Netz, Daten und Öffentlichkeit – 3 Lesetipps

Das Internet ist für uns allgegenwärtig geworden – es erleichtert uns viele Dinge im Leben, hat aber auch einen unbestreitbaren Einfluss auf uns, zum Beispiel auf unser Kommunikationsverhalten (siehe auch: Digital Natives). Dazu wurden schon viele, viele Bücher geschrieben, von denen ich euch heute drei ans Herz legen will.

Zugegebenermaßen handelt es sich bei allen drei Büchern nicht um brandheiße Neuerscheinungen. Gerade ‚Der Circle‘ hat ja ein größeres Medienecho hervorgerufen und wurde schon vielfältig besprochen und rezensiert. Dennoch denke ich, dass diese Bücher gerade in der Kombination erwähnenswert sind, da einige Gedanken buchübergreifend aufgegriffen und fortgesponnen werden.

Der Circle – das Internet der Zukunft?

dave_eggers_der_circleDave Eggers: Der Circle. 2014. Kiepenheuer & Witsch. Rund 23€.

In Dave Eggers‘ Roman wird das dystopische Bild eines gigantischen Internetkonzerns in nicht allzuferner Zukunft gezeichnet: Der Circle, sowas wie Supermegafacebookgoogle. Wir begleiten Mae, die dort einen begehrten Job antritt, bei ihrer Entwicklung und Eingliederung ins Circle-System. Viel mehr möchte ich zum Inhalt an dieser Stelle auch gar nicht schreiben – wer eine ausführliche Rezension zu diesem Buch geschrieben hat, darf mich gerne benachrichtigen, und ich verlinke sie dann.

Um ehrlich zu sein fand ich dieses Buch von der Story und vom Schreibstil her nicht besonders gelungen – die Hauptperson Mae ging mir nach kürzester Zeit auf den Senkel. Was dennoch dazu geführt hat, warum ich das Buch kaum zur Seite legen konnte? Eggers‘ monströses und beängstigendes Szenario eines Konzerns, der nicht mehr und nicht weniger als die totale Transparenz der Menschen fordert. Die eingesetzte Technologie ist mitnichten utopisch, sondern quasi schon da: Social Media, permanenten Internetzugang, bargeldloses Bezahlen, kleine Kameras, Livestreams (siehe auch: YouNow), Lifelogging, am Körper getragene Smart Devices (Datenbrillen und Smartwatch), Gesichtserkennung. Innovativ ist die Mechanik, alles zu verknüpfen und zu bündeln; und die fast schon religiös anmutende Weltanschauung dahinter.

Ich bin gespannt, ob diese Dystopie in ein paar Jahren in Vergessenheit geraten ist, oder ob sie einen Kultstatus alá 1984 oder Brave New World erlangt. (BNW mag ich übrigens deutlich lieber als 1984). Verschiedene im Circle dominante Gedankengänge begegnen uns auch in unserem wirklichen Leben: „Transparenz verhindert Verbrechen“, oder „Wer sich ordentlich verhält, hat ja nichts zu verbergen“. Genau da setzt das nächste Buch an:

Die Datenfresser – Daten als neue Währung

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Constanze Kurz & Frank Rieger: Die Datenfresser - Wie Internetfirmen und Staat sich unsere persönlichen Daten einverleiben und wie wir die Kontrolle darüber zurückerlangen. 2012. Fischer Taschenbuch Verlag. Rund 10€. Webseite zum Buch: datenfresser.info

Wir nutzen diverse soziale Netzwerke, suchen über Google, speichern unsere Fotos bei flickr, nutzen Cloud-Dienste – und freuen uns, dass das alles kostenlos ist. Dass wir stattdessen mit den Daten, die wir produzieren und hinterlassen ‚bezahlen‘ ist längst nicht jedem Internetuser vollständig bewusst.

Ziel von Die Datenfresser ist es deshalb, über die Funktionsweisen von Algorithmen und Cloud, Biometrie, Lokalisierungsdiensten und Internet-Geschäftmodellen aufzuklären. Auch die „Ich hab ja nichts zu verbergen“-Attitüde wird zerlegt. Constanze Kurz und Frank Rieger sind Sprecher des Chaos Computer Clubs (CCC) und haben zweifelsohne Ahnung von der Materie. Ihre Erklärungen sind leicht nachvollziehbar und mit guten Beispielen illustriert, allerdings wiederholen sie bereits geäußerte Passagen immer wieder, was mich beim Lesen extrem genervt hat. Sind diese Wiederholungen unabsichtlich entstanden (was ja bei einer Zusammenarbeit zweier Autoren durchaus passieren kann, aber im Lektorat bemerkt werden sollte) oder wurden sie bewusst gesetzt und den Lesern damit eine geringe Merkfähigkeit unterstellt?

Ein Kapitel fällt vollkommen aus der Reihe: Es wird die fiktive Geschichte eines Rechtsanwalts erzählt, der in der nicht allzu fernen Zukunft lebt und dessen Arbeits- und Privatleben stark von der neuen Technik beeinflusst wird. Circle-Dystopie lässt grüßen! Durch diesen fiktiven Einschub und die generell nicht gerade objektive Schreibweise ist Die Datenfresser also kein echtes Sachbuch.

Mich persönlich haben die meisten Inhalte des Buchs nicht überrascht – für Nicht-Digital-Natives oder Menschen, die sich bisher kaum mit der Funktionsweise von Online-Technologien und -Geschäftsmodellen auseinandergesetzt haben, halte ich das Buch aber durchaus für empfehlenswert. Nice to have sind auch die Linktipps am Ende der Neuauflage.

Während in diesem Buch die Daten, die man mehr oder weniger bewusst und freiwillig abgibt, thematisiert wurden, geht der nächste Titel einen Schritt weiter und zeigt, was damit passieren kann:

Der entfesselte Skandal – es kann jeden treffen

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Bernhard Pörksen & Hanne Detel: Der entfesselte Skandal - Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter. 2012. Herbert von Halem Verlag. Rund 20€.

„Skandal“ – welche Assoziationen weckt dieses Wort? Promis, die Nippel blitzen lassen? Politiker, die Verhältnisse mit ihren Praktikantinnen eingehen oder ihre Doktorarbeit schlecht zusammenkopieren? Wirtschaftsbosse, die schmieren und manipulieren?

Der entfesselte Skandal behandelt auch solche Fälle – die Haupt-Botschaft lautet jedoch: Es kann jeden treffen. Jeder kann heutzutage zum Protagonisten eines Skandals werden. So zum Beispiel eine chinesische Frau, die online einen unbedachten Kommentar veröffentlichte und dafür massiv angefeindet wurde. Angefangen bei Beleidigungen und Drohungen fand die Schwarmintelligenz schließlich immer mehr Details über sie heraus und veröffentlichte Informationen zu ihrem Arbeitgeber, ihrer Adresse und der ihrer Eltern. Eine verhängnisvolle Hetzjagd.

Das Buch zeichnet die Dynamik von (aktuellen) Skandalen nach – bekannten, wie etwa der NSA-Affäre oder den Folterbildern aus Abu Ghraib; aber auch von Zwischenfällen, die in unseren Medien nicht oder kaum thematisiert wurden, wie etwa das obige Beispiel aus China. Während Informanten und Whistleblower wie Julian Assange nach wie vor eine große Rolle spielen, werden immer mehr Skandale eher zufällig ausgelöst und betreffen Privatpersonen. Die Digitalisierung; das googlesche Elefantengedächtnis; die Datenmengen (siehe Datenfresser), die wir ins Netz feuern, führen zu einem Kontrollverlust im digitalen Zeitalter.

Obwohl es sich um eine wissenschaftliche Publikation handelt (Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft hier in Tübingen, Hanne Detel lehrt und forscht am selben Lehrstuhl), ist Der entfesselte Skandal sehr angenehm zu lesen und streckenweise spannend wie ein Krimi.

Besonders aufschlussreich ist – vor allem für Menschen, die im größeren Stil online publizieren, also nicht nur ihre Facebook-Freunde mit pseudophilosophischen Sprüchen und Urlaubsfotos nerven, sondern sich in Form von Blogs, Vlogs, Podcast oder sonstigen Formaten positionieren – das letzte Kapitel. Darin proklamieren Pörksen und Detel in Anlehnung an Kant den „kategorischen Imperativ des digitalen Zeitalters“:

Handele stehts so, dass Dir die öffentlichen Effekte deines Handelns langfristig vertretbar erscheinen.
Aber rechne damit, dass dir dies nichts nützt.

In diesen beiden Sätzchen steckt so viel, worüber wir nachdenken und diskutieren sollten!

Bewusstsein schaffen

Denn: „Das Internet geht nicht mehr weg“, um Miriam Meckel zu zitieren, die gestern Abend bei uns an der Uni im Rahmen der Mediendozentur über den „berechenbaren Menschen“ sprach.

Wer sich nicht damit beschäftigt ist naiv.

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