Vom Spicken und Betrügen

Okay, Hand aufs Herz: ich wette, jeder von uns hat sich schon einmal einen „Spicker“ geschrieben, sei es mit Spanisch-Vokabeln, Strukturformeln oder Geschichtsdaten. Bei mir war es definitiv Mathe, als wir in der 8. oder 9. ein Thema hatten, mit dem ich irgendwie gar nicht zurechtkam.

Damals war die Standardversion wohl ein in winziger Schrift beschriebener [oder für Profis:] in Schriftgröße 6 bedruckter Zettel, den man irgendwo versteckte. Heute hat fast jeder ein Smartphone, mit dem man die Antwort unterm Tisch „googeln“ kann.

Die ach so faulen Schüler können bei der Gestaltung von Spickern sogar richtig kreativ werden: Ich habe mal im Internet eine Vorlage für Getränke-Etiketten gesehen, die den echten Labels, z.B. von Fanta oder Coca-Cola zum Verwechseln ähnlich sehen, jedoch statt der Inhaltsangaben eigene Notizen beinhalten. Oder die Geschichte von dem Mädchen, das zu Klausuren einen Rock anzog und sich die Notizen einfach auf den Oberschenkel schrieb. Der Lehrer würde wohl kaum von ihr verlangen, ihren Rock hochzuschieben… Clever!

Doch Lehrer sind nicht blöd, und wer beim Spicken erwischt wird, hat mit Konsequenzen zu rechnen – im schlimmsten Fall droht wohl die 6. Wer nicht erwischt wird, erschleicht sich einen Vorteil. Das ist denjenigen gegenüber, die brav gelernt haben, natürlich nicht fair.

Für die, die nach dem Abi an einer Uni oder Hochschule studieren, sollte sich dieses kindische Thema doch mittlerweile erledigt haben, oder? Wir haben uns unser Studienfach ja schließlich ausgesucht, da sollte das Lernen doch Spaß machen. Denkste!

 

Das Thema Spicken (an der Uni) habe ich selber aus beiden Perspektiven gesehen – als diejenige, die die Klausur schreibt, und diejenige, die die Aufsicht führt:

Ich hab oft genug mitbekommen, dass KommilitonInnen in der Klausur spicken oder andere „unerlaubte Hilfsmittel“, z.B. ihr Smartphone, benutzen. Natürlich kenne ich die individuellen Beweggründe nicht – aber ich kenne den Lernstress, ich kenne das gegenseitig-verrückt-machen in den Tagen und Stunden vor der Klausur, und ich kenne diese blöde Situation, wenn man sich voller Motivation einen Lernplan für die Klausurenphase erstellt hat und der dann durch irgendwelche Umstände über den Haufen geworfen wird. Ich will das Spicken nicht entschuldigen, aber ich kann‘s auch irgendwie nachvollziehen. Wer das ganze Semester über sowie nicht für das Fach gelernt hat, wird die Klausur eh nicht bestehen. Wer hingegen gelernt hat, aber die eine Formel, das eine Datum oder den einen Fachbegriff einfach nicht in den Schädel bekommt, soll meinetwegen halt ein bisschen schummeln. Als Kommilitonin hat mich das ehrlich gesagt nicht wirklich gejuckt.

Als diejenige, die Aufsicht führt, jedoch schon. Schließlich bin ich nun in der Verantwortung, dass in der Klausur alles ordnungsgemäß läuft. Seit drei Semestern habe ich meinen Job als studentische Hilfskraft (oder einfach HiWi) an meiner Uni und habe in dieser Zeit schon öfter Klausuraufsicht geführt. In den ersten Minuten der Klausur ist der/die DozentIn meist noch dabei, um Fragen zu klären. Dann bin ich alleine und der spaßige Teil beginnt: „90 Minuten nichts tun und dafür bezahlt werden“, scherze ich bei meinen Freunden. Naja, ein bisschen mehr gehört schon dazu – ich verteile zusätzliches Papier, beantworte inhaltliche oder organisatorische Fragen, sorge für Ruhe auf dem Flur, sortiere die abgegebenen Klausuren und passe eben auf, dass alle leise sind und nicht schummeln.

Das geht übrigens ziemlich gut – von vorne kriegt man es recht schnell mit, wenn jemand zum Nachbarn rüberlinst oder komische Bewegungen macht, wenn er/sie den Spicker rausholt. Klar, die meisten Studierenden sind brav und konzentrieren sich auf ihre Klausur. Wenn ich mal jemanden erwische, gibt’s einen bösen Blick und/oder eine Ermahnung. Aber was mache ich, wenn ich ihn/sie wiederholt beim Spicken oder Abschreiben erwische? Die Klausur einkassieren? Den Dozenten dazuholen? Es einfach ignorieren? Wo ist die Grenze? Ich trage ja schließlich die Verantwortung. Dabei bin ich gerade mal so alt wie die, die mir gegenüber sitzen und die Klausur schreiben – oft kenne ich die Leute auch aus gemeinsam besuchten Seminaren.

Zum Glück war ich noch nie in der Situation, dass ich eine/n notorisch Spickende/n in „meiner“ Klausur sitzen hatte.  Oder diese Personen hatten einfach eine gute Technik und ich hab’s nicht mitbekommen ;)

Was denkt ihr zum Thema spicken, insbesondere an der Uni?

Foto: Fritz Schumann / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by)

9 Kommentare

  1. Kann dir im Wesentlichen zustimmen! Ich bin noch Schüler, was bedeutet, dass ich eine reproduktive Aufgabe habe. Hier (auf dem Gymnasium) geht es scheinbar nicht darum, abstrakte und allgemeine Lösungsverfahren durch Eigenerfahrung und Praxis zu entwickeln, sondern reproduktive Leistungen zu erbringen. Naturwissenschaften sind nunmal Fächer, die man – abgesehen von standardisierten Algorithmen, Verfahren und Theorien – nicht auswendig lernen kann/soll! Praktiziert wird im deutschen Schulsystem genau das Gegenteil. Und da dieses reproduktive Element eben etwas Stetiges, wad sich nicht verändert, ist, macht es Spicker so (scheinbar) nutzvoll. Diese Art von Spickern finde ich unangebracht und falsch. Geht es jedoch darum, ein individuelles Problem zu lösen – Wie es nach meinem Hörensagen im Studium stattfindet – dann kann ein Spicker nicht über Bestehen oder Nicht-Bestehen der Prüfung entscheiden. Er kann nur kleine Teile eines Gesamtkomplexes beitragen, die zwar für die Lösung notwendig sind, aber die dennoch ein großes Hintergrundwissen vorraussetzen. Es ist völlig utopisch, zu denken, jeder müsste die Problemstellung alleine lösen können. In der Arbeitswelt wird Teamwork gefragt. Mitarbeiter ergänzen sich gemeinsam, um die optimale Lösung zu finden. Warum sollte man dann im Schulsystem massenhaft Einzelkämpfer ausbilden?
    Um meine Meinung zusammenzufassen: Spicker können (!) sinnvoll sein. Es geht mir nicht um den Betrug der stattfindet, sondern eher um den Informationsaustausch!

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  2. Ich finde es ist vollkommen in Ordnung zu spicken, wenn man wirklich total verzweifelt, weil man alles gelernt hat und sich eben nur eine Formel nicht merken kann. Wenn man jedoch gar nicht lernt und es einem egal ist, weil man denkt, dass man sowieso spicken kann, dann finde ich das nicht in Ordnung.
    Als Aufseher würde ich mir glaub ich auch die Leute angucken. Also, haben die wirklich gebüffelt oder versuchen die sich einfach nur durch das Studium zu mogeln. Da gibt es ja immer beide Typen. Erlebe Typ 2 gerade am eigenen Leib. So jemand hat es nicht verdient.
    Ich persönlich weiß gar nicht mehr ob ich früher gespickt habe, heute würde ich mich das auf jeden fall nicht mehr trauen, aus angst vor den Konsequenzen.

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    1. Hi Pueb, leider habe ich den Kurs ja nicht selber geleitet und kann deshalb nicht sagen, ob die Leute sich angestrengt haben oder nicht. Ich kenn aber die ein oder anderen SpezialistInnen, die schonmal in einer Klausur neben mir saßen und gespickt haben. Wenn ich dann vorne sitze, achte ich natürlich verstärkt auf die ;)

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  3. Ich kann nicht spicken. Das macht mich unglaublich nervös. Ich weiß, ich bin dämlich und ja, manchmal ärgert es mich, weil andere bessere Noten erzielen als ich, nur weil ich ehrlich war und die anderen eben nicht. Aber ich kann nicht aus meiner Haut. Schon alleine der Gedanke ans Spicken verursacht ein furchtbares Gewissen. In mir steigt Panik auf, sobald ich nur daran denke, einen Spicker in der Tasche zu haben, egal wie weit die von mir entfernt liegt. Das hatte solche Ausmaße, dass ich in meiner allerletzten Physikklausur zu Schulzeiten eine 5 kassierte, während ALLE anderen eine 1 bekamen. Sie hatten alle voneinander abgeschrieben, nur ich habe nicht mitgemacht. Schön blöd, ich weiß. Im Studium ist mein Verhältnis zum Spicken nicht besser geworden, dafür jedoch zum Lernen. Im Gegensatz zur Schulzeit setze ich mich jetzt vor einer Klausur wenigstens mal hin und schau mir die Unterlagen an und meistens reicht das für eine gute bis sehr gute Note. Das sieht bei mir ungefähr so http://bit.ly/1kPSHCT oder so http://bit.ly/1kPKAWY aus. Trotzdem frage ich mich manchmal, ob ich mir mit so viel Ehrlichkeit nicht manchmal selbst schade.

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    1. Hallo Luisa – stimmt, das ist natürlich auch ein Punkt. Wie kam es denn, dass alle anderen spicken konnten? Hat der Lehrer überhaupt nicht aufgepasst?! Echt schade, wenn deine Ehrlichkeit dann bestraft wird.

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      1. Der Lehrer hatte kein Interesse daran streng zu sein. Hat ständig aus dem Fenster geschaut und sogar mal kurz den Raum zu verlassen.

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  4. Ja, in der Schule habe ich das ein oder andere mal gespickt aber in der Uni ist das bei mir nicht mehr möglich, da es bei mir keine Klausuren gibt. Was mich aber wirklich aufregt und was ich auch noch viel schlimmer finde, ist dieser ganze Copy&Paste Mist bei Hausarbeiten. Habe vor ein paar Tagen mit eine Kommilitonen ein Projekt abgegeben und bei Korrekturlesen stellte ich plötzlich fest, das 89% 1:1 aus Wikipedia kopiert war- natürlich ohne Fußnote. Horror! Darum hoffe ich, dass die Uni in diesem Punkt bald besser durchgreifen. Wenn jemand nicht in der Lage ist, einen wiss. Text zu schreiben, hat er nichts an der Uni verloren. Entschuldige, wenn ich vom Thema abkam aber da musste mal gesagt werden.

    Lieben Gruß Ina
    http://inaisst.blogspot.com/

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  5. Das mit dem Rock und dem Oberschenkel hat meine Mami schon Ende der Sechziger gemacht :)

    Ich habe ein einziges Mal im Studium gespickt… ich hab mir in der Russisch-Klausur (3. Versuch) die einzelnen Fälle mit Bleistift in mein Blechmäppchen geschrieben. Das hab ich aber auch nur gemacht, weil mein Studium an dieser blöden Klausur hing.

    In der Schule hatte ich in Bio eine Banknachbarin, die die Biostunden (es war übrigens ein Leistungskurs, sie hat ihr Abi auf Grundkursniveau geschrieben, was in RLP geht, und sagenhafte drei Punkte geschafft) immer dazu genutzt hat, Brickbreaker auf ihrem Handy zu spielen oder den Spickzettel für die nächste Englischstunde vorzubereiten. JA, ich hab ihr das schlechte Abi gegönnt.

    Liebe Grüße

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