Walking as a Woman

Ein virales Video mit über 37 Millionen Views und knapp 140.000 Kommentaren entfacht eine Diskussion um „Street Harassment“, unerwünschte und respektlose Annährungsversuche Fremder in der Öffentlichkeit.
Ein weit verbreitetes Problem oder maßlose Übertreibung?

Diesen Text habe ich ursprünglich nicht für diesen Blog, sondern für ein anderes Projekt geschrieben. Obwohl das besagte Video jetzt schon seit über einem Monat online ist und das Thema nicht mehr ganz so aktuell erscheint, möchte ich den Text dennoch publizieren.

Vor rund einem Monat erschien das Video 10 Hours of Walking in NYC as a Woman und entzweite das Internet: Der zweiminütige Zusammenschnitt zeigt die Schauspielerin Shoshana B. Roberts, die zehn Stunden lang in Jeans und T-Shirt bekleidet durch Manhattan läuft und dabei von über 100 Männern angesprochen und belästigt wird. In den Kommentarspalten kocht die Diskussion: Die einen, zumeist Frauen, begrüßen das Video und berichten von ähnlichen Erfahrungen. Die anderen hingegen werfen Roberts eine Überdramatisierung vor: Es sei ja gar nichts passiert, sie sei lediglich angesprochen worden und ein hinterhergerufenes „Hey beautiful“ sei ja bloß als Kompliment und auf keinen Fall als Belästigung zu werten.

Wo beginnt Belästigung?

Man kann und muss im Video verschieden Formen unterscheiden: Da ist der Mann, der sie über mehrere Minuten schweigend verfolgt, und der Typ mit der roten Kappe, der sie penetrant „zutextet“, obwohl sie keine Anstalten macht, auf seine Avancen einzugehen. In diesen Fällen ist es wohl ziemlich offensichtlich, dass Shoshana Roberts sich belästigt fühlt.

Dann sind da diejenigen, die ihr (vermeintliche) Komplimente machen, sie „beautiful“ nennen oder mit Blick auf ihren Po ein lautes „damn!“ vernehmen lassen, und diejenigen, die ihr einen guten Tag wünschen oder sie fragen, wie es ihr geht. „Das wird ja wohl noch erlaubt sein?!“, echauffieren sich Tausende in den Kommentarspalten. Darf man jetzt nicht mal mehr einer fremden Person auf der Straße Hallo sagen oder ihr ein Kompliment machen? Ist doch nur nett gemeint, so die Erklärung, und über ein Kompliment sollte man sich freuen.

Tatsächlich äußern sich auch viele Frauen unter dem Video, dass sie es nicht schlimm fänden, auf diese Art und Weise angesprochen zu werden. Für andere hingegen ist es kein Kompliment, wenn ihr Körper mit einem „damn“ kommentiert wird, sondern es ist ihnen unangenehm oder macht ihnen Angst.

Wo genau die Grenze zwischen einem als angenehm empfundenen Kompliment und einem verbalen Übergriff liegt, muss wohl jeder für sich selbst definieren. Im Umkehrschluss müssen wir aber auch die Grenzen anderer Menschen akzeptieren.

„Ist ja nur nett gemeint“

Doch wenn das Ansprechen, Hinterherrufen und -pfeifen nur nett und freundlich gemeint ist, warum richten Männer ihre Aufmerksamkeit dann nur an Frauen und nicht an das gleiche Geschlecht?

Der New Yorker Comedian und Blogger Elon James White zeigte auf wunderbar humorvolle Weise, wo diese Logik hinkt: Er rief den Hashtag #dudesgreetingdudes ins Leben, der der die typischen Sprüche auf Männer überträgt:

dudesgreetingdudes2
Quelle: https://twitter.com/elonjames/status/529008149626253312
dudesgreetingdudes1
Quelle: https://twitter.com/jiveturkish/status/529019566274674688

Es fällt einem wirklich schwer, sich Männer vorzustellen, die sich gegenseitig „Hmmm, geiler Anzug, Mann!“ und „Hey, hey Glatzkopf! Dieser natürliche Look steht dir super“ hinterherrufen, nicht wahr?

Apropos hinterherrufen: In Roberts‘ Video ist ziemlich deutlich zu sehen, dass die meisten Sprüche erst gerufen werden, nachdem sie die Männer passiert hat. Sagt man normalerweise nicht „Hallo“, wenn einem die Person entgegenkommt und reagieren kann? Sind die Sprüche tatsächlich eine Kontaktaufnahme? Erwarten die Männer, dass die Schauspielerin sich nach dem Spruch umdreht, nett lächelt und mit ihnen einen Kaffee trinken geht?

Worum es wirklich geht

Nein, es ist ein Spiel. Ein Machtspiel. Hollaback Berlin drückt es so aus: „Street Harassment und sexualisierte Gewalt haben nichts mit Sex zu tun, sondern nur mit Macht.

Wenn man einer Person hinterherruft oder –pfeift, Geräusche oder Gesten macht, so überrascht man sie. Man nimmt sich das Recht heraus, ihren Körper zu bewerten und zwingt sie zu einer Reaktion. Wenn die Frau es wagt, den „netten“ Spruch zu ignorieren, werden sie oft beleidigt oder explizit bedroht.

Viel zu oft wird den Opfern verbaler oder physischer Attacken unterstellt, dass sie „selbst schuld“ seien, da sie sich zu freizügig anzögen oder auf andere Art und Weise die Aufmerksamkeit der Männer auf sich lenken würden, oder dass ihnen diese Aufmerksamkeit doch gefalle.

Vor rund anderthalb Jahren entfachte #aufschrei die Diskussion um Alltagssexismus, das 10 Hours of Walking as a Woman-Video lenkte die Diskussion auf Street Harassment und Catcalling. Es bleibt zu hoffen, dass immer mehr Menschen für dieses Problem sensibilisiert werden, und, um Sybille Berg zu zitieren: „solange die Weltbevölkerung nicht durch einen erfreulichen Evolutionsschub zu höflichen, gleichberechtigten Wesen geworden ist, hilft es nur, sich klarzumachen, dass man nicht der Fehler ist, sondern die Welt.

Titelbild: Maciek Lulko via flickr.com (CC BY-NC 2.0)

  1. Liebe Kato,

    erst mal: super Artikel!!!
    Toll, dass du darüber schreibst… Ich hatte mich auch an einen Artikel über das Thema gesetzt, aber war im Endeffekt nicht zufrieden, da ich zu sehr die Opferrolle eingegangen bin.

    Das Problem ist, dass mich das Thema im Alltag oft begleitet und gerade in Frankreich kommt es noch häufiger vor, dass ich komisch an gegraben werde.

    (Ich hab schon alles ausprobiert: Keine Schminke, keine hohen Schuhe, nicht schön gestylt, Blick auf den Boden, ignorieren, scharf reagieren, graue Maus spielen und so tun als wäre ich nicht da – no Chance)

    Vor kurzem ist mir abends ein Mann – genau wie der Frau im Video- gefolgt. Sogar bis in ein Restaurant, in dem ich mir beim Kellner Hilfe holen wollte. Dann hat er erst locker gelassen.

    Ständige Zurufe, Kerle, die mir auf die Schulter getippt haben, mir nachliefen. Einmal habe ich sogar von ein paar Typen im Alter von 18 schätze ich, eine leer Apfelsaft Tüte hinterher geworfen bekommen, weil ich nicht auf ihre „Ey du bist geil, komm mal her“ Rufe reagiert habe.

    Viele sagen mir auch „Hey, das ist doch voll das Kompliment“. Aber ganz ehrlich, ich könnte echt drauf verzichten. Es ist tatsächlich ein Machtspiel und man ist diesem Spiel ausgeliefert, weil es keiner so richtig ernst nimmt.

    Super Artikel!!

    Ganz liebe Grüße :-)

    Nastassja

    Antworten

  2. hey kato. :D
    ein unglaublich guter artikel und ein wichtiges thema wie ich finde. nicht nur, als das video aktuell war, sondern auch jetzt ..
    liebe grüße. Monika

    Antworten

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