Introvertiert & Lehrerin – wie passt das zusammen?

Herbst 2000. Vierte Klasse der Grundschule.

„Jessica ist am Telefon. Sie fragt, ob du Lust hast, mit ihr zu spielen.“

„Nein“, antwortet die 10-jährige Kato. „Ich habe doch schon gestern mit jemandem gespielt. Heute will ich meine Ruhe haben.“


Dass ich gern allein (und aus Sicht anderer deshalb ein bisschen komisch) war, wusste ich schon als Kind. Vom Konzept der Introversion und Extraversion erfuhr ich leider erst viele Jahre später.

Bis dahin hatte ich meine Vorliebe fürs Alleinsein auf meine nicht vorhandenen Geschwister geschoben, mich jedes Mal aufs Neue durch mehrtägige Klassenfahrten gequält (und mich gewundert, warum die anderen Kinder dabei Spaß hatten?!) und mir von jeder Lehrerin und jedem Lehrer anhören müssen: „Warum meldest du dich nicht öfter? Du weißt es doch.“

Mittlerweile kann ich mich als Introvertierte identifizieren und kenne die Stärken und Schwächen der Introversion. Ich empfinde soziale Situationen mit mehreren (und vor allem fremden!) Personen als anstrengend bis unangenehm, ich stehe nicht gern im Mittelpunkt, kann mich schlecht selbst vermarkten und hasse Bullshit- und Smalltalk-Gelaber. Dafür bin ich gern allein (mir ist NIE langweilig) oder mit anderen ruhigen Menschen zusammen, bin alleine sehr kreativ und produktiv, arbeite zuverlässig, strukturiert und manchmal auch perfektionistisch.

Für meinen Geschmack wird Introversion in den Medien noch nicht stark genug thematisiert. Man merkt das große Interesse an den Kommentaren und Reaktionen für Artikel, die darüber sprechen – zum Beispiel die Introvert’s DairyReihe von Sabine (A Hungry Mind) oder den herrlichen Text „Ich bin nicht depressiv, ich bin introvertiert, danke der Nachfrage.“ von Jule (Im Gegenteil).

Deshalb habe ich mich entschlossen, auch mal darüber zu schreiben – und mich dabei der Frage „Kann man als introvertierte Person LehrerIn werden?“ zu widmen. Das hier ist keine Recherche. Das ist meine Story.


Beginnen wir mit einer Zeitreise zurück zur Schulzeit: Ich fand Schule wahnsinnig anstrengend. Nicht wegen der Fächer und des Lernens (da bin ich problemlos mitgekommen), sondern wegen der anderen Kinder. Lärm, hyperaktive Kinder, tausend Eindrücke… Nicht selten bin ich nachmittags mit Kopfschmerzen nach Hause gekommen und musste erstmal eine Runde schlafen, bevor ich mich wieder fit für irgendwas fühlte.

Never ever würde ich Lehrerin oder Erzieherin oder Sozialarbeiterin werden wollen – oder irgendeinen anderen Job haben wollen, bei dem man den ganzen Tag mit Kindern arbeitet. (Und das sage ich auch heute noch. Sorry, aber ich habe kein Händchen für Kids.)

Erklären fand ich super und meinen Nachhilfekindern und Mitschülerinnen habe ich sehr gerne geholfen. Aus drei Gründen kam der Lehrerberuf jedoch nicht in Frage:

  1. Ich würde permanent mit Gruppen von Menschen/Kindern zusammenarbeiten – how about no.
  2. Geschätzt alle AbiturientInnen hassen es, Referate und Vorträge zu halten. Ich bin/war definitiv keine Ausnahme.
  3. Kinder sind grausam. Würde ich selbstbewusst und durchsetzungsfähig genug sein, um mich in schwierigen Situationen vor einer Schulklasse durchsetzen zu können? Ich will es nicht erst nach sechs Jahren Studium herausfinden.

Nach dem Abi suchte ich also nach einem Studium, das die Kategorien (a) irgendwas mit Sprachen und (b) keine Lehrerin erfüllt – und landete bei der Übersetzungswissenschaft. Alleine im stillen Kämmerlein sitzen und Texte übersetzen – was für eine romantische Vorstellung, nicht wahr? Und so passend für Intros…

Nach zwei Semestern im Studiengang Übersetzungswissenschaft musste ich endgültig feststellen, dass das eine dumme Idee war. (Erst vor ein paar Tagen saß ich abends eine Weile an einer Technikübersetzung für eine WordPress-Webseite und habe mich selbst für die Idee ausgelacht, Übersetzerin werden zu wollen.) In mein zweites Studienfach bin ich irgendwie reingerutscht und habe es keine Sekunde bereut. Früher, als es noch Magister- und Diplomstudiengänge gab, hieß mein Bachelorstudiengang „Deutsch als Fremdsprachenphilologie“. Aufgrund von Wahlmodulen war der Bachelor dennoch nicht von vorneherein auf die Lehrtätigkeit in Deutsch als Fremdsprache (DaF) festgelegt. Wenn ich keine Lust auf Didaktik und Unterrichtsplanung gehabt hätte, hätte ich mich auch in Richtung Interkulturelle Kommunikation spezialisieren können.

Im ersten Unterrichtspraktikum habe ich dann gemerkt, dass ich mit Didaktik auf dem richtigen Weg bin: Es hat total Spaß gemacht, auch wenn ich heute sehe, dass ich damals einiges falsch gemacht habe.

An einer Sprachschule zu unterrichten war ganz anders als in der „normalen“ Schule: kleine Klassen, lernwillige Schülerinnen und Schüler und eine positive Atmosphäre. Pluspunkt für Erwachsenenbildung!

Eine Schülerin der Sprachschule (li.) und ich bei meinem ersten Praktikum als DaF-Lehrerin

Weitere Praktika, Workshops im Verein und meine Hiwi-Stelle, die mir einen Behind the Scenes-Einblick in die Lehre an einer Uni gab, bestärkten mich, dass Unterrichten doch irgendwie mein Ding ist.

Die endgültige Heilung von jeglicher Art von Referats-Lampenfieber kam dann unverhofft und fühlte sich an wie das Abziehen eines störenden Pflasters: kurz. Schmerzhaft. Und trotzdem irgendwie geil.

(Long story short: Ein Teamkollege und ich durften vor 300 VWL-Studenten unseren Verein kurz vorstellen, um neue Mitglieder zu werben. Literally fünf Minuten vor unserem großen Auftritt teilte er (älter als ich; Lehramtsstudent; sonst immer eher vorlaut) mir mit, dass er sich doch nicht traue, den Sprechpart zu übernehmen. Tja, und dann musste ich ran. Und habe es sogar geschafft, den Hörsaal zum Lachen zu bringen.)

Von da an hatte ich keine Probleme mehr, vor Leuten oder online live zu sprechen. (Wobei E-Learning-Vorlesungen nochmal eine Spur härter sind, da die nonverbalen Signale der Zuhörer fehlen und du quasi im Dunkeln tappst.)

Das Hauptgebäude der Háskoli Íslands, an der ich mein Auslandspraktikum gemacht habe.

Zwei meiner drei Gründe, warum ich nie als Lehrerin arbeiten wollen würde, habe ich schon entkräftet: Ich hatte kein Lampenfieber mehr und ich hatte entdeckt, dass ich zwar nicht mit Kindern, aber gut mit Erwachsenen arbeiten kann. Bleibt noch der dritte: „Ich würde permanent mit Gruppen von Menschen/Kindern zusammenarbeiten“

Naja, auch das stimmt nicht so ganz. Eigentlich arbeitet man als Lehrerin ziemlich oft alleine: Unterrichtsvorbereitung, Klausurerstellung, Klausur- und Aufsatzkorrektur, Administration (Teilnehmerlisten! The worst.) … Die tatsächliche Kontaktzeit mit meiner Lerngruppe ist gar nicht so groß.

Das klingt jetzt vielleicht, als fände ich das gut, da ich als introvertierte Person soziale Settings als anstrengend empfinde.  Bei Smalltalk und Co ist das auch so; Unterrichten fühlt sich jedoch anders an: Ich mag es, den Kurs zu leiten und ich genieße die Interaktion mit den Studierenden oder Lernenden. Das liegt vermutlich daran, dass im Seminarraum die Rollen und Erwartungen verteilt sind.

Zusätzlich habe ich einige Strategien entwickelt, mit denen ich mich beim Unterrichten entspannt fühle und Spaß habe. Angehende LehrerInnen oder andere Leute, die sich für introvertiert halten und darüber nachdenken, ob ihre Introversion und eine Lehrtätigkeit zusammenpassen, können diese Tipps gerne für sich adaptieren.

 

  1. Vorbereitung! Planung!

Egal ob zehn Minuten Präsentation oder acht Stunden Seminar: Eine gute Vorbereitung ist wie ein Sicherheitsnetz – oder ein Spicker bei der Klausur. Allein das Erstellen eines Spickers ist schon wahnsinnig hilfreich für deinen Lernprozess. In der Klausursituation (oder im Unterricht) gibt er dir das beruhigende Gefühl, dass du jederzeit nachgucken könntest wenn du einen Blackout hättest.

Ich investiere stets viel Zeit in meine Vorbereitung. Schließlich bin ich alleine dafür verantwortlich, ob meine Stunde gut wird oder nicht. Ich mag die Verantwortung, da ich sie alleine trage und mich nicht permanent mit anderen Leuten darüber abstimmen muss. (#intro)

 

  1. Feedback, Stärken & Schwächen

Mit seinen Stärken und Schwächen sollte man sich nicht erst beschäftigen, wenn ein Vorstellungsgespräch bevorsteht und man sich eine clevere Antwort auf die unvermeidliche Frage überlegen muss.

Klar – es ist unangenehm, sich mit seinen Schwächen auseinanderzusetzen. Aber erwartest du wirklich, dass du als AnfängerIn schon perfekt bist?! Indem man reflektiert und aktiv das Feedback von (ehemaligen) Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmern einholt, verbessert man sich für die Zukunft. So weiß ich zum Beispiel, dass ich dazu tendiere, zu schnell zu sprechen und mich regelmäßig bewusst bremsen muss.

 

  1. Mit Extrovertierten zusammenarbeiten

Die ersten Stunden mit einer neuen Gruppe sind hart, da man sich erst kennen lernen und einen gemeinsamen Vibe finden muss. Wenn die Studierenden sich noch nicht kennen, ist es ihnen oft unangenehm, vor der Gruppe zu sprechen, etwas vorzulesen oder ihre Antwort vorzutragen. In diesen Situationen ist es toll, wenn man offene (und extrovertierte) Personen im Kurs findet, und diese als „Zugpferde“ für die erste Zeit einbindet. Ich verlasse mich da auf mein Gespür. Diese Zugpferde können Leute sein, die…

  • … durch Smalltalk vor Kursbeginn schon eine Beziehung zu mir aufgebaut haben
  • … von ihrer Persönlichkeit her sehr aufgeschlossen sind
  • … tendenziell eher älter sind und/oder ebenfalls als LehrerIn arbeiten

Indem ich solche Leute als „Komplizen“ in meine Unterrichtsgestaltung einbinde, mache ich den Unterricht abwechslungsreicher und vermeide gleichzeitig, mich selber in den Mittelpunkt stellen zu müssen.

 

  1. Humor, Freundlichkeit & Transparenz

Mein übergreifendes Ziel ist: alle sollen sich im Kursraum wohlfühlen. Dafür sind für mich drei Pfeiler essentiell: Humor, Freundlichkeit & Transparenz.

Zu Humor gehört für mich nicht nur eine lockere Atmosphäre in der Gruppe, sondern auch die Fähigkeit, über mich selbst zu lachen und mich in meiner Lehrerinnenrolle nicht zu ernst zu nehmen. Dazu muss ich definitiv nicht den Klassenclown mimen – es reicht schon der Versuch, die Namen richtig auszusprechen oder Wörter aus der Muttersprache zu lernen). Lachen ist gut fürs Lernen!

Freundlichkeit ist eigentlich selbstverständlich: Es gibt keinen Grund, warum ich zu meinen Lernenden unfreundlich sein sollte. Insbesondere wenn ich vor dem Kurs gestresst war oder schlechte Laune hatte, fällt es mir irgendwie leicht, den Schalter „umzulegen“ und ich habe sogar das Gefühl, dass mein Unterricht an diesen Tagen besser ist.

Der letzte Punkt, Transparenz, baut darauf auf: Wenn meine Gruppe mich mag und mir vertraut, verzeiht sie mir auch meine Fehler. Wenn ich also zum Beispiel eine Frage nicht richtig beantworten kann oder zu wenig Kopien dabeihabe, bin ich ehrlich und suche eine Lösung. Kein Stress.

 

  1. Ich ziehe viel Energie aus den Erfolgserlebnissen

Wenn mir ein Student nach einem verlängerten Wochenende Schokolade aus seiner Heimat mitbringt, will er mich entweder vergiften, bestechen oder er findet meinen Unterricht gut. (Da er keinen Schein brauchte und es keine Konflikte gab, gehe ich von der dritten Variante aus.)

Nun gut, das mit der Schokolade kam bisher noch nicht so oft vor – aber auch Lob ohne Süßigkeiten freut mich natürlich. Oder wenn Studierende sich erkundigen, ob sie nächstes Semester bei mir ein Aufbauseminar belegen können. Positive Rückmeldungen bestärken und motivieren mich.

Aber selbst wenn jemand mich nicht so mag: das ist ganz normal. Verschiedene Lernertypen kommen mit verschiedenen Lehrertypen gut klar. Wenn wir an unsere Schulzeit zurückdenken, war das ja auch so.


Seit meinem ersten Praktikum 2012 habe ich im In- und Ausland gearbeitet; Austauschschüler, Migranten und Flüchtlinge aus Dutzenden Ländern unterrichtet; Workshops und Seminare gehalten; viel gelehrt und gelernt. Natürlich verfüge ich nicht über so viel Arbeitserfahrung wie DaF-Lehrerinnen und -Lehrer, die seit Jahren in Vollzeit unterrichten, aber dass ich trotz Introversion eine gute Lehrerin sein kann, weiß ich nun.

So, das war meine Story. An die Intros: erzählt mir eure!

Ein Kommentar

  1. Yeah, mega coole Story! :D Finde es toll, wie du deinen Lebensweg gehst und dich so toll weiterentwickelt hast. Ich brauche auch super viel zeit für mich, bin schnell erschöpft und genervt von zu viel Kontakten und Geräuschen etc.. Als Kind wollte ich auch am liebsten alleine spielen :D Trotzdem habe ich immer Freunde gehabt und gerne etwas unternommen.
    Ich habe mich auch immer selbst gechallenget und Referate vorgetragen, bis ich keine Angst mehr davor hatte. Also selbstbewusst bin ich, kann auch offen auf Leute zugehen, jedoch strengt es mich immer noch an.

    Ich würde auch gerne eines Tages andere Menschen „unterrichten“ aber eher in die Richtung Coaching. Mal sehen, so richtig habe ich meinen Weg noch nicht gefunden.

    Toller Post, liebe Grüße
    Alina

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