„Ja, ich bin Vegetarierin, und nein, ich möchte nicht darüber diskutieren“

Erinnert ihr euch noch an SchülerVZ, StudiVZ und MeinVZ? Da gab es doch diese Gruppen, in die man eintrat, um seinem Profil damit eine total individuelle Note zu verleihen. Man konnte so seinen Musikstil, seine Hobbies oder weiß ich nicht was ausdrücken – und die Spaßvögel holten sich die Gruppe „Ich bin keine Gruppe, ich putze hier nur“ ins Profil ;)

Eine beliebte Gruppe damals hieß „Ja, ich bin Vegetarierer, und nein, ich möchte nicht darüber diskutieren“ (oder so ähnlich…). Kann gut sein, dass ich damals sogar selbst Mitglied in dieser Gruppe war.

Ich verzichte seit der 10. Klasse, also ungefähr meinem 15. Lebensjahr auf Fleisch. Nein, falsch ausgedrückt, ‚verzichten‘ ist nicht das richtige Wort, denn der ‚Verzicht‘ macht mir nichts aus. Ich ernähre mich fleischlos. So. Mittlerweile ist ja irgendwie total normal, sich vegetarisch zu ernähren. Es gibt extra Veggie-Cafés und Restaurants, Kochbücher und Supermärkte. Auch ‚normale‘ Restaurants kennzeichnen ihre fleischlosen Speisen. Selbst Veganismus ist mittlerweile ja quasi im Trend.

Damals (hohoho, jetzt fühle ich mich alt) war das noch nicht so. Wenn man im Restaurant oder bei der Gartenparty (mit Grill natürlich) nach den vegetarischen Sachen fragte oder die angebotene Bratwurst dankend ablehnte, folgte gleich ein erstaunt ausgerufenes „Wiiieee, bist du etwa Vegetarierin?!“

Zack, und schon hatte man den Salat. Dann wurde man nämlich gelöchert mit Fragen wie „Warum?!“ „Wie kannst du nur auf Salami/ Hackbraten/ Döner [beliebiges Fleischgericht hier einfügen] verzichten, das ist doch soooo lecker!“, „Fehlen dir dann nicht total die wichtigen Vitamine?“ oder „Isst du denn noch Fisch?“

Mal mehr, mal weniger geduldig antwortete ich darauf. Mein Umfeld akzeptierte meine Essgewohnheiten zum Großteil und die nervigen Fragen hörte ich immer seltener. Parallel wurde das „Vegetarierer-sein“ in der Gesellschaft ja gefühlt immer sichtbarer und immer mehr Leute probieren die Lebensweise ohne Fleisch oder gleich ohne tierische Produkte.


 

 

 

 

Mir ist in letzter Zeit etwas aufgefallen: Wenn ich jetzt neue Leute kennenlerne und sie mitbekommen, dass ich Vegetarierin bin, werden mir wieder Fragen gestellt. Nein, nur eine, um genau zu sein: „Wie lange denn schon?“. In den letzten paar Wochen habe ich das 3 oder 4 Mal gehört. Ich antworte dann „Seit ich ca. 15 bin“, dann sind die Leute zufrieden. Ich frage mich: Warum wollen sie das wissen? Wollen sie herausfinden, ob ich so eine „Trend-Vegetarierin“ bin, oder ob ich es ernst meine? Muss ich dafür eine gewisse Anzahl an Monaten oder Jahren „durchgehalten“ haben, um eine vollwertige Vegetarierin zu sein? Bin ich eine bessere Vegetarierin, wenn ich schon mindestens drei oder fünf oder zehn Jahre ohne Fleisch lebe? Kann ich mir dann einen kleinen Anstecker in Bronze, Silber oder Gold ans Shirt heften?

Die Fragen kamen wohlgemerkt allesamt von „Normalos“, nicht von Vegetariern oder Veganern. Ich kann jetzt nur für mich sprechen, aber wenn ich heute eine Person kennenlernen würde, die mir erzählt, dass sie sich erst seit kurzer Zeit vegetarisch ernährt, würde ich sie deswegen nicht für weniger vollwertig halten. Nein Quatsch, im Gegenteil: es ist doch schön, wenn jemand seinen Lebensstil hinterfragt und ändert – egal, ob mit 15 oder 35.

Ich weiß schon, was ich das nächste Mal auf diese Frage antworte:

„Seit gestern, ich wollte mir Nudel-Schinken-Gratin machen, aber hatte keinen Schinken mehr im Kühlschrank. Da dachte ich mir, kannste auch gleich Veggie werden!“

 

Titelbild: Esther Müller/ www.jugendfotos.de, CC-Lizenz (by-nc)

6 Kommentare

  1. Hey,

    mh, irgendwie unterstellst du den Leuten hier aber Hintergedanken, die diese vermutlich gar nicht haben. Du schreibst ja selbst, du weißt nicht, warum sie das fragen – warum fragst du das nicht sie slebst direkt in der Situation? „Warum interessiert dich gerade DAS?“ – und schon hast du ’ne Antwort.

    Ich persönlich würde diese Frage evtl. auch stellen. Einfach, weil es mich interessiert. generell ist es mir nämlich völlig latte, was jemand isst oder nicht isst. ABER: wenn jemand schon vegetarisch gelebt hat, als er noch jugendlich war und damit vermutlich noch zu Hause mitgegessen hat, sagt das schon was aus und könnte bspw. zu weiteren Fragen führen wie: „hast du dann selbst gekocht?“ o. ä. – zumal es ja auch oft interessant, wann so ein Wandel kam. Wenn jemand dann schon negativ auf die eingangsfrage reagiert (und sowas merkt man auch, wenn’s nicht deutlich gesagt wird) habe ich persönlich aber gar keine Lust mehr, weiter zu fragen bzw. Interesse zu zeigen.

    Kurzum: ich find’s nicht nett, negativ abzuurteilen, ohne die betroffenen Personen selbst zu fragen.

    Viele Grüße. :]

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    1. Hallohallo, danke für deinen Kommentar.
      Vielleicht ist es falsch rübergekommen, aber ich unterstelle den Leuten per se nichts Schlechtes – der/die ein oder andere hatte bei dieser Frage sicher nur Smalltalk im Sinn.

      Wenn ich das auch nur ein oder zwei Mal gefragt worden wäre, hätte ich da sicher gar nicht weiter drüber nachgedacht. Aber in letzter Zeit habe ich das halt wirklich öfter zu hören bekommen und bin deshalb nachdenklich geworden. Warum gerade dieses Frage? Für Smalltalk gibt’s auch tausend weitere mögliche Fragen, z.B. wie du schon selber vorgeschlagen hast, die Frage nach dem Kochen, nach den Lieblingsrezepten o.ä.

      So wie du sagstest, man kann es Leuten anmerken, wie sie es meinen. Ich nehme mir heraus, beurteilen zu können, ob das nur Smalltalk ist oder ob da mehr, eine Wertung, hintersteckt.
      Viele Grüße!

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      1. Habe das jetzt auch nicht als negative Unterstellung gefunden. Du wunderst dich einfach nur. Ich war auch ewig lang Vegetarierin und bin jetzt Veganerin, und die Diskussion reißen nie ab. Wenn hinterfragt wird, finde ich das noch ziemlich gut. Schlimmer sind die Pauschalverurteilungen/-kritik à la „ungesund“ oder „Luxusproblem“.

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  2. Ich bin bei den Fragen nach dem Warum auch meist genervt. Nicht, weil ich nicht bereit dazu bin etwas darüber (Motive, Rezepte, etc.) zu erzählen, sondern weil es dabei meist um irgendwelche platten Parolen und/ oder darum geht meine angenommen schlechten Blutwerte zu diskutieren.

    Dass meine Blutwerte schon als Baby gut waren (denn ich bin seit meiner Geburt Vegetarierin) interessiert bei solchen Diskussionen oftmals niemanden. Auf mich wirkt es immer so, dass viele ihr schlechtes Gewissen, das sie haben, wenn sie sich während so einer Diskussion ein Stück Billig-Fleisch reindrücken, damit kompensieren wollen, indem sie steif und fest behaupten, dass sie ohne schlicht nicht überlebensfähig wären.

    Tja. Nun.

    Da ich jedoch nie irgendwas umstellen musste, nie auf etwas verzichten musste, was ich zuvor sehr gerne gegessen habe, finde ich sowieso generell alle Leute toll, die ihre Ernährung umstellen! Auch und genauso die, die nicht immer 100%ig konsequent sind, erst seit kurzem dabei sind – oder phasenweise mal Fleisch essen. Besser ein bisschen – als gar nicht. Sie verzichten alle auf mehr als ich – denn ich hab’s nie probiert und somit auch nie vermisst. ;)

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  3. Ich würde mir da garnicht so viele Gedanken drüber machen. Dann fragen sie halt. Dann antwortet man nett. Ich glaub auch dass das die meiste Zeit nicht böse gemeint ist sondern eher interessiert. Und man muss auch immer daran denken, dass das für den Großteil der Leute einfach nicht normal ist. Deshalb fragen wahrscheinlich auch so viele :)

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