Rotkäppchen

Es war einmal eine kleine süße Dirne, die hatte jedermann lieb, der sie nur ansah, am allerliebsten aber ihre Großmutter, die wußte gar nicht, was sie alles dem Kinde geben sollte. Einmal schenkte sie ihm ein Käppchen von rotem Sammet, und weil ihm das so wohl stand und es nichts anders mehr tragen wollte, hieß es nur das Rotkäppchen…

[grey_box] Dieser Blogpost ist mein Beitrag zur Über den Tellerrand-Blogparade. Lisa hat mir das Thema „Rotkäppchen“ zugeteilt, ich habe Neri das Thema „Hinter den Kulissen“ gegeben. Alle Teilnehmer, Themen und Beiträge findest du hier. [/grey_box]

Soso, Rotkäppchen lautet also mein Thema. Damit hab ich nun wirklich nicht gerechnet! Dankeschön an Lisa für das kreative Thema, und ein doppeltes Danke dafür, dass du dich mit meinem Geschreibsel zufrieden gibst und keinen Outfit-Post verlangt hast :D

Das Märchen Rotkäppchen kennt wohl jeder – die Story mit dem kleinen Mädchen, der Großmutter und dem bösen Wolf ist dem geneigten Leser hoffentlich spätestens beim Lesen der Einleitung wieder in den Sinn gekommen. Alternativ kann man beim Projekt Gutenberg das Märchen in der Version der Gebrüder Grimm nachlesen.

Als ich das Stichwort „Rotkäppchen“ in Lisas Mail las, dachte ich spontan aber nicht an den Inhalt des Märchens, sondern einen Vorfall in der fünften Klasse: Wir waren ein Haufen 10- und 11-Jähriger waren erst vor ein paar Wochen aufs Gymnasium gekommen. Unser Klassenlehrer, Herr W., war ein kleiner, untersetzter Mann mit einem grauen Rauschebart und stets leicht geröteten Wangen. Seine Fächer waren Kunst, Werken und Deutsch. Nach kürzester Zeit hatten wir alle Angst vor ihm und seinen Launen. Mal war er der humorvolle Opa, der eine lustige Geschichte erzählte, doch Sekunden später wandelte er sich zum strengen Lehrer, der gnadenlos die schwachen Schüler vorführte und uns umfangreiche Hausaufgaben aufbrummte. Besonders gefürchtet waren die Vorleseübungen im Deutschunterricht: Ein Schüler musste einen Text laut vorlesen, und wenn er einen Fehler machte, polterte Herr W. laut „BACKSTEIN!“ quer durchs Klassenzimmer, so dass alle zusammenzuckten. Der Satz musste so lange wiederholt werden, bis kein Fehler (und kein „Backstein“) mehr ertönte. Was wohl eigentlich als kreative Pädagogik gedacht war, war eine Pein für uns. Vor allem die schüchternen Schülerinnen und Schüler der Klasse hatten Angst vor jeder Deutschstunde. Ich könnte mich jetzt seitenlang über unfähige Lehrer und veraltete Schulstrukturen auslassen, aber das eigentliche Thema ist ja Rotkäppchen.

Also, der besagte Herr W. kam irgendwann mal im Deutschunterricht in der Fünften auf das Märchen Rotkäppchen zu sprechen. Dabei gab er dann die Theorie zum Besten, dass die rote Kappe ein Symbol dafür sei, dass die Protagonistin zum ersten Mal ihre Menstruation bekommen hat. Die Farbe Rot stehe für das Blut und das junge Mädchen werde als eine Art Initiationsritus ins Erwachsenenleben allein durch den Wald geschickt.

Soweit, so gut. Was jetzt erstmal etwas krude und womöglich weit hergeholt, aber durchaus harmlos klingt, hat uns süße und unschuldige Fünftklasser damals ziemlich verstört. Mit 10 oder 11 ist man nunmal noch nicht so richtig aufgeklärt (die paar Stunden im Sachunterricht haben die Sache mit den Bienchen und Blümchen nicht ganz erklären können) und die Pubertät inklusive der merkwürdigen Veränderungen im und am Körper lag noch in der ungewissen Zukunft. Mädchen finden Jungs in dem Alter noch doof, und Jungs die Mädchen sowieso. Da war es irgendwie mega unangenehm, mit einem rund 40, gefühlt 100 Jahre älteren Mann über die erste Regelblutung einer fiktiven Figur zu sprechen. Für einige Kinder war der Vorfall (#Rotkäppchengate) wohl so traumatisch, dass sich die Eltern bei Herrn W. beschwerten und die ganze Sache nochmal beim nächsten Elternabend geklärt werden musste. Was hast du uns nur eingebrockt, Rotkäppchen?!

Little Red Riding Hood by Tang Yau Hoong
Illustration von Tang Yau Hoong via flickr.com (CC BY-NC-ND 2.0)

Eigentlich ist es ja auch ganz egal, ob die Gute nun ihre Tage hatte oder nicht; verstörend ist die Geschichte allemal. Da wird also ein junges Mädchen ganz allein in den Wald geschickt (hallo?), um ihrer kranken Omi Kuchen und Wein zu bringen (ja, Wein ist sicher die erste Wahl als Medikament für bettlägerige Patienten….). Dort erscheint ein Wolf und beginnt, mit ihr zu plaudern (vielleicht hat sie sich vorher den ein oder anderen Schluck Wein genehmigt..?). Das Versprechen, auf dem Weg zu bleiben, vergisst das Mädel natürlich auf der Stelle. Go go go, tiefer in den Wald hinein! Der Wolf verschluckt in der Zwischenzeit mal eben die Großmutter (apropos verschlucken: Ein Interview über „Vore“, Anklicken auf eigene Gefahr)  und legt sich mit deren Kleidung ins Bett. (What?) Als Rotkäppchen schließlich ankommt, ist sie vom Wein schon so beduselt, dass ihr zwar auffällt, dass irgendwas nicht stimmt („Ei, Großmutter, was hast du für große Ohren?“), aber an Flucht ist nicht mehr zu denken und auch sie wird verschlungen. Der vorbeikommende Jäger wird schließlich aufgrund des überaus lauten Schnarchens auf den Wolf aufmerksam (ist klar) und schneidet ihm mit einer Schere den Bauch auf, um die beiden Frauen zu retten (verdammt brutal für ein Kindermärchen, oder nicht?!). Interessanterweise wacht der Wolf bei der Prozedur weder auf, noch scheint ihm die riesige offene Bauchwunde ensthaft zuzusetzen; erst als das Rotkäppchen ihm Steine in den Magen legt und er versucht, aufzuspringen, stirbt er. Happy End!

Es stellen sich einige Fragen:

  • Warum greift der Wolf das Rotkäppchen nicht direkt bei der ersten Begegnung an?
  • Der Plauderton ihres Smalltalks suggeriert, dass Wolf und Rotkäppchen sich schon kannten; warum fällt ihm erst jetzt auf, dass sie ein leckeres Mittagessen abgibt? (Liegt es vielleicht doch an ihrer einsetzenden Pubertät und Herr W. hatte die ganze Zeit recht?)
  • Wenn der Wolf die Kleider der Großmutter anzieht, muss er sie ja vorm Verspeisen entkleidet haben…?!
  • Wie sollen zwei unverdaute Menschen überhaupt in einen Wolfsmagen passen?
  • Welche verantwortungslosen Eltern schicken denn bitte ihr Kind in einen Wald, in dem Wölfe umherstreifen? Wo bleibt das Jugendamt?

Und die wichtigste aller Fragen: Warum zur Hölle sind Geschichten für Kinder so verdammt gruselig und brutal? Man denke an die kinderfressende Hexe aus Hänsel & Gretel, Mordanschläge auf Schneewittchen, abgehackte Fersen (oder waren es die Zehen?) bei Aschenputtel, Kaninchen-Kriege bei Watership Down…

Klar, wir sind irgendwie alle mit Märchen, Gute-Nacht-Geschichten und Disneyfilmen aufgewachsen; sie gelten als Kulturgut und werden nicht groß hinterfragt.  Die meisten von uns haben sich wohl zu ganz passablen Erwachsenen gemausert, ohne Traumata von bösen Wölfen und Stiefmüttern zu erleiden. Trotzdem gibt es sicher schönere Geschichten und Filme. Wenn ich Kinder hätte, würde ich ihnen sicher nicht Grimms Märchen zum Einschlafen vorlesen.

Im Wikipedia-Artikel zu Rotkäppchen stolperte ich übrigens über diesen Abschnitt: „Das Märchen vom Rotkäppchen und dem bösen Wolf kann so interpretiert werden, dass es junge Mädchen vor Übergriffen gewalttätiger Männer warnen soll„.

„Kinder, insbesondere attraktive, wohlerzogene junge Damen, sollten niemals mit Fremden reden, da sie in diesem Fall sehr wohl die Mahlzeit für einen Wolf abgeben könnten. Ich sage „Wolf“, aber es gibt da verschiedene Arten von Wölfen. Da gibt es solche, die auf charmante, ruhige, höfliche, bescheidene, gefällige und herzliche Art jungen Frauen zu Hause und auf der Straße hinterherlaufen. Und unglückseligerweise sind es gerade diese Wölfe, welche die gefährlichsten von allen sind.“

– Charles Perrault

Tja, da zeigt sich, wie aktuell hunderte Jahre alte Texte sein können… Ich verweise hier mal auf den Blogpost Walking as a Woman und bedanke mich fürs Lesen.

Quellen/ Zum Weiterlesen:

 

P.S.: Ich hab grad nachgeguckt: Herr W. unterrichtet immer noch an meiner alten Schule. Ich hoffe, er hat seinen Unterrichtsstil mal überdacht und den Backstein abgeschafft.

Titelbild: Tobias Senger via flickr.com (CC BY-SA 2.0)

5 Kommentare

  1. Wow, toll, was du aus dem Thema gemacht hast (und eine gute Idee von Lisa)! Ich glaube, als Kind habe ich nie wirklich über das Märchen (oder Märchen im Allgemeinen) nachgedacht, auch nicht darüber, wie grausam die eigentlich sind. Waren halt spannende Geschichten, und die hört man gerne! Was man sich da noch alles für Gedanken dazu machen kann zeigt ja, dass Märchen lange nicht nur was für Kinder sind ;)

    Antworten

  2. Liebe Kato,
    ich freu mich total, dass du dich so intensiv mit dem Thema beschäftigt hast und offenbar auch Spaß daran gefunden hast! Die Pädagogik von Herrn W. kann ich zwar nicht so ganz nachvollziehen und diese Anekdote wird mir wohl noch das ein oder andere Mal, wenn ich vor Schülern stehe, ins Gedächtnis kommen, aber immerhin… ein guter Aufhänger für’s Thema :D Die Fragen, die du aufgeworfen hast, find ich allesamt toll und zur ersten kann ich nur sagen: Das Beste zum Schluss! Wir sinnierten in einem Seminar auch darüber und sind zu dem (wahrscheinlich auch nicht so ganz hieb- und stichfesten) Schluss gekommen, dass das Fleisch Rotkäppchens ja viel zärter ist und der Wolf sie sich quasi zum Dessert aufhebt…

    Zum letzten Absatz, dass das Märchen junge Frauen vor gewalttätigen Übergriffen warnen sollen etc., kann ich übrigens „Rotkäppchen muss weinen“ von Beate Teresa Hanika empfehlen. Noch schrecklicher als das Märchen!

    Alles Liebe, guten Rutsch und vielen Dank für die Organisation dieser tollen Blogparade! :)

    Antworten

    1. Hey Lisa, nochmal danke für das Thema! Ach, ihr habt im Seminar Rotkäppchen analysiert? Ja, das kann natürlich sein.. Danke für die Leseempfehlung!

      Antworten

  3. Ein wunderbarer Beitrag, ich musste mehrmals richtig lachen. Wenn man sich Märchen genauer anschaut, bekommt man teils wirklich Gänsehaut – und es bleiben meistens viele Fragen offen. Die Beschäftigung mit Märchen finde ich total spannend, vor allem, weil sie ja wirklich zum „Kulturgut“ gehören, jeder sie kennt und sie auch ständig neu interpretiert werden.

    Antworten

  4. Was mich immer beschäftigt bei diesen brutalen Märchen die einem ja vor den Gefahren des Lebens warnen sollten warum wir die wir die damals, als wir noch klein waren, nicht hinterher erklärt bekommen haben. Oder konnte sich einer mit 3 oder 5 auf Rotkäpchen oder Hänsel und Gretel einen Reim machen? Ohne Internet hätte ich heut glaub ich noch Probleme daraus was nützliches abzuleiten. Nagut Rotkäpchen war wohl eher an die Mädchen addressiert. Vlt fiel bei denen irgentwann der Groschen worauf das hinauslief aber für Jungen (also „junge Wölfe“) wie mich kann die Botschaft ja nur heißen lass dich vom Jäger (Vater?) nicht erwischen. Vlt noch das man Frauen am besten abschleppt wenn sie allein sind…? Bloß als das aktuell wurde bei mir dachte ich doch nicht mehr ans Rotkäppchen. Vlt merkt man daran das solche Märchen früher vor der ganzen Familie, also auch den Mädchen und jungen Frauen, Mägden usw. erzählt wurden. Aber ich denke auch damals musste die Mutter/Großmutter noch ein paar Erklärungen beisteuern. Anders kann ichs mit garnicht vorstellen.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.