Das neue Kleiderkreisel Bezahlsystem – ein mustergültiger Shitstorm

Wer die Tausch- und Verkaufsplattform für gebrauchte Kleidung und Accessoires Kleiderkreisel kennt, wird sicher Wind von den angekündigten Änderungen bekommen haben: Am vergangenen Samstag verkündete das Kleiderkreisel-Team (auch Kommando genannt), dass Ende November ein neues Bezahlsystem eingeführt werden soll, um Transaktionen zu vereinfachen und Käufer vor Betrug zu schützen.

Obwohl Käuferschutz natürlich löblich ist und nach einer sinnvollen Funktion klingt, sind viele Kleiderkreisel-User mit den Änderungen nicht einverstanden, da das System ihrer Meinung nach vor allem für die Verkäufer mehr Nach- als Vorteile mit sich bringt.

KK_Logo_PNGAlle Änderungen werden in den offiziellen Threads Sicheres Bezahlsystem auf KK: Warum? und Fragen und Antworten zum Bezahlsystem verkündet.

Die wichtigsten Änderungen betreffen die Einführung einer Gebühr in Höhe von 10% + 50 Cent, ein Treuhandsystem für das überwiesene Geld sowie die Fokussierung auf versicherten Versand via DHL.

Der Protest begann unmittelbar nach der Verkündung. Vor allem diejenigen User, die die Plattform vor allem zum Verkaufen nutzen, fühlen sich von den Änderungen überrumpelt. Es wird befürchtet, dass sich der Verkauf von günstigen Artikeln durch die anfallende Gebühr nicht mehr lohnen wird. Verkäufer können sich außerdem ihre Kunden nicht mehr aussuchen und müssen den Kleiderkreisel-Betreibern im Umgang mit ihren Bankdaten und ihren Einnahmen vertrauen.

Der Protest entwickelt sich zum Shitstorm: „Der Begriff „Shitstorm“ beschreibt den Umstand, dass sich ein Unternehmen online einem wahren Sturm der Entrüstung, Empörung und des Protests ausgesetzt sieht.“ (Schindler; Liller 2012: 169)

Die vier Charakteristika eines Shitstorms nach Schindler & Liller (2012):

  1. Plötzliches Ansteigen der Artikelfrequenz mit
  2. einer sehr hohen Zahl von Beiträgen in sehr kurzer Zeit mit
  3. eindeutig negativem Inhalt, bis hin zu vulgären Ausdrücken und Beleidigungen.
  4. Das Unternehmen wird wenig später kreativ verhöhnt, oft durch eine Modifikation des Logos.

facebookshitstormDas Kleiderkreisel-eigene Forum füllt sich mit Beschwerden, auf Twitter und Facebook lässen die Leute ihrem Ärger freien Lauf. Es wird jedoch nicht nur stumpf gemeckert, sondern auch auf witzige und durchdachte Weise mit den Änderungen umgegangen:

  • konstruktive Gegenvorschläge (verpflichtende Verifizierung; jährliche Gebühr) werden diskutiert.
  • Eine Petition für den Erhalt des bisherigen Systems wurde mittlerweile über 7600 Mal unterzeichnet.
  • Verschiedene Alternativen zu Kleiderkreisel wurden beworben
  • Diese Pressestimmen-Parodie ist auf jeden Fall lesenswert! Ein Auszug: „Auch die 15-Jährige Jacqueline ist begeistert: „Durch die Neuerungen bei Kleiderkreisel und meine Entscheidung, die Plattform aufzugeben, hält der Akku meines Smartphones viel viel länger, da ich die App nicht mehr verwende […] Außerdem habe ich gemerkt, dass mir meine Freundinnen eh viel besser weiterhelfen können als die Leute hier im Forum. Also wenn man den Vater mal wieder in Strapsen zuhause erwischt hat, oder wenn man wieder mal nicht weiß, wie man dem Freund so richtig einen blasen soll. Solche Gespräche haben wir in der Clique schon lange nicht mehr geführt, weil jeder nur allein vor KK saß und niemand mehr Interesse an echten Treffen hatte. Dabei ist das doch wirklich schön!“
  • Vulgär wird’s bei den Threads alá „Brüste gegen das Bezahlsystem“, die mehrfach gesperrt und wieder neu eröffnet wurden.
  • Zahlreiche #Hasthags wurden erfunden
  • Einige User riefen zu einem Boykott am Sonntag auf, wobei nicht messbar ist, wie erfolgreich dieser war.
  • Außerdem sollte die Facebook-Seite der Plattform „entliket“ werden
  • Analog zum vierten Punkt der zitierten Charakteristika eines Shitstorms änderten viele User, die sich aktiv im Forum beteiligten, ihr Profilbild in ein übermaltes Kleiderkreisel-Logo.
  • Es wurden sogar andere Threads „infiltriert“, in denen es eigentlich um andere Themen ging:
Hier geht es eigentlich um Beziehungsprobleme - die Userin lenkt mit ihrer Antwort jedoch die Aufmerksamkeit auf das Bezahlsystem
Hier geht es eigentlich um Beziehungsprobleme – die Userin lenkt mit ihrer Antwort jedoch die Aufmerksamkeit auf das Bezahlsystem

Das aktive Forum der Kleiderkreisel-Plattform wird den Machern zum Verhängnis.

Schon lange hatte sich das Forum thematisch weit von Klamotten- oder Beautythemen entfernt. Gott und die Welt waren buchstäblich die Themen – von Politik und aktuellem Zeitgeschehen über Ernährung bis zur Religion wurde alles diskutiert. Im anonym nutzbaren Teil des Forums wurden regelmäßig Threads zu Sex- oder Beziehungsproblemen eröffnet.

Den Betreibern von KK konnte das nur Recht sein: Das aktive Forum sorgt für jede Menge Traffic, der Content für gute Platzierungen für Google. Haben sie nicht damit gerechnet, dass die lebendige Community im Forum lautstark protestieren wird?

Am Samstagabend taten sie zumindest nichts dagegen. Wo sonst Threads zu KK-Alternativen nach kurzer Zeit gesperrt wurden, taten sich Threads mit mehreren Hundert Beiträgen auf, in dem die User ihre neuen Kleiderkorb-Profile verlinkten.

Wer profitiert davon?

kleiderkorb_logoKleiderkorb.de scheint DER Gewinner dieses Shitstorms zu sein. Unter den diskutierten Alternativen (z.B. Mädchenflohmarkt, …) scheint Kleiderkorb sich durchgesetzt zu haben. Das Kleiderkorb-Team teilte mir mit, dass sich seit Samstag „ca 10.000 neue Mitglieder“ registriert haben. Zwischendurch setzte sogar der Server der Seite aus, da er dem Ansturm nicht gewachsen war. Dieser wird nun umgestellt, um die Kleiderkreisel-Flüchtlinge, wie sie sich selber nennen, aufzunehmen. Außerdem verriet mir das Kleiderkorb-Team, dass bereits eine App in Auftrag gegeben wurde, um Kleiderkorb mobil nutzen zu können (nennt man das dann analog zum „kreiseln“ „korben“? ;)). „Und das wichtigste überhaupt – unsere Plattform bleibt kostenlos für alle User und für immer ;-)))“ lautet das abschließende Statement.

Ob Kleiderkorb dann mit dem Funktionsumfang des bisherigen Platzhirsches dieses Sektors mithalten kann, bleibt abzuwarten. Es ist auf jeden Fall deutlich, dass die Kleiderkorb-Betreiber den ex-KKlern den Umstieg so einfach wie möglich machen wollen. In diesem Thread wird davon berichtet, dass Kleiderkorb es ermöglichen will, die positiven Bewertungen aus Kleiderkreisel-Transaktionen mitzunehmen.

Pro-Stimmen

Natürlich finden sich im Forum nicht nur negativ eingestellte User, sondern auch welche, die das System begrüßen.

Dass das Kommando die Plattform sicherer machen will, ist selbstverständlich löblich. Es häuften sich Beschwerden über Betrüger, die mit Fake-Accounts Geld einheimsten und sich dann auf Nimmerwiedersehen löschten. Man muss jedoch dazu sagen, dass die Opfer dieser Betrugsmasche oft sehr leichtgläubig waren. Warum sollte jemand neue Markenware wie etwa Nike-Sneaker oder Designerhandtaschen zu einem Bruchteil des Preises verkaufen? Vom Betrugsschutz-Argument fühlen sich die meisten User wohl nicht angesprochen, da das Kreiseln mit gesundem Menschenverstand und den üblichen Sicherheitsregeln in einem Großteil der Fälle problemlos verlief.

Eine weitere Diskussion wurde zum Beispiel hier unter dem Titel Wieso darf KK kein Geld verdienen?  angestoßen. Stimmt eigentlich, wieso gehen die User davon aus, dass ihnen dieser Service, bei dem sie selber ihr Taschengeld aufbessern können, gratis zur Verfügung gestellt wird? Die Betreiber haben ja auch Kosten für Server, Entwicklung, Personal und so weiter. Es mag vielleicht daran liegen, dass wir heutzutage daran gewöhnt sind, den Großteil unserer Internet-Dienstleistungen (z.B. soziale Netzwerke, Messenger, Apps) kostenlos zu nutzen.

Aber womöglich scheint auch der Sprung von 0€ zu einer festen Gebühr PLUS Provision zu krass. Die Stimmen im Forum standen einer festen Grundgebühr ja eher positiv entgegen. Ein kleines Rechenbeispiel: Ich habe kürzlich eine Jacke für 14 Euro und ein Shirt für 6 Euro verkauft. Mit dem neuen Bezahlsystem hätte ich für den Verkauf der Jacke also 1,90€ und für den des Shirts 1,10€ Gebühr bezahlt. Außerdem wäre der Versand für die Käufer teurer geworden. Bei aktiven Kreislern summieren sich da die Gebühren bzw. verringert sich der Gewinn. Kein Wunder, dass viele den Eindruck haben, dass sich die Nutzung der Plattform dann nicht mehr lohnen würde.

Parallelen…

Spontan denke ich an den Fall der beliebten Plattform Mitfahrgelegenheit.de, die letztes Jahr ebenfalls eine Gebühr für ihr ehemals kostenloses Angebot einführte und erhebliche Nutzerinbußen verzeichnete. Andere Plattformen wie z.B. blablacar profitierten – wobei ja nun auch einige Fernbusunternehmen etabliert sind, die wiederum eine Konkurrenz darstellen.

 Die Krisenkommunikation des Kleiderkreisel-Kommandos ist bisher eher dürftig. Warum wurden die Änderungen gerade an einem Samstag Abend kommuniziert, wo das Forum stark frequentiert wird? Warum gibt es keine offizielle Pressemitteilung?

Es wird sich in den nächsten Tagen zeigen, ob der Kleiderkreisel Shitstorm bestehen bleibt oder das Kommando es schafft, die erhitzten Gemüter zu beruhigen und ob durch die Massenabwanderung zu Kleiderkorb & Co. ein erheblicher Einbruch der Nutzerzahlen entsteht.

Lektüre: Schindler, Marie-Christine & Liller, Tapio (2012): PR im Social Web. 2. Auflage. Köln: O‘Reilly

Titelbild: Julius T. via www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

12 Kommentare

  1. ein super Beitrag und vor allem freue ich mich über die info mit der App <3

  2. Super Beitrag. Bin zwar schon seit September im Körbchen, habe aber nicht vor Kreisel weiter zu nutzen :) Freue mich wahnsinnig auf die APP

  3. ganz toller Beitrag! Auch wenn ich im Forum schon davon mitbekommen habe, war es doch schön, alle Fakten nochmal in einem Beitrag zusammengefasst zu lesen.
    Den Thread mit den „Pressestimmen“ kannte ich noch gar nicht und musste eben beim Lesen soo lachen!

  4. Gut und strukturiert geschrieben. Fehlt nur noch, dass Kleiderkreisel ab Einführung des Bezahlsystems nicht mehr für Jugendliche unter 18 Jahren zu nutzen ist und dass es keine versicherten Päckchen mehr geben wird, sondern nur noch teure DHL-Pakete. Für ein T-Shirt um die 3 Euro? Das wird wohl niemand mehr zahlen wollen. Und so wird KK eher zu einem zweiten Mädchenflohmarkt für höherpreisige Kleidung und die vielen preiswerten Kleidungsstücke wandern dann wohl zu H+M, in die Altkleidersammlung oder in den Müll. Nicht gerade nachhaltig.

    1. So wie ich das verstanden hab, können u18Jährige das doch nutzen: „29. Was ändert sich für minderjährige Nutzer? Nicht viel. Minderjährige Nutzer haben die Option das Kleiderkreisel Bezahlsystem über Sofort-Überweisung zu nutzen. Wer kein Onlinebanking hat, kann Artikel auch weiterhin über die Nachrichtenfunktion einkaufen.“ steht im Frage-Antwort-Thread.
      Ist natürlich trotzdem umständlich..

  5. Vielen Dank für diesen Beitrag und die ausführlichen Infos! Ich war Kleiderkorb ebenfalls ein wenig misstrauisch gegenüber eingestellt, aber App und evtl. Bewertungsmitnahme hören sich dann doch schon mal toll an. Mir geht es in erster Linie auch darum das ich die Art und Weise wie das Ganze kommuniziert wurde nicht besonders fair finde, und dann ist die Gebühr – letztenendes höher als bei Ebay, wo man aber viel viel mehr Frequenz und Einkäufer hat wirklich unverschämt. Von Zero auf 100 sozusagen. Gegen eine geringere Gebühr hätte ich nichts einzuwenden gehabt, aber da die Plattform ja nun einige Jahre kostenlos funktioniert hat und sich über Werbeinnahmen finanzierte, ich gehe nicht davon aus das hier jemand sein Privatvermögen eingebracht hat, ist das natürlich jetzt mit den Gebühren doch ne schöne Summe. Daher muss man davon ausgehen, das es sich hier um eine kommerzielle Bereicherungsmethode handelt. Da besonders viele junge Leute bei Kleiderkreisel sind geht es dann tatsächlich in die Richtung „Abzocke“ da muss man sich bei Kleiderkreisel nicht wundern.

  6. Vielen Dank für den ausführlichen Bericht.
    Die Aufnahme bei Kleiderkorb war sehr nett und man hat sich sofort um ehemalige Kreisler gekümmert.
    Ich bin Gott sei Dank mit meinen Artikel umgezogen bevor mich das Komando dauerhaft gesperrt hatte. Anit Bezahlsystem Avatar und Hinweis direkt neben dem Mitgliedsnamen auf Kleiderkorb zusammen mit den kritischen Beiträgen im Forum war denen dann doch zuviel. Ich werfe dem Komando aber vor, wenn man jemanden sperrt, informiert man ihn und nennt ihm den Vorwurf. Das Komando hat sowas nicht nötig und behandelt die Mitglieder schlechter als Straftäter.
    Ich hätte nichts gegen einen jährlichen Nutzungsbetrag gesagt oder kleine Zahlungen für Verkäufe. Die Schlechterstellung der Verkäufer wird denen reihenweise die Mitglieder kosten und ich hoffe Kleiderkreisel geht unter.

  7. Ich finde es sehr traurig, wie sich alles entwickelt hat beim KK, Ich war dort als Käufer unterwegs und konnte schon so einiges an Sachen günstig erwerben worüber ich mich natürlich gefreut habe. Jetzt mit den ganzen Gebühren und den hohen Versandkosten, kann ich es mir einfach nicht mehr leisten, dort noch etwas zu Kaufen. Die Preise steigen und die Versandkosten werden auch höher als bisher sein. So habe ich mich beim Kleiderkorb angemeldet, wo ich jetzt wieder günstig gebrauchte Kleidung günstig erwerben kann. Ich wäre gern beim KK geblieben, aber durch die Kosten ,die jetzt da auf mich zukommen sehe ich einfach keine Möglichkeit mehr dort bleiben zu können. Schade, daß man die Leute dort so vergrault.

  8. Hey hey!
    Schoene Website! Bei deinem Artikel im Screenshot wuerde ich den Namen der KK-Userin jedoch schwaerzen bzw. unkenntlich machen, um vielleicht notwendigen Stress zu vermeiden. Oder hast du ihre Einverstaendniserklaerung? Ist nur lieb gemeint.
    Liebe Gruesse aus Rom

    1. Hallo! Ich hab die Userin gefragt. Für sie ist es ok. Aber gut, dass du dran denkst :)

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