freue mich noch viel mehr von die zu lesen

    Lieblichste Grüße
    Zuckertanz

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    1. Heyhey, uuh, das freut mich :)
      Na gut, wenn du beruflich mit Möbeln zu tun hast, ist die Couch für dich wohl interessanter als für mich.
      Ohja, das denke ich immer wieder! Total teure High End Kosmetik, Handtaschen und Klamotten für mehrere hundert Euro und Reisen ans andere Ende der Welt. Selbst wenn ich die vorgestellten Sachen total super fänd, kann ich sie mir nicht nachkaufen.. LG!

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  6. Ich habe mir gestern erst eine Zeitschrift gekauft…
    Aber irgendwie sind die tatsächlich nicht so das wahre. Meine letzte wirklich gute Zeitschrift gab es kostenlos auf einem Flug nach Spanien. Und das war letzten Sommer.
    Ich mag das analoge Lesen eigentlich sehr gerne, aber es interessiert mich nicht, ob Miley nen neuen Haarschnitt hat und Herbert seinen Klodeckel blau gestrichen hat…

    Schön, dass dein Freund dir nicht fremdgehen wird :D

    Liebe Grüße ♥

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  7. Hm, ich kann das Gefühl, das du beim Durchblättern hattest, gut nachvollziehen, allerdings muss man sich auch fragen, warum Zeitschriften gerade solch einen bildgeladenen Content nur raushauen. Denke, der wirtschaftliche Druck ist da enorm – bunte, kurzweilige Heftchen zur Ablenkung haben ja auch einen schnellen Effekt, eben das Ablenken, wohingegen qualitative Lektüre 1. recht teuer sein kann und 2. mehr Zeit fordert, um sich wirklich in die Themen einzulesen. Daher wundert es mich auch nicht, dass die Neon im Grunde alle paar Monate dieselben Artikel mehr oder weniger verfasst – kein Wunder, die Zielgruppe der hippen Studis wächst relativ schnell raus und es kommen immer wieder neue Erstsemester, die sich einen Kopf über Work-Life-Balance machen…

    Grüßli-Müsli :)

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    1. Hey Alice, danke für deinen Kommentar! Ups, das erinnert mich daran, dass ich noch die Neon hier rumliegen hab und für den zweiten Teil ein wenig zerpflücken wollte. Du hast natürlich Recht, ein paar Collagen von neuen Schuhen, Promibilder und eine Fotostrecke mit absolut alltagsuntauglichem Neon-Makeup lassen sich einfacher produzieren als eine mit Recherche verbundene Reportage… Mich verwundert ehrlich gesagt, warum es so viele dieser „Frauen“-Zeitschriften auf dem Markt gibt, die sich alle von Aufmachung und Inhalt sehr ähneln. Wer kauft die denn alle?! :D
      LG!

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  8. Habe auch schon länger darüber nachgedacht mir in einem Blogartikel darüber Luft zu machen. Ich hatte schon mit 16 meine Zweifel, dass es wirklich sinnvoll ist Teenies nur noch Produktkataloge vorzulegen – noch dazu mit Designersachen, die sie sich im Leben nie leisten können werden. Kein Wunder, dass jetzt jeder Teenie Taschengeld und Kleiderschrank mit ’nem Fashionblog aufstockt – „Die Geister, die ich rief…“ – Glückwunsch liebe Modebranche.:P
    Da ich in einem Verlag arbeite und die Kollegen aus den Redaktionen der Frauenzeitschriften wirklich wirklich lieb und clever sind, macht es mich um so trauriger, dass sich das nur selten gegen die Werbekunden durchsetzt.:(
    Ich gebe zu, ich lese auch lieber NEON als Frauenzeitschriften…alles was da drin steht, finde ich (teilweise sogar vor den Redakteuren) schon im Internet oder in den Zeitschriften, die ich schon mit 16 gekauft hatte. -.-

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