Mein Kirchenaustritt

Heute ist der 21.12.2016, 17:24 Uhr. Bis vor rund 31 1/2 Stunden war ich Mitglied der evangelischen Kirche.

Der Austritt war überraschend unkompliziert: Ich teilte der Mitarbeiterin im Bürgerbüro meinen Austrittswunsch mit, sie tippte schweigend die Daten von meinem Personalausweis ab, druckte ein Formular aus und las es mir auf schönstem Schwäbisch vor. Eine Unterschrift später und um 30€ Verwaltungsgebühr erleichtert war der Austritt vollzogen.

Mit meinem Kirchenaustritt habe ich einige „Privilegien“ verloren: Ich darf nun nicht mehr kirchlich heiraten, ein Kirchen- oder Patenamt übernehmen. Nunja, ich hatte eh nichts davon vor. Der Gedanke an einen Kirchenaustritt begleitet mich jedoch schon lange – ich werde spätestens alle paar Monate daran erinnert, wenn ich ein Gemeindeblatt aus dem Briefkasten fische. Ich war noch nie religiös und fühlte mich daher auch – spirituell – nie als Teil der Kirche. Der einzige Grund, warum ich formell ein Mitglied bin war, war mein mangelnder Mut im Teenageralter, gegen die anstehende Konfirmation zu rebellieren. (Damals überwogen die Argumente „machen alle so“ und „danach gibt’s ne Feier mit Geschenken“ – ich kann es meinem 14jährigen Ich nicht verübeln.)

Auf Formularen trug ich ein ev in das vorgesehene Kästchen ein, ohne groß darüber nachzudenken. Meine auf dem Papier bestehende Religiosität spielte nie eine Rolle. Es mag zynisch klingen [und vielleicht wohne ich ja jetzt lang genug in Baden-Württemberg, so dass die berühmt-berüchtigte schwäbische Sparsamkeit auf mich übergegangen ist], aber tatsächlich zog die Kirche meine Aufmerksamkeit aktuell aufgrund der gleichnamigen Steuer auf sich. Die Hoffnung, meine Steuererklärung für 2017 zu vereinfachen, wenn ich den Austritt noch vor Beginn des Jahres erledigt habe, war tatsächlich der treibende Grund, dies noch kurz vor Weihnachten zu erledigen. Das gefühlt wichtigste christliche Fest, wie ironisch.

Abgesehen von der Steuerersparnis gibt es natürlich noch andere und viel wichtigere Gründe für mich, aus der Kirche ausgetreten zu sein:

Christin nur auf dem Papier

Solange ich formal Mitglied dieser Religionsgemeinschaft bin, trete ich als solche in Statistiken auf. Rund 60% der deutschen Bevölkerung sind Christen. Doch wie viele davon sind wirklich gläubige/praktizierende Christen? Wie viele davon gehen nur zu Weihnachten oder anderen besonderen Anlässen in die Kirche, also eher aus Tradition als aus dem Glauben heraus? Und wie viele identifizieren sich eigentlich gar nicht damit, wie ich? Ich gehe davon aus, dass die Zahl der tatsächlich Gläubigen viel geringer ist. Dennoch bezeichnen PolitikerInnen Deutschland als christliches Land und sprechen von „christlichen Werten“. In der rechten Ecke fühlt man auch gerne eine „Bedrohung“ ebendieser Werte.

Indem ich mit meinem Austritt die Statistik um ein winziges Promillepünktchen korrigiere, möchte ich gegen den Begriff der „christlichen Werte“ protestieren.

  • Zum einen, weil ich christliche Werte ich nicht nur mit positiven Begriffen wie Nächstenliebe assoziiere, sondern vor allem mit Diskriminierung und unzeitgemäßen Regeln (siehe nächster Punkt).
  • Zum anderen, weil durch den Bezug auf das Christentum AtheistInnen und Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften ausgegrenzt werden.

Wenn wir über die Errungenschaften, Bürgerrechte und Vorteile eines Lebens in Deutschland sprechen, können wir gern von demokratischen, europäischen oder modernen Werten sprechen. Meinetwegen auch von Grundwerten, wenn man diese auf das Grundgesetz beziehen möchte.

Christliche Regeln

Die Diskriminierung von Homosexuellen, lebensferne Regeln (z.B. bezüglich selbstbestimmter Sexualität und Verhütung), die mangelnde Gleichberechtigung von Frauen und Männern und diverse weitere Gründe versagen es mir, mich mit der Kirche zu identifizieren.

Job? Nur mit dem Kreuz an der richtigen Stelle

Eine weitere Diskriminierung betrifft Menschen mit sozialen Berufen, z.B. im Erziehungs-/Schulwesen oder der Altenpflege. Viele Arbeitgeber befinden sich in christlicher Trägerschaft und erwarten von ihren ArbeitnehmerInnen eine Konfessionszugehörigkeit. Es erscheint mir vollkommen lächerlich, dass heutzutage – beinahe 2017 – die Eignung einer Person nicht ausschließlich durch Ausbildung, Talent und Erfahrung gemessen wird, sondern zusätzlich die Mitgliedschaft in einer bestimmten Religionsgemeinschaft Pflicht ist. Dadurch werden Menschen an die Kirche gebunden, die aus Angst um ihren Job nicht austreten können, und Menschen mit der „falschen“ Religion ausgeschlossen. Dass man Stellen direkt innerhalb der kirchlichen Verwaltung mit Christen besetzen will, kann ich nachvollziehen. Aber warum muss die Erzieherin im Kindergarten nebenan unbedingt evangelisch/katholisch sein?

(In)transparente Spenden

Noch einmal zurück zur Kirchensteuer: je nach Bundesland beträgt diese 8 bzw. 9 Prozent der Einnahmen. Das ist eine Menge Geld, die an die Kirche fließt und auf deren Verwendung ich keinen Einfluss habe. Sicherlich finanziert die Kirche auch soziale Projekte, aber ich entscheide lieber selbst, wie und wo und warum ich mein Geld für soziale Zwecke verwende.

Mittlerweile ist 19:34 Uhr und seit meinem Kirchenaustritt sind 33 1/2 Stunden vergangen. Ich frage mich, warum ich diesen Schritt nicht schon viel eher gegangen bin.


Das Titelbild zeigt die Hallgrimskirkja von innen und außen – die einzige Kirche, die ich gerade gern freiwillig besuchen würde. Und auch nur, weil sie in Reykjavík steht. Hier noch der Ausblick von ganz oben:

hallgrimmskirkjaausblick

  1. Hey,
    interessante Bericht.
    Ich kann alles bis auf deinen Punkt mit den christl. Regeln nachvollziehen. Diese Regeln sind nämlich für die „modernen“ Christen relativ veraltet, aber das ist ja Ansichtssache.
    Jedenfalls fühle ich mich als Christin gleichberechtigt :)

    Liebe Grüße, Michaela von Pelicanbeauty

    Antworten

  2. Liebe Kato,
    toller Beitrag! Ich bin schon vor 7 Jahren aus ähnlichen Gründen ausgetreten (hätte sie aber vermutlich noch nicht so treffend formulieren können). Das perfideste an den von Kirchen abhängigen Jobs finde ich aber, dass diese „Trägerschaft“ überhaupt nicht bedeutet, dass die Kirche die Einrichtungen finanziert. Meistens ist das immernoch in größeren Teilen der Staat; das habe ich mal in einer Reportage gesehen. Und die Kirche macht die „Regeln“? Unfassbar.
    xx

    Antworten

  3. Ein schön geschriebener Artikel.
    Ich bin aus ähnlichen Erwägungen letztes Jahr und damit leider erst viel zu spät ausgetreten.
    Mit Kirche und Religion kann ich einfach nichts anfangen.
    Konfirmiert bin ich auch nur, weil das halt so üblich war.

    Schöne Grüße
    Heiko

    Antworten

  4. Interessanter Beitrag, da ich auch schon lange über dieses Thema nachdenke. Was mich bisher zugegeben ein wenig abschreckt, ist die Art wie der Austritt stattfindet. Eine Freundin aus dem gleichen Kreis in dem ich wohne, hat sich bei dem Wunsch des Austritts noch mit einem Pfarrer unterhalten müssen(!), damit das angenommen wurde…

    Ich werde mich nächste Woche aber doch nochmals erkundigen, vielleicht hat sich ja seitdem etwas geändert. Danke für deine Erfahrungen!

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    1. Hey,
      war deine Freundin dann Katholikin oder angehörige einer Freikirche?
      Bei mir (ev) kam lediglich ein oder zwei Wochen später ein Brief von der örtlichen Kirchengemeinde mit der Bitte um ein Gespräch/Feedback. Da mein Austritt ja nichts mit der örtlichen Gemeinde zu tun hatte, habe ich diesen Brief einfach ignoriert. Mehr kam auch nicht.
      Meines Wissens nach kann der Austritt einfach beim Amt erfolgen und ein Gespräch mit einem Kirchenvertreter ist nicht verpflichtend…

      Antworten

  5. Meine Frau und ich sind nun auch aus der Kirche ausgetreten. Meine Frau hat erst gehadert, weil sie sich dann hinsichtlich kirchlicher Arbeitgeber einschränkt, aber sie kam zu dem Schluss, dass sie dann dort auch nicht arbeiten will.
    Wir spenden nun unsere eingesparte Kirchensteuer an Organisationen, wie die Alzheimer Gesellschaft Aschaffenburg e.V. oder action medeor.
    Weitere Gedanken zur Kirchensteuer findet ihr hier:
    https://www.zinskraft.de/2016/10/29/gedanken-zur-kirchensteuer/

    Viele Grüße
    Martin

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  6. Hej! Diesen Artikel hab ich gleich mal weitergeleitet, hatte ich doch vor einigen Wochen eine Diskussion mit einem Lieblingsmenschen darüber, ob er überhaupt weiß, wo seine Kirchensteuer hingeht und was er überhaupt abdrückt.
    Es dauerte nicht mal 5 Tage und er meinte, er tritt aus. Wird Zeit, das ich mal nachhake – sind doch einige von Deinen genannten Punkten auch bei uns Thema gewesen. Und wer was gutes tun will und sein Geld spenden möchte, kann das auch sehr gern schnell und unkompliziert lokal tun.
    Lieben Gruss!

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