Zwei Wochen Surfcamp – ein Erfahrungsbericht.

Wie stellt man sich den typischen Surfer vor? Wellige, von der Sonne aufgehellte Haare, Shorts, oben ohne, braun gebrannt, mit dem Surfboard unterm Arm. Tja, was soll ich sagen? Genau in diesem Moment laufen vier dieser Exemplare an mir vorbei.

wpid-wp-1409147280614.jpegIch befinde mich gerade in Frankreich, an der Atlantikküste, in St. Girons-Plage, auf einem der beiden örtlichen Campingplätze, im Surfcamp Surfing is Life, und um ganz genau zu sein: in der Hängematte.

Wenn mir vor ein paar Monaten jemand gesagt hätte, dass ich meinen Sommerurlaub in einem Surfcamp verbringe (ich bin der unsportlichste Mensch der Welt), im Zelt schlafe (Insekten, uäh!) und zwei Wochen lang weder fließendes Wasser noch 'nen vernünftigen Internetanschluss habe, hätte ich wohl nur müde gelächelt.

Wie ich nun (trotzdem) hier gelandet bin?

Nach der letzten Bachelorprüfung war ich einfach nur urlaubsreif und hatte keine Lust zu planen. „Ich komm einfach mit nach Frankreich“ sagt sich so herrlich leicht und außerdem tut es mal gut, nicht alles organisieren zu müssen. Da wir sehr spontan gebucht hatten, war für mich leider kein Platz im Surfkurs mehr frei – just kidding, ich hätte auch gar nicht teilnehmen wollen.

Getreu dem Motto 'Sport ist Mord' bleibe ich lieber in meiner Hängematte und erzähl euch ein bisschen was übers Surfcamp. Ich bin gerade fast allein im Camp, da mein Freund und die anderen Bewohner ein paar Hundert Meter nördlich an der Sandbank sind, wo sie unter den wachsamen Augen des Surflehrers Stefan surfen (oder es zumindest versuchen). Da die Hängemattte direkt an dem Weg liegt, der über die Düne zum Strand führt, bekomme ich hier aber alles mit –  der perfekte Ort für people-watching und soziologische Beobachtungsstudien ;)

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St. Girons ist ein Surf-Hotspot – hier findet sogar Anfang September die deutsche Meisterschaft statt. Dementsprechend wimmelt es hier vor Surfern und Wellen-Fans. Auf dem Campingplatz hier gibt es noch mehrere andere Surfcamps: Ein paar Meter neben uns ist eine belgische Jugendgruppe, die zum Spülen immer einen Ghettoblaster mitnimmt und dann laut singend an uns vorbeizieht. Das große deutsche Camp hinter dem Waschhaus besitzt sogar eine eigene Skate-Rampe! (Außerdem riecht es dort beim Vorbeigehen immer verdächtig nach Gras…)

Die Camps bestehen aus vielen Zelten für zwei bis drei Personen und größeren Zelten und Pavillons, die als Treffpunkt, Kochstätte und Materiallager dienen. Fließendes Wasser gibt es natürlich nicht – zum Duschen, Waschen und Abspülen müssen die Waschhäuser des Campingplatzes herhalten. In unserem Camp-Zelt haben wir zumindest Strom… Die Teenager vom südlichen Camp offenbar nicht, denn sie besetzten regelmäßig die für Haartrockner vorgesehenen Steckdosen am Waschhaus mit ihren Smartphones.

Apropos Teenager: die Camps richten sich in der Regel an bestimmte Altersgruppen, also Teenies, Leute in den Zwanzigern oder Familien. Ich bin hier in einem Familiencamp gelandet – es ist deutlich kleiner und eben familiärer als die anderen Camps (sehr angenehm!), doch man wird auch gern mal von Kindergeschrei geweckt (gar nicht geil!).

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Für die Verpflegung sorgen die Camp-Küchenchefs: Morgens gibt es ein Frühstücksbuffet, abends eine warme Mahlzeit für alle. Wer dutzende Mäuler zu stopfen hat, kann logischerweise nicht mit kulinarischen Finessen auftrumpfen – dann gibt’s halt Gerichte, die gut in großen Mengen zuzubereiten sind, zum Beispiel Gemüsepfanne oder Nudeln mit Pesto. Zum Glück (für uns) sind viele der Gerichte per so fleischlos. Ansonsten wird für die Vegetarier halt eine Alternative gezaubert.

Wer spezielle Nahrungsmittelunverträglichkeiten hat oder mit dem Essen sehr pingelig ist, wird mit dem Camp-Essen womöglich nicht glücklich und muss sich selbst was kochen. Aber ganz ehrlich? Ich bin eigentlich auch recht wählerisch, was Essen angeht, und werde im Camp immer satt. Nur Baguette kann ich jetzt erstmal nicht mehr sehen. Ein Mittagessen gibt’s übrigens nicht, weil die meisten eh über Mittag am Strand sind. Man macht sich dann einfach eine Lunchbox mit Broten und Obst vom Frühstückbuffet fertig. 

Herzstück des Camps und des Urlaubs ist natürlich der Surfkurs. Der Theorieunterricht beginnt vormittags nach dem Frühstück, danach geht’s direkt zum Strand. Bei anderen Camps findet der Unterricht aber wohl abends statt.

Im Theorieteil erklärt der Lehrer Stefan zum Beispiel, wie Hoch- und Tiefdruckgebiete die Wellen beeinflussen, was eine grüne Welle ist und was hinter den ganzen Surfer-Begriffen wie „Offshore“, „Shorebreak“, „Leash“ oder „Take-Off“ steckt. Der ein oder anderen findet den Theorieteil vielleicht uninteressant (oder gar unwichtig) und will einfach nur ab ins Wasser –  doch die Kraft des Atlantiks sollte auf keinen Fall unterschätzt werden. Wer keine Ahnung vom Meer hat, gerät schnell in eine gefährliche Strömung oder verliert die Kontrolle über sein Brett.

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Das gilt natürlich nicht nur für Surfer: Der Badebereich am Strand von St. Girons-Plage ist nicht sonderlich groß und wird durch Life Guards überwacht. Aus meinen letzten Strandurlauben als Kind (Mittelmeer) kenne ich das gar nicht. Da ging man einfach an den Strand und konnte baden, plantschen und schwimmen wo man will. Hier ist der „erlaubte“ Bereich genau durch Fahnen abgesteckt. Wer irgendwo anders ohne Surf-/ Bodyboard oder andere Ausrüstung ins Wasser geht, wird von den Life Guards unverzüglich zurückgepfiffen und unter Schimpfen aus dem Wasser geholt. Für die Badegäste ist es natürlich eher ungeil, auf einen Mini-Strandbereich beschränkt zu sein, den man sich mit Hunderten anderen teilen muss. Die Surfer finden es super, dass die meisten Plätze und Sandbänke nur für sie reserviert sind – allerdings sind dort zu den Stoßzeiten so viele Leute unterwegs, dass man höllisch aufpassen muss, nicht jemanden zu überfahren. (Ja, die Surfer nennen das „fahren“, wenn sie auf ihrem Brett stehen. Hab ich gelernt. Hmhm ;))  

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Naja, bis es soweit ist, brauchen die Surfkursteilnehmer natürlich eine Weile: Am Anfang wird erstmal nur das Paddeln und Gleiten geübt. Bis den Teilnehmern tatsächlich der „Take-Off“, also das Aufstehen auf dem Brett gelingt, vergeht unterschiedlich viel Zeit. Wladi, der seit Jahren skatet, fühlt sich auf dem Brett schnell wohl und entpuppt sich als Surf-Talent. Das „Gefühl fürs Brett“ verschafft ihm einen Vorteil. Andere sind zögerlich und schaffen ihren ersten Take-Off erst in der letzten Unterrichtsstunde. Einig sind sich aber alle: Es macht verdammt viel Spaß und Stefan ist ein großartiger Lehrer, der nicht nur mit seiner geduldigen Art und seinem Surf-Wissen punktet, sondern auch mit einzigartigen österreichischen Sprüchen wie „Du beleidigst deinen Ellbogen“, wenn man sich selbigen angestoßen hat.

Ob wohl jede/r surfen lernen kann? Gute Frage. Auf jeden Fall muss man die richtige – wie soll ichs nennen? – Einstellung oder Verbindung zum Meer haben. Dass man vernünftig schwimmen können muss, ist wohl eine Selbstverständlichkeit. Aber du musst auch damit rechnen, dass eine Welle kommt und dich für ein paar Sekunden unter Wasser drückt. Spätestens an dieser Stelle hätte ich Panik. Ich zieh gern meine Bahnen im örtlichen Hallenbad, aber wenn da nebenan die Schwimmverein-Typen rumkraulen, wird mir das Wasser ehrlich gesagt schon zu turbulent. Wohl eine Nachwirkung präpubertärer Freibad-Traumata.

Wenn einem das nichts ausmacht und eine Grundfitness vorhanden ist, ist der erste Schritt zum zukünftigen Star am Surf-Himmel schon getan. In den Surfcamps geht man übrigens logischerweise davon aus, dass Surf-Anfänger noch keine eigene Ausrüstung besitzen, weshalb diese dort einfach ausgeliehen werden kann. Das ist sowieso praktisch, weil man erstmal ausprobieren muss, mit welcher Surfboard-Größe man gut zurechtkommt. Der Surfkurs dauert normalerweise eine Woche. Das sollte reichen, um herauszufinden, ob das Surfen einem Spaß macht oder nicht – der ein oder andere kommt bestimmt bald wieder und belegt einen Kurs für Fortgeschrittene.

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Dieses Bild hier ist morgens entstanden, kurz nach dem Sonnenaufgang. Wir sind nicht die einzigen, die bereits so früh aus dem Zelt und über die Dünen gekrabbelt sind – nein, es sind auch schon einige Surfer unterwegs.

Der Surf-Sport ist naturgegeben (ha ha) extrem von Wind und Wetter abhängig. Es gibt gute Wellen? Ab ins Wasser! Andere Pläne werden dann halt verschoben. Auch süß: Ein Surfer, der nicht mit in die Bar kommt, weil er am nächsten Morgen früh aufstehen will – die Wettervorhersage hat gute Wellen versprochen. Entspannt, spontan, flexibel – wer mit diesem Lifestyle nicht so sympathisiert, könnte es auch sprunghaft nennen. Das ist wohl Geschmackssache.

Bei den ganzen Neoprenanzügen um mich herum (nötig, da Atlantik = verdammt kalt) musste ich übrigens mit einem Schmunzeln an die gehypten Neopren-Bikinis der australischen Marke Triangl denken. In St. Girons habe ich davon keinen einzigen gesehen. Die Mädels dort tragen stinknormale Bikinis alá H&M oder von Surf-/Skate-Marken wie Roxy oder Billabong. In der Nähe, in Hossegor, gibt es übrigens ein Industriegebiet mit diversen Outlet-Stores dieser Marken.

Ein Shopping-Ausflug dorthin stand bereits auf dem Programm, ein paar Tage später haben wir einen Ausflug ins etwa eine Stunde entfernte Biarritz gemacht (Blogpost folgt). Auch wenn ich nicht am Surfkurs teilnehme, wird mir hier nicht langweilig. Ich lese (schade, dass ich nur drei Bücher dabei hatte…), mache Fotos, helfe im Camp mit und entspanne mich mal wieder so richtig. Bei akuten Internet-Entzugserscheinungen hilft ein kurzer Spaziergang: Eines der Cafés an der Promenade hat zum Glück WLAN.

Ich glaube, mir gefällt es hier viel besser als ich ursprünglich angenommen hatte. Wenn man sich erstmal an den Sand und die konstant dreckigen Füße gewöhnt hat… Ein schönes Kompliment von meinem Freund: „Ich hatte gedacht, dass du dich mehr anstellst.“

Wer Bock auf Strandurlaub hat, dabei mal ganz unverbindlich eine neue Sportart kennen lernen will und kein Problem damit hat, ein paar Nächte im Zelt & ohne Luxus zu verbingen, dem lege ich einen Urlaub im Surfcamp wärmstens ans Herz.

PS: Vergesst eure Kamera nicht. St. Girons hat tolle Sonnenuntergänge.

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PPS: Die Minze hat Freundschaft mit ein paar Ameisen geschlossen, die Hitze scheint ihr aber ein wenig zuzusetzen…

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