Gutmenschenterroristin.

„Schatz, ich hab mich grad im Aldi mit einem Nazi gestritten“ rufe ich ins Wohnzimmer, während ich den Reibekäse ins mittlere Kühlschrankfach lege und die Saftpackungen so anordne, das auch der Brokkoli ins Gemüsefach passt. „Was ist passiert?“ „Ich kanns dir jetzt nicht erzählen, ich muss es erst aufschreiben, bevor mir die Formulierungen entgleiten. Ich erzähls dir später.“ „Ich les es dann einfach auf deinem Blog“, seufzt er.


Der Brokkoli und der Käse sind quasi schuld. In der Uni kommt mir der Gedanke, heute einen Brokkoli-Kartoffel-Auflauf kochen zu können, und deshalb mache ich auf dem Heimweg einen kurzen Zwischenstopp bei einem Lebensmitteldiscounter. Aus „nur kurz zwei Teile holen“ wird eine etwas längere Aktion, weil es aktuell Schreibwaren im Sortiment gibt und ich mich zu gern von Notizbüchern, Gelschreibern und Post-it-Blöcken in Neonfarben ablenken lasse. Es ist halb sieben und nicht mehr viel los. Die Gemüseabteilung ist schon geplündert, eine Mitarbeiterin wischt die Gänge. Die einzigen Kunden, die sich lebhaft unterhalten, sind mehrere junge Männer in Kleingruppen. Ich bin mir natürlich nicht hundertprozentig sicher, aber ich denke, sie unterhalten sich auf Arabisch (und zwischendrin auf Deutsch). Aus welcher Region sie kommen, weiß ich nicht. Vielleicht Nordafrika, vielleicht aus dem arabischen Raum. Sie kaufen Konserven und Saft („Magst du Ananassaft?“ „Wallah, ich liebe Ananas!“ „Gut, dann zwei mal Ananas“). Der größte von ihnen zeigt auf eine Reisetasche mit Rollen und sagt zu seinem Kumpel: „So eine Tasche kriegst du nie wieder für den Preis!“ Dieser Dialog könnte auch problemlos zwischen schwäbischen Hausfrauen stattfinden.

Was sie sich auf Arabisch sagen, verstehe ich natürlich nicht. Klar, sie sind ein bisschen laut, aber gestört fühle ich mich von der Gruppe nicht. Kommt vor, wenn man zu mehreren einkaufen geht und versucht, sich aufs Abendessen zu einigen.

Ich nähere mich der Kasse und balanciere dabei meine Einkäufe auf den Armen. Von links nähert sich ein älterer Mann mit seiner (jünger aussehenden) Frau. Er trägt ein hellblaues Hemd, weiße Haare und einen Weihnachtsmannbart, sie trägt die Haare rötlich gefärbt und betrachtet interessiert die Lesebrillen im Sonderangebot. „… Und wie die husten, die schleppen ja alle möglichen Seuchen mit ein!“

Mich beschleicht in der Magengegend das unangenehme Gefühl, dass der Mann die ausländischen Kunden meint. „Na, dazu können wir ja mal die Fachkräfte in [Ortsname]* befragen.“ Hämisches Lachen. (*der Stadtteil, in dem sich eine Asylbewerberunterkunft befindet).

Badum-tss.

Meine Intuition lag richtig. Ich atme ein, atme aus, drehe mich um und frage ihn „Entschuldigen Sie, kennen Sie die Menschen in [Ortsname]?“ In seinem Blick liegt eine Mischung aus Erstaunen und Selbstgefälligkeit, als er antwortet: „Nein, ich kenne sie nicht.“

„Vielleicht sollten Sie sie erstmal kennenlernen, bevor sie so von ihnen reden.“

„Ich muss die nicht kennen lernen. Ich weiß, was das für Leute sind vom Balkan.“

 „Ahja? Kennt man einen, kennt man alle, gell? Ich arbeite seit längerer Zeit mit den Menschen in [Ortsname] als Deutschlehrerin. Ich kenne die Leute, und ich kenne ihre Sorgen und Ängste.“

„Pah! Ich weiß auch, wer die verfolgt. Niemand. Außer die Polizei da unten, wenn sie was geklaut haben oder sonstwas angestellt haben.“

„Gut, dass Sie da der Experte sind.“ Ich muss fast schmunzeln und suche den Blickkontakt zu seiner Frau. Die winkt ab, als wolle sie „Nehmen Sie ihn nicht so ernst“ sagen.

Doch er legt erst richtig los, faselt von einem Terrorismus des Gutmenschentum und weiteren Aussagen, die nur besorgte Bürger von sich geben können. Ich wende mich kopfschüttelnd ab. Die Durchsage, dass eine neue Kasse geöffnet wird, kommt genau zum richtigen Zeitpunkt. Der Mann mit dem Weihnachtsmannbart, der so gar nicht den Eindruck macht, als würde er christliche Nächstenliebe versprühen, eilt zur anderen Kasse und verlässt den Laden eher als ich.

Wir begegnen uns wieder, als ich den Laden verlasse und er seinen Einkaufswagen zurückbringt. Als wir auf gleicher Höhe sind, kann ich mir eine weitere Provokation einen netten Abendgruß nicht verkneifen: „Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend und hoffe, dass Sie Ihre Einstellung ändern.“ Er bleibt stehen und funkelt mich mit einem Blick an, der mich froh sein lässt, dass wir uns hier am helllichten Tag auf einem Supermarktparkplatz befinden, und nicht an einer dunklen Straßenecke. „Das werde ich ganz sicher nicht tun.“ Zuerst spricht er mit einer beängstigend ruhigen Stimme, dann wird er immer lauter. Der Gutmenschenterrorismus müsse beendet werden, diese Asylanten seien nichts als Kriminelle, und Spinner wie ich sollten doch persönlich haftbar gemacht werden für die Ausländer, die wir hier anschleppen.

Persönlich haftbar gemacht werden, und am besten sollen wir ein paar Asylbewerber in unseren Privatwohnungen aufnehmen, nicht wahr? (Über den Unsinn dieses Arguments und anderer ‚Totschlagargumente‘, die immer wieder aufkommen, hat die Vice kürzlich geschrieben)

Das ist ein beschissenes Argument“ ist das letzte, was ich zu dieser schrecklichen Person sage. Rhetorisch nicht gerade elegant, das gebe ich zu. Man möge es mir verzeihen, auf dem Supermarktparkplatz, mit Brokkoli und Reibekäse auf dem Arm.


Diese Begegnung ist jetzt schon vier oder fünf Wochen her, und aus verschiedenen Gründen wollte ich sie gar nicht veröffentlichen. Allerdings wurde vor wenigen Tagen die Aktion #bloggerfuerfluechtlinge ins Leben gerufen, die mit Hilfe von Blogposts Flagge gegen die ‚besorgten Bürger‘ zeigen möchte.

 

BFF_1508_ButtonBlau3-300x3001Immer öfter liest man von Anschlägen auf Asylbewerberunterkünfte; fremdenfeindliche Parolen in sozialen Netzwerken sind zum Alltag geworden.

Deshalb bin ich der Überzeugung, das jedes noch so klitzekleine Engagement gegen fremdenfeindliches Gedankengut wertvoll und notwendig ist.

[green_box]Die Aktion #bloggerfuerfluechtlinge will BloggerInnen vernetzen, die sich mit der Flüchtlingsproblematik beschäftigen. Mehr auf der Webseite und in der Facebook-Gruppe der AktivistInnen.[/green_box]

Abgesehen von den PEGIDA-IdiotInnen gibt es in Deutschland glücklicherweise viele, viele Menschen, die Geflüchteten offen begegnen und sie willkommen heißen (siehe auch: 1000x Willkommen).  Dabei hat nicht jeder die Ressourcen, vor Ort mit den AsylbewerberInnen zu arbeiten oder Geld zu spenden, und das ist auch okay so. Es kann schon helfen, gute Artikel (z.B. den von Ariane) mit den Facebookfreunden zu teilen, oder rassistische Arschlöcher einfach mal mit ihrem Verhalten zu konfrontieren.

Ich habe keine große Reichweite. Im Gegensatz zu den Fashion-, Beauty- und Instagrambloggerinnen sind meine Zahlen lächerlich. Aber hinter jeder einzelnen Leser-Zahl steckt ein echter Mensch, und wenn ich davon nur einen einzigen inspirieren konnte, hat es sich schon gelohnt, diese Begegnung im Aldi zu veröffentlichen.

Ein halbes Jahr ist vergangen seit ich die AsylbewerberInnen hier vor Ort kennen gelernt habe. Seitdem sind mir die Familien sehr ans Herz gewachsen und es macht mich gleichzeitig traurig und wütend, Fremde über sie hetzen zu hören.

Da bin ich doch mit Vergnügen eine Gutmenschenterroristin.


Fun Fact 1: Ich bin mir sehr sicher, dass es sich bei den Arabisch sprechenden jungen Männern nicht um Asylbewerber handelt. Es ist viel wahrscheinlicher, dass sie an der örtlichen Sprachschule eingeschrieben sind.

Fun Fact 2: Laut KFZ-Kennzeichen kam das Paar nicht einmal aus der Gegend.

8 Kommentare

  1. Solche Auseinandersetzungen sind immer so aufwühlend – meist zittere ich noch länger danach vor Wut. Gut, dass du was gesagt hast – auch wenn dieser Mensch wohl tatsächlich in seiner beschränkten Welt gefangen bleiben wird.
    Ich nehme so wie du „Gutmensch“ als Kompliment, manchmal auch mit dem Zusatz „linksgrün-versifft“ oder „genderwahnsinnig“ – je nachdem, womit gerade um sich geworfen wird.
    Was momentan von manchen Menschen als salonfähig und als „Mehrheitsmeinung“ gesehen wird, ist eine Katastrophe und man mag sich gar nicht ausmalen, was da noch alles schwelt. Dieser Rassismus existiert nicht erst seit gestern – und das macht es noch furchtbarer.

    Danke für deinen Artikel und danke für dein Engagement!

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  2. warum sich gerade Menschen durch „Gutmenschen“ terrorisiert fühlen, geht mir einfach nicht in den Kopf! Super, wie du reagiert hast! Die SZ hat gerade eine Reihe mit dem Hashtag #neuindeutschland gestartet – vielleicht kannst du da auch ein oder zwei Erlebnisse deiner Deutsch-Schüler beitragen, denn je mehr aus „die Flüchlinge“ Einzelschicksale werden, desto besser. lg

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  3. Ich sehe das so: Gutmensch = guter Mensch. Wieso sollte das eine Beleidigung sein?
    Ich fürchte in so einer Situation wäre ich ausgerastet… Ich kann mich dann nicht mehr zusammennehmen und ruhig bleiben, werde dann schnell beleidigend, wenn ich solch dämlichen Schwachsinn höre. Und sowas belastet mich auch ungemein! Ich arbeite in Bayern im öffentlichen Dienst und da kann man davon ausgehen, dass die Gesinnungen hier nicht überwiegend Pro-Asylanten sind. Das schafft mich jeden Tag aufs neue…
    Ich glaube zwar nicht, dass wir wirklich diejenigen Menschen mit unseren Blogs erreichen, die wirklich ein Umdenken nötig hätten, aber das ist egal! Vielleicht reicht es auch uns gegenseitig zu erreichen um uns in unserer Meinung zu bestärken und auch unseren Gleichgesinnten zu zeigen: wir sind viele, wir sind mehr!

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  4. Es ist richtig, wie du reagiert hast. Bisher habe ich solche Aktion noch nicht erlebt und hoffe, dass ich es auch nie erleben werde, weil mir dann bestimmt der Mut fehlen würde, meine Stimme zu erheben.
    Ich will nicht wissen, wo wir heute wären, wenn es keine sogenannten Gutmenschen geben würde. Wie würde die Situation der Flüchtlinge denn heute aussehen, wenn es keine „Gutmenschen“ gäbe? Bestimmt nicht so rosig.

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  5. Schon traurig das es anscheinend heute für gewisse Menschen eine Schande ist, wenn man ein guter Mensch ist. Ich bin gerne ein Gutmensch!

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  6. Was für ein schrecklicher Mensch! Toll, dass du ihm die Stirn geboten hast!
    In einem Punkt hat der Typ ja leider etwas recht: Manche Flüchtlinge haben vielleicht Krankheiten, die bei uns weitestgehend ausgestorben sind (aber nicht unbedingt Leute vom Balkan). Das sollte sie aber nicht mit Häme überziehen, sondern ist ein Grund mehr, ihnen zu helfen. „Du kommst aus einem Land, in dem das Gesundheitssystem nicht so gut ist wie bei uns – also bleib da und verrecke!“ – was soll das denn für eine Argumentation sein? Als ob sich der deutsche Durchschnittsbürger damit rühmen kann, hier das Gesundheitssystem aufgebaut zu haben. Im Gegenteil: Die besorgten Bürger wollen ja anscheinend am liebsten den Sozialstaat abschaffen. :p

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  7. […] so eine fremdenfeindliche Scheiße eintrichtert, konfrontieren? Ich entscheide mich für ersteres. Ich kann nicht jedem rassistischen Arschloch, dem ich begegne, die Meinung geigen. Außerdem bin ich auf dem Weg zum […]

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