Lähmender Perfektionismus

[dropcap]W[/dropcap]enn du das hier liest, habe ich es geschafft. Ich habe auf „Veröffentlichen“ geklickt. Ein winzig kleines Projekt abgeschlossen.

Das fällt mir in letzter Zeit schwer. Nicht etwa, weil ich faul wäre, oder es mir an Lust oder Zeit mangeln würde. Das Problem liegt woanders, und ich glaube, es jetzt identifiziert zu haben:

Perfektionismus.

Perfektionismus gehört ja bekanntlich zu diesen Eigenschaften, die man im Vorstellungsgespräch als Schwäche verkaufen kann, und dennoch positive Attribute transportieren sollen: Ich bin Perfektionistin, übersetzt in Bewerbungs-Sprech: „Ich arbeite viel und genau, bin strebsam und lasse mir gerne Überstunden aufbürden!“ – In hundert Bewerbungsratgebern gelesen, von hundert Personalchefs mit einem müden Lächeln quittiert.

Keine halben Sachen

Eigentlich empfinde ich (meinen) Perfektionismus als eine angenehme Eigenschaft. Er sorgt dafür, dass ich Gedanken erst kreuz und quer durchdenke, bevor ich sie in die Freiheit entlasse. Plan statt Schnellschuss. Organisation statt Chaos (außer auf meinem Schreibtisch, das gebe ich zu). Auf Eventualitäten vorbereitet sein.

In letzter Zeit merke ich aber, dass mein Perfektionismus mir nicht hilft, sondern schadet.

Was, wenn das Ergebnis meiner Arbeit nicht gut genug ist?

Was, wenn ich etwas übersehen habe?

Was, wenn ich einen Fehler mache und ihn nicht bemerke?

Was, wenn ich mit dem Feedback nicht klar komme?

Perfektionismus empfinde ich als noch schlimmer als Prokrastination

Prokrastination ist natürlich auch ein verbreitetes Phänomen unter Studierenden, keine Frage. Letzteres habe ich aber viel besser im Griff, wenn ich mir vor Augen führe, dass dieses oder jenes nunmal zeitnah gemacht werden muss und ich mir nur Ärger erspare, wenn ich es einfach jetzt tue. Future-Kato bedankt sich.

Listen, Deadlines und klar definierte Arbeitsanweisungen helfen dabei. Für PerfektionistInnen sind diese hingegen ein Teil des Problems: Wenn ich Aufgaben einfach nur irgendwie erledigen will, kann ich mich an der To-Do-Liste entlanghangeln und mich mit dem befriedigenden Gefühl belohnen, den Punkt als erledigt zu markieren. Aber was, wenn ich sie möglichst gut erledigen will? Wo ist die Messlatte, wann ist gut gut genug?

Mehr Fragen als Antworten, das ist klar. Mein Vorsatz – nein, mein Wunsch an mich selbst (ich mag das Wort „Vorsatz“ nicht) ist, in Zukunft ein bisschen weniger verkopft an meine Vorhaben heranzutreten. Egal, ob für die Uni, die Arbeit oder andere Projekte.

Was soll dieser Text nun? Zukünftigen ArbeitgeberInnen signalisieren, dass sie mich bitte einstellen sollen? (Hehe..) Ein bisschen Ego-Gejammer ins unsocial web pusten? Vielleicht. Aber vor allem: Einfach mal wieder etwas durchgezogen haben.

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Achja, der Kalender ist übrigens das Poladarium, ein Abreißkalender mit 365 wundervollen, reproduzierten Polaroid-Bildern. Ich besitze ihn nun schon im zweiten Jahr in Folge und finde ihn sehr inspirierend. (nope, #notsponsored. Danke, Mama)

5 Kommentare

  1. Danke für die persönlichen Einblicke!
    Ich denke, vielen geht es so und können deine Probleme sehr gut nachvollziehen.

    Greetins & Love & a wonderful sunday
    Ines

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  2. Kenne ich gut – mag ich aber an mir persönlich so gar nicht. Denn manchmal sollte man eben „einfach mal machen“. Ich gehe alles zig mal im Kopf durch und mache es zum Schluss doch nicht, weil ich es aus irgendeinem Grund nicht schaffe alles komplett zu Ende zu denken. Und was nicht durchdacht ist, wird nicht gemacht. Auch kacke, da stehe ich mir regelmäßig selbst sowas von im Weg…

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    1. Hey Roxy, „sich selbst im Weg stehen“ ist eine super Beschreibung für diesen Zustand. Ich hoffe, dass du bald einen Weg findest, dieses Problem zu händeln

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  3. Ich weiß noch, als es vor 1 bis 2 Jahren eine Blogparade zum Thema „Perfektionismus“ gab und viele darüber schrieben, dass sie nicht perfekt sind, weil sie nicht klatschen oder pfeifen können.
    Dafür hatte ich dann immer nur ein müdes Lächeln über, da mich mein Perfektionismus richtig lähmt – sei es beim Bloggen, sei es in der Schule/auf der Arbeit…
    Da würde ich mich lieber in eine Sinneskrise stürzen, weil ich nicht pfeifen kann (Kann ich wirklich nicht, jedoch ist das mir egal)

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