Schönheits-Wochen

Ich schaue gerne nach der Post. Ich freu mich, wenn ich einen Brief bekommen habe; ich fühl mich immer so wahnsinnig erwachsen, wenn ich MEINEN Briefkasten zu MEINER Wohnung mit MEINEM Schlüsselbund aufschließe. Und zu guter Letzt bietet der Stop am Briefkasten eine gute Gelegenheit, unauffällig nach Luft zu schnappen und sich von den 10 Gehminuten berghoch zu erholen, bevor man sich zur Wohnung in den dritten Stock kämpft.  (Hey, dafür hab ich eine schöne Aussicht!)

Auf jeden Fall fischte ich heute einen Brief aus dem Briefkasten. Naja, keinen richtigen Brief, sondern so etwas was sich sofort als bunt bedruckte Werbe-Sendung identifizieren ließ. Von dm. Weil ich meine Seele an Payback verkauft habe. Aha. Okay. Erstmal die drei Stockwerke hochgekämpft, das Teil auf den Esstisch geworden, die schwere Tasche gleich daneben und etwas zu Essen gemacht.

Im Vorbeigehen fällt mein Blick auf die Werbesendung. Jetzt sind Schönheits-Wochen bei dm“ lese ich. Aha. Schönheits-Wochen? Soso. Bei dm wird doch allerhand Kosmetik verkauft, warum gibt es dann extra Schönheits-Wochen?

Ich gebe zu: ich kaufe oft bei dm. Ich mag den Laden irgendwie. Es ist eigentlich immer alles vorrätig was ich brauche, und es ist meist günstiger als bei Rossmann. Im Umkreis von 5km um meine Wohnung befinden sich ganze vier Filialen dieser Kette.  Neulich hab ich einen Bericht über dm gesehen. ARD Marken-Check oder sowas? Da wurde unter anderem die Preispolitik beleuchtet und das gute Image untersucht. Experten erläuterten die Tricks, die die Kunden dazu bringen, den Laden mit einem guten Gefühl zu assoziieren. Dazu gehören zum Beispiel die breiten Gänge und die Decken-Spots, die ein angenehmeres Licht verbreiten als harte Neonröhren. Ich seh darin nichts verwerfliches. Sollen sich doch alle Marketing-Profis und Innenarchitekten der Welt vereinen und die Lampen in Supermärkten austauschen, um den Gewinn zu maximieren. Wenn’s Umsatz bringt, warum nicht? That’s capitalism, baby!

Was mich jetzt aber stört, sind diese Schönheits-Wochen. Was kann man bei dm kaufen? Putzmittel. Klopapier. Babynahrung. Grußkarten (Hey, 50 Cent! Geht voll klar!). Bio-Lebensmittel, Pflaster, Schwangerschaftstests, Kaugummis. Kann man gebrauchen. Keine Frage. Und was kann man noch kaufen?

Duschgel und Deos gegen ungewünschten Körpergeruch. Und Parfüm. Zahnpasta. Die macht sogar unsere Zähne weißer.

Shampoo um unsere Haare zu waschen. Aber nicht nur sauber soll unser Haar werden, sondern auch voluminös oder glatt oder lockig oder weich oder repariert. Farbe und Tönung in allen Nuancen.

Cremes für den Körper, Cremes fürs Gesicht. Für alte Haut, für junge Haut, für trockene, fettige, Mischhaut. Cremes für Frauen und für Männer – oh ja, immer mehr Cremes für Männer! Extra in der schwarzen oder grauen oder dunkelblauen Verpackung. For Men.  Steht ganz dick drauf.

Die Cremes können mittlerweile fast zaubern. Sie zaubern Poren und Cellulite weg, und Augenränder und Pickel. Ohje, Pickel. Dafür gibt’s nochmal ein extra Regal.

Okay, Pickel bekämpft? Porzellanteint erreicht? Nicht ganz. Weiter geht’s.

Gefühlte 20 Meter lang reiht sich ein Make-Up-Display ans nächste. Je nachdem, von welcher Seite man anfängt, sortieren sich die Produkte auf- oder absteigend nach dem Preis. Von Essence und p2 über Manhattan zu Maybelline und Astor.

Lidschatten mit Glitzer. Lidschatten ohne Glitzer. Eyeliner. Mascara für Volumen, Mascara für Länge, Mascara für Definition. Mascara, die diese drei Eigenschaften in sich vereint (Wow!). Mascara, die noch eine vierte Eigenschaft mitbringt.

Make-Up Base, Concealer, Grundierung, Camouflage, Highlighter, Bronzer, gepresstes Puder, loses Puder. Rouge.

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Lipliner, Lipgloss, Lippenstift , ein dutzend verschiedene. Lidschatten. Ich fang gar nicht erst an von Lidschatten. Und dann Nagellack. Das El Dorado, quasi. Verschiedene Farbnuancen und Texturen, stets gewitzt benannt von irgendeiner Marketingabteilung in irgendeinem Konzern. Midnight Romance (dunkelblau), Vino Tinto (entfernte Ähnlichkeit mit Rotwein); Goldfinger, ein glitzerndes – ratet mal – Gold. Haha.

Künstliche Nägel, künstliche Wimpern, künstliche Haare.

Ein paar Regalmeter weiter: Make-Up-Entferner und Wattepads, um das ganze Make-Up wieder zu entfernen. Und Nagellackentferner natürlich.

Nagelscheren und Nagelfeilen und Nagelhärter. Cremes und Raspeln gegen Hornhaut an den Füßen. Ihr merkt schon, jetzt kommen wir zum unappetitlichen Teil. Was ist noch unappetitlich? Natürlich, Haare. Also, die auf dem Kopf natürlich nicht, nachdem die frisch mit Shampoo, Conditioner, Spülung, Kur und Farbe behandelt sind, sitzen die. Naja, vielleicht noch Lockenwickler reindrehen oder mit einem Glätteisen behandeln?

Die anderen Haare meine ich. Die unter den Armen, an den Beinen und in der Bikinizone. Die müssen weg. Dafür gibt’s glücklicherweise je nach Schmerzempfinden und Geduld diverse Methoden. Rasieren, Epilieren, Kaltwachs, Warmwachs, Creme. Mittlerweile gibt’s anscheinend sogar diese Laser-Haarentfernungsteile für zu Hause? Wahnsinn. Pew pew! Nein halt, da sind noch mehr. Haare im Gesicht („Damenbart“, wenns zu offensichtlich wird).

Und die Augenbrauen. Wow, nennt mich naiv, aber mir wurde tatsächlich erst vor kurzem bewusst, wie viele Produkte es für die Augenbrauen gibt. Ich bin von Mutter Natur mit dunklen Haaren und einer ansehnlichen Brauenform gesegnet. Seit meinem 14. (?) Lebensjahr zupfe ich die ein bisschen in Form, und gut ist. Aber was ist mit den Mädels, die sehr helle und somit kaum sichtbare Brauen haben? Oder zwar dunkle, aber komisch geformte Brauen? Da gibt’s auch wieder eine ganze Bandbreite an Möglichkeiten. Unglaublich.

Ich meine, ganz im Ernst. Dass man seine Haare waschen sollte, bestreite ich nicht im Ansatz. (Höhö, Wortspiel. Gemerkt?) Und dass man das Bedürfnis hat, Pickel abzudecken oder etwas Farbe ins Gesicht zu bringen, verstehe ich ja auch vollkommen. Ich schminke mich ja auch.

Was mich nervt ist, dass jeder Quadratzentimeter des menschlichen (bzw. in diesem Fall eher des weiblichen) Körpers als fehlerhaft verkauft wird. Zu dick, zu dünn, zu groß, zu klein, zu hell, zu dunkel, zu beharrt.

„Hey, dein/e _____________ sind nicht perfekt. Don’t worry, dafür gibt’s ______________!“  Eine Einsetzübung.

Einige riesige Industrie basiert darauf, dass Frauen sich nicht schön finden und die entsprechenden Produkte kaufen. Nicht nur die Kosmetikbranche, auch Textilien (man denke nicht bloß an T-Shirts oder Jeans, sondern Push-Up-BHs für fehlende und Shaping-Unterwäsche für zu üppige Kurven). Diät- und Ernährungsprodukte. Fitnessprogramme. Plastische Chirurgie. Frauenzeitschriften.

Es gibt Firmen, die sich demonstrativ „dagegen“ stellen. Dove zum Beispiel, die ältere und etwas üppigere Frauen in ihre Werbung holten. Kampagne für „Wahre Schönheit“ nannten sie das dann, wenn ich mich richtig erinnere.

Wohl eher Ware Schönheit.

Jetzt liegt hier dieser Brief. Schönheits-Wochen. Von einer Firma, die davon lebt, mir Dinge zu verkaufen, die mich „schön“ machen sollen. Noch schöner, in diesen Wochen? Bin ich schon wieder nicht schön genug? Gibt es neue, innovative Produkte? Wurde noch ein neuer Fitzel an meinem Körper gefunden, der irgendwie verbessert werden muss?

Hey, warum so pessimistisch? Vielleicht geht’s in diesem Brief ja gar nicht um Make-Up.

Ich öffne die Lasche. 10 bunte Kleckse. Die neuesten Nagellackfarben von p2 und Maybelline. 060 Sassy stone gefällt mir am besten. Aber nur des Namens wegen.

Okay, ich brauche also Nagellack um schön zu sein. Vielleicht sollte ich den Brief einfach wegschmeißen.

Nein, denke ich, für diesen Text muss ich ihn mir jetzt anschauen. Vielleicht tue ich dm ja Unrecht. Ich blättere kurz durch. „Spiel mit deinem Schöngefühl“. Interessante Wortbildung, denke ich als Linguistin.

Produkte für den Teint und die Augen. Die Lippen. Die Fingernägel. Und diese gottverdammten Augenbrauenprodukte schon wieder.  Auf der letzten Seite gibt’s noch Rabattcoupons für Haarspray, einen Lippenstift und Zahnpasta (die die Zähne weiß macht!). Und da ist noch was, ich rieche etwas. Eine kleine Karte. Sie duftet. Werbung für ein neues Parfum, Wunderwasser. Ich schnuppere an der Karte, der Duft gefällt mir. Der Herrenduft sogar etwas mehr. Ich ertappe mich, wie ich denke „Hey, den Duft könntest du deinem Freund kaufen…

Nein. Er braucht das nicht, um schön zu sein. Wir brauchen das alle nicht.

Wenn du Lust auf bunte Nägel hast, hol dir Nagellack. Wenn dir deine Augenbrauen zu hell sind, hol dir meinetwegen so einen Stift, um sie dir nachzumalen. Aber lass dir bitte bitte nicht von dieser Industrie einreden, dass du das brauchst, um schön zu sein.  

Titelbild: "Petra Heber" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

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