Soziale Netzwerke, sozialer Vergleich

In der Medienwissenschaft gibt es eine Theorie, die zwar schon über 60 Jahre alt, aber in Zeiten sozialer Netzwerke aktueller ist denn je: Die Theorie des Sozialen Vergleichs, zuerst von Leon Festinger publiziert und natürlich im Laufe des Zeit weiterentwickelt.

Die Theorie besagt, dass Menschen stets das Bedürfnis haben, ihre Fähigkeiten und Meinungen (bzw. im Original abilities und opinions) mit anderen Menschen zu vergleichen. Der Vergleich ist logischerweise dann am aussagekräftigsten, wenn sich die zu vergleichenden Personen ähnlich sind. So würde es wenig Sinn machen, meine Englischkenntnisse mit denen einer Grundschülerin zu vergleichen, oder denen einer bilingual aufgewachsenen Dolmetscherin, die seit zehn Jahren im EU-Parlament arbeitet. Mit anderen StudentInnen in meinem Alter hingegen wäre der Vergleich aussagekräftiger.

Wir vergleichen uns ständig und überall. Facebook und Co, all die sozialen Netzwerke, die wir täglich nutzen, bieten uns mit all ihren Informationen großartiges Futter für bewusste und unbewusste Vergleichsprozesse: Er hat mehr Facebook-Freunde, sie macht gerade eine Reise nach Bali, er hat das neueste iPhone, sie hat einen neuen Job bei einem hippen Start-Up in Berlin. Das lässt das eigene Leben manchmal ganz schön blass und langweilig wirken.

Ich habe für die Uni neulich eine Studie* gelesen, die in einem Experiment den Probanden ein fiktives soziales Netzwerk mit gefakten Profilen vorgesetzt hat. Der Effekt, so die Studie: Wer die Profile von sehr attraktiven und/ oder sehr erfolgreichen Nutzern anschaut, ist mit seiner eigenen Attraktivität bzw. beruflichen Karriere unzufriedener. Der Effekt wird jedoch durch ein hohes Selbstbewusstsein abgeschwächt.

Die Studie lässt sich methodisch durchaus kritisieren, und auch das Ergebnis, dass Menschen mit einem niedrigen Selbstbewusstsein anfälliger für Vergleichsprozesse sind, scheint ziemlich logisch.

DeathtoStock_Medium8_c_e_wEigentlich ist uns allen ja klar, dass das, was wir in sozialen Netzwerken veröffentlichen, nur ein (schöner) Ausschnitt aus der Realität ist. Man postet ein Bild vom neuen iPhone, aber dass man es auf Raten gekauft hat, schreibt man natürlich nicht dazu. Marketingassistent nennt man seine Praktikantentätigkeit bei Xing, klingt halt besser als Kaffeekocher.

Es gibt Leute, die soziale Netzwerke für unnötig halten, und die Zurschaustellung des eigenen Lebens verurteilen. Man werfe nur Futter in den Schlund der Datenkraken, man wolle nur Aufmerksamkeit und mit dem neuesten Selfie nach „compliments fishen“. Aber irgendwie und irgendwann erliegen die meisten von uns wohl doch der Verlockung: Komplimente fürs neue Profilfoto, Lob für die gute Note in der Hausarbeit und ein kleines bisschen Neid der Freunde, denen wir das Strandfoto vom Urlaub sehen. Wir kuratieren unser Leben und stellen die besten Stücke aus.

Erfrischenderweise gibt es mittlerweile auch (Internet-)Persönlichkeiten, die die Hüllen fallen lassen und offen zugeben, dass nicht alles Gold ist, was glänzt, und dass sie lieber das Designeroutfit als die Jogginghose posten.  Mashas These: „Weil es das ist, was ihr sehen wollt – und was ihr liked.“

Stimmt ja auch, die pure Realität auf Facebook und Instagram wäre ganz schön langweilig. Da postet mal halt nur die aufregenden und schönen Momente. Wenn wir das im Hinterkopf behalten, verringern wir die Gefahr, uns von den vermeintlich besseren Leben der anderen herunterziehen zu lassen. Soziale Vergleichsprozesse können sogar positive Effekte haben: Sie können als Motivation und Ansporn dienen, unsere eigenen Fähigkeiten zu verbessern.

Also wenn du das nächste Mal etwas bei Facebook postest und durch die Timeline scrollst, um zu sehen, was es bei deinen Freunden, Bekannten und der Erzfeindin aus der zehnten Klasse so Neues gibt: Das ist okay. Wir vergleichen uns halt gern. So die Theorie.

*Haferkamp, N., & Krämer, N. C. (2011). Social Comparison 2.0: Examining the Effects of Online Profiles on Social-Networking Sites. In Cyberpsychology, behavior and socialnetworking (Bd. 14, S. 39–314). United States: Mary Ann Liebert, Inc. doi:10.1089/cyber.2010.0120
Festinger, L (1954) . A Theory of Social Comparison Processes. Human Relations, 7(2), 117–140. doi:10.1177/001872675400700202
 
Titelbild via Death to Stock Photo (CC0)

8 Kommentare

  1. Manchmal würde ich mir wünschen, meine Facebookfreunde würden das beste und aufregenste posten, mit steigendem Alter lässt das nämlich bei vielen nach und meine Facebook-Timeline wird zunehmend langweiliger, bei mir zumindest.Ich freue mich eigentlich immer über tolle Urlaubsfotos oder Anziehsachen als Inspiration bei anderen und wenn was persönliches geteilt wird. Aber dann gibts ja noch Instagram wo man dann bei den toll inszenierten Wohn- und Outfitpost oft denkt: Wie schaffen die das alles? Gibts da im Hintergrund auch Wäschehaufen und dreckiges Geschirr? ;-) Aber Neid ist ja auch oft ein Ansporn, so seh ich es zumindest….also ist bei der Theorie schon was dran! liebe Grüße

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  2. Schöner Post! :)
    Ich finde, dass auch da, wie so oft, mittlerweile eine Art Abstumpfung oder sogar Verdrossenheit entstanden ist. Am Anfang fand ichs immer noch total spannend und interessant, manchmal vielleicht sogar anregend. Aber bei einigen Kontakten ist man dann doch auch schon wieder genervt, wenn ständig eine neue Selbstinszenierung gepostet wird, gerne noch auf allen Netzwerken das gleiche Bild und in sich regelmäßig wiederholenden Abständen auch der gleiche Inhalt, nur in abgewandelter Form.
    Je seltener solche Posts, desto eher nehm ich dann auch meinen eigenen Neid in Kauf, ohne direkt mit den Augen zu rollen :)

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  3. Ich versuche meistens ehrlich zu sein, genauso, wie ich es in der REalität auch machen würde. Aber ich bin mir bewusst, dass FB nur ein kleiner Auschnitt meines Lebens ist. Etwas geschönt, aber in den Grenzen, die ich haben will. Und ich achte darauf, dass sie eingehalten werden. Wenn ich über etwas nicht reden will, tue ich das nicht :-)

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  4. Oh ja das stimmt. Gerade erst gab es eine Challenge – 100 Happy Days – jeden Tag einen Moment festzuhalten, der einen glücklich gemacht hat, der Kaffee am Morgen, der Sonnenuntergang. Ich habe am Anfang des Jahres erstmal meine Chronik auf Facebook aufgeräumt, diese ist jetzt nahezu leer – einen Quote habe ich aber dennoch hinterlassen. – „GOOD VIBES ONLY“ – Danke fürs Teilen.

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  5. Was für ein toller, interessanter Post. Danke auch für die Quellenangaben – das Thema interessiert mich sehr. Soziale Netzwerke sind etwas unheimlich schönes, aber ja – manchmal lassen sie das eigene Leben unheimlich blass erscheinen. Ich würde auch nicht auf Facebook posten, dass ich gerade in den ausgeleiertesten Klamotten, ungeschminkt und mit strubbeligen Haaren vorm Computer sitze. ;)

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  6. Hach ja, ich les deinen Blog ja eh schon gerne, weil du die Themen auch mal soziologisch betrachtest,aber jetzt bin ich um so begeisterter,dass es um das Buch meiner ehemaligen Professorin geht. Hatte das Buch von Nina Haferkamp auch als Grundlage meiner BA und mochte sie,weil sie nicht nur nett,sondern auch sehr kompetent war.

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  7. Kato,
    verschwende die Zeit nicht mit Blogschreiben. Studiere die gesellschaftlichen Verhältnisse geduldig, denke tief nach, verstehe genau, bis zur sicheren Gewissheit und schreibe dann intuitiv, wie selbstverständlich, dein Wissen mit Gefühl verbindend, kraftvoll das Programm für die „Partei der Nichtwähler“. Ich lese aus all deinen mir bekannten Texten heraus, dass du mit deinem Charisma eine Überzeugung so bündeln kannnst, dass eine Mehrheit für eine wirkliche Wende möglich erscheint.
    Meine Stimme hast du sicher.

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