Fremde. Freunde.

Freitag, der 4. September 2015, in Metzingen (Württemberg), einer Kleinstadt nahe Reutlingen, rund 30 Kilometer Luftlinie von der Landeshauptstadt Stuttgart entfernt.

15 Uhr

Ich sitze mit meiner Kommilitonin Jenny in der Wohnung von I. und H. aus Serbien und ihren drei Söhnen. Sie wohnen in einem der beiden Häuser, die im Industriegebiet für die Asylbewerber errichtet wurden. Zwei Zimmer und ein kleines Bad umfassen die Wohnungen, der Flur fungiert gleichzeitig als Küche. Einzige Sitzgelegenheit ist der Tisch mit den provisorisch anmutenden Bänken, die in eine Nische geschraubt wurden. Eine deutsche Familie mit drei Kindern würde diese Wohnung mit Sicherheit zu eng finden. Auch die serbische Familie wünscht sich den Umzug in eine andere Wohnung. Ein bisschen größer, ein bisschen ruhiger und ohne albanische Nachbarn. („Die hören immer so laut Musik!“ – Serben und Albaner verstehen sich nunmal traditionell nicht so gut.) Am wichtigsten ist für den Familienvater I. jedoch: „Ich will arbeiten! Ich will Wohnung bezahlen, Essen… Ich will kein Geld mehr nehmen von Deutschland.“ Sehnlich wünscht er sich den 15. September her, dann darf er offiziell arbeiten. 8,80€ haben ihm die Mitarbeiter des Jobcenters in Aussicht gestellt, erzählt er aufgeregt. Erst heute Vormittag war er  in Reutlingen, um sich zu informieren. „Ich habe starke Hände, starke Beine. Ich will etwas machen! Jeden Tag hier sitzen, essen, schlafen, spazieren gehen… Ich werde verrückt!“ Doch zunächst muss I. einen Arbeitgeber finden, der ihn einstellen würde. Dann: mehr Papierkram. Deutsche Bürokratie.

Ebenfalls in rund anderthalb Wochen beginnt für den ältesten Sohn die zweite Klasse. „In Serbien bin ich schon in der Dritten“, sagt er und klingt etwas trotzig. In die deutsche Schule geht er trotzdem sehr gerne. Er bringt uns einen verknitterten Zettel, den Elternbrief mit den Anschaffungen für das nächste Schuljahr. Ein Leitz-Ordner, Schnellhefter, Hefte, Heftumschläge in den verschiedensten Farben. „1 Heft DIN A5 Lineatur 2, (farbig hinterlegt), ohne Rand (für Diktate)“. Deutsche Bürokratie.

Jenny und ich versprechen ihm, mal zu Hause zu schauen. Ein Geodreieck, Wassermalfarben und ein paar Hefte haben wir sicher noch herumliegen. Als wir uns verabschieden, begleitet uns die Familie noch zum Parkplatz und winkt. Die beiden älteren Kinder spielen auf dem Rasen mit zwei dunkelhäutigen Mädchen mit Rasta-Zöpfen.

16:30 Uhr

Ich mache einen Abstecher in die Outlet-City. Metzingen wird mit seinen zahlreichen Shops und Outlets gezielt als Shopping-Stadt vermarktet. Wenn ich schon mal hier bin, kann ich ja im Vero Moda Outlet vorbeischauen, denke ich. Die anderen Marken hier übersteigen definitiv mein studentisches Budget: Gucci, Escada, Burberry, Michael Kors, Prada.

Der Vero Moda Outlet-Store enttäuscht mich. Polyester-Fummel, heruntergesetzt von 20 auf 13 Euro. Reizüberflutung durch neonorangene Reduziert-Preisschildchen. Wenn etwas vom Ständer fällt, wird es nicht aufgehoben. Ich verlasse den Laden. Mein Kleiderschrank ist voll genug. Ob 13 Euro wohl reichen, um all die speziell linierten Hefte zu kaufen?

16:45 Uhr

Ich muss mal. Die Beschilderung der Outlet-City zeigt mir, dass sich hier ganz in der Nähe, bei den Schließfächern und dem Geldautomaten, eine Kundentoilette befindet. Als ich dort ankomme, verlässt gerade eine mittelalte Frau die Damentoilette mit angewidertem Blick und berichtet ihrem wartenden Mann von den desaströsen Zuständen der Toilette. Ich riskiere einen Blick in die Kabinen. Eine der beiden Toiletten ist – entschuldigt meine Ausdrucksweise – vollgeschissen. Während ich schnell die andere, einigermaßen saubere Toilette benutze, kommen zwei Frauen herein, entdecken die abartigen Hinterlassenschaften und fragen sehr treffend: „Wer macht sowas?! Tiere?“. Shopper.

17:00 Uhr

Auf dem Rückweg heraus aus der Outlet-City bin ich gefühlt die Einzige ohne eine Einkaufstüte. Ein Paar, gekleidet wie aus dem Jurastudenten-Klischee-Bilderbuch, kommt mir mit jeweils einer großen Polo Ralph Lauren-Tüte im Handgelenk entgegen. Zwei Frauen mit Kinderwagen tauschen sich über ihre Shopping-Errungenschaften aus. Ein Asiate trägt gleich mehrere volle Tüten und gerät ins Schwitzen. Ein Vater schimpft auf italienisch mit seinen Kindern.

Die Outlet-City ist beliebt unter ausländischen Touristen. Rabatte ziehen immer, und von Stuttgart und München ist es nicht weit. Sogar der Fernbus auf der Linie München – Tübingen hält hier. In der „Outlet-City Metzingen“ wohlgemerkt, nicht in „Metzingen“. Die Beschilderung im Shopping-Paradies ist auf die internationalen Gäste ausgerichtet, die Homepage ist nicht nur auf Deutsch und Englisch verfügbar, sondern auch auf Russisch, Arabisch, Chinesisch und weiteren Sprachen.

Vor mir laufen zwei Frauen. Highheels, Handtaschen und Shopping-Papiertüten. Dunkler Teint und Flechtfrisuren, exakt wie die beiden Mädchen im Asylbewerberheim.

CC0 via kaboompics.com
CC0 via kaboompics.com

17:15 Uhr

Ich biege ab und lasse die Glasfronten der Outlet-Stores hinter mir. In dieser Straße sieht Metzingen wieder aus wie jede andere Kleinstadt: ein Metzger, ein Foto-Laden, eine Drogerie. Ich passiere eine Mutter mit ihrer Teenager-Tochter und ihre beiden Dackel. Die Tochter nestelt an ihrer großen Nike-Tüte herum. Als sie weitergehen, laufen sie einige Meter hinter mir.

Ich sach dir, das gibt bald Krieg. Wir lassen alle hier rein. Deutschland nimmt mehr Asylanten auf als alle anderen Länder. Noch sind die zufrieden, wenn wir denen Essen und so geben. Aber irgendwann wollen die mehr, dann wollen die unser Land. Dann gibts hier Krieg.“

Ich spüre die Wut aufsteigen. Ignorieren? Oder die Mutter, die ihrer Tochter hier auf offener Straße so eine fremdenfeindliche Scheiße eintrichtert, konfrontieren? Ich entscheide mich für ersteres. Ich kann nicht jedem rassistischen Arschloch, dem ich begegne, die Meinung geigen. Außerdem bin ich auf dem Weg zum Asylcafé.

17:55 Uhr

Obwohl das Asylcafé offiziell erst um 18 Uhr beginnt, sind die Räumlichkeiten der Gemeinde schon gut gefüllt. Die jungen Leute stehen um den Tischkicker herum und feuern einander an, die Kinder spielen und Erwachsene trinken Tee und helfen bei der Verteilung des Gebäcks. A. aus Eritrea ist schon da und lehnt sich alleine an einen Stehtisch. Wegen ihm bin ich hier, und wegen J. aus Syrien. Die beiden Männer haben bei unserem Fotoprojekt für die Uni mitgemacht und ich bin gekommen, um ihnen den Kontaktbogen zu zeigen und ihre Erlaubnis einzuholen, die Bilder bei der Ausstellung zu zeigen. Während A. sich über den Kontaktbogen lehnt und die Portraits betrachtet, kommt einer der Helfer dazu und spricht ihn darauf an, dass sein Vater in seiner Heimat Eritrea inhaftiert wurde und im Gefängnis sitzt. Ob er ihn anrufen könne? Nein. Ob seine Mutter ihn besuchen könne? Ja, wahrscheinlich. Ob er wisse, wann er aus dem Gefängnis wieder herauskommt? Nein. Ihm kommen die Tränen.

J. kommt erst um halb sieben, er arbeitet seit einem Monat in einer Bäckerei. Das ist ganz gut, sagt er, auch wenn er lieber wieder als Mechaniker arbeiten würde. Acht bis zehn Stunden dauert ein Arbeitstag. „Wow, so lang?“ „In Syrien habe ich zwölf Stunden gearbeitet, jeden Tag.“ Dann ist ja gut, Lachen. Die Fotos findet er gut, am liebsten hätte er von allen einen Abzug.

Ich erkundige mich nach R., dem anderen Syrer, der beim Fotoprojekt mitgemacht hat. Ihm gehe es gut, erzählt mir J. Er hat einen Job als Maler bekommen und in einigen Wochen darf seine Familie einreisen.  Die Papiere liegen noch in Berlin, aber sobald es soweit ist, bekommen sie eine eigene kleine Wohnung. Was ist mit J.s Familie, kann sie aus Syrien herkommen? Zu teuer, seufzt J. 15.000 Euro für drei Personen. Die beiden anderen Syrer klinken sich ins Gespräch ein. Türkei, Grenze, Meer, Kind. Ob ich das Foto gesehen hätte. Einer von ihnen zückt sein Smartphone und hält mir das Foto des ertrunkenen Jungen entgegen, mit eingefügten arabischen Schriftzeichen. Ja, natürlich habe ich es gesehen, schrecklich.

18:50 Uhr

J. begleitet mich zum Bahnhof . Wir treffen überraschend R., sein Lächeln ist strahlend wie eh und je. In der linken Hand hält er eine Plastiktüte vom Discounter. „Warst du einkaufen?“ „Nein, nein, Arbeit!“, entgegnet er und zeigt mir stolz den weißen Maleroverall. Ich verabschiede mich und verspreche, beim nächsten Mal die Abzüge mitzubringen.

19:15 Uhr

Die Zugfahrt über schaue ich aus dem Fenster und hänge meinen Gedanken nach. Sie mögen aus den unterschiedlichsten Ländern kommen, aber alle AsylbewerberInnen, die ich kenne, haben eines gemeinsam:  sie wollen arbeiten. Sie wollen unabhängig sein und dem Staat nicht weiter auf der Tasche liegen. Ich sehe keine ‚Asylschmarotzer‘, ich sehe Arbeitskräfte. Spiegel Online meldete vor ein paar Tagen, dass für dieses Jahr noch über 100.000 Lehrstellen unbesetzt sind, vor allem in den Bereichen Produktion, Verkehr und Logistik, Handel und Bau. Immer mehr junge Leute machen Abi, immer weniger interessieren sich für handwerkliche, körperlich anstrengende Berufe.

Ich denke an den Serben I., der unbedingt arbeiten will, aber zum Rumsitzen verdammt ist. Seine Frau koche so lecker, dass er schon dick werde, scherzt er und klopft sich auf den Bauchansatz.

Ich denke wieder an die Frau beim Shoppen, die gegen Ausländer hetzt, aber gleichzeitig mit Sicherheit nichts dagegen hat, dass die zahlungskräftigen Touristen der Outlet-City einen Besuch abstatten. Als ich meinem Freund später von dem mitgehörten Gespräch erzähle, sagt er: „Du hättest sie ja mit zum Asylcafé nehmen können“. Das wäre sicher interessant gewesen.

[green_box]Bitte engagiert euch für Flüchtlinge und sorgt dafür, dass sie sich hier willkommen fühlen. Es gibt hundert Arten zu helfen und manchmal reicht es vollkommen, jemandem ein offenes Ohr zu leihen. #bloggerfuerfluechtlinge[/green_box]

Titelbild: Cheryl Holt via pixabay.com (CC0)

Ein Kommentar

  1. Liebe Kato, was für ein rührender und toller Bericht. Da hast wirklich keine Mühen gescheut, um uns eine hautnahe Einsicht ins Leben der Asylanten in Deutschland zu geben. Das ist wirklich klasse und liest sich wunderbar, ganz besonders, weil wir alle hin und wieder solchen Leuten, wie dieser hetzenden Frau begegnen. Ich hab auch grad einen Artikel zur Flüchtlingskrise auf meinem Blog geschrieben, es lässt einen halt wirklich nicht kalt dieses Thema. Liebe Grüße aus London, Julia

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