Warum gucke ich mir das an?

Wenn man in einer Studentenstadt lebt, die in den Semesterferien ungefähr so ausgestorben ist wie das prototypische Dorf in einem prototypischen Western, hat das sowohl Vor- als auch Nachteile. Nachteil: Die Busse fahren nach dem „Ferienfahrplan“ und man muss geschlagene 14 Minuten auf den nächsten Bus gen Heimat warten. Der Vorteil: Man geht zur Überbrückung in einen Buchladen und erwirbt für 3,70€ nicht nur eine Zeitschrift, sondern auch eine Erkenntnis.

Long story short: Gestern habe ich mir (nach langer Zeit mal wieder) eine Zeitschrift gekauft. Die NEON, um genau zu sein. Und als ich im Bus die Story über einen Utøya-Überlebenden las, fiel mir auf, wie wenig gute Texte ich in letzter Zeit gelesen und wie viel Schund ich konsumiert habe.

Snapchat, zum Beispiel: Was als ironisch-neugieriger Ausflug in die Welt dieser App mit ihren ganz eigenen Regeln begann, als „ich guck ja nur“ und „vielleicht schreib ich ja drüber – ist ja nur Recherche„, ist in den letzten Wochen zur Gewohnheit geworden. Ich weiß jetzt, was Farina zum Frühstück gegessen hat, wie die Sportroutine dieser einen Bloggerin aussieht, was gerade bei der Influencer-Reise auf Malle auf der Tagesordnung steht und dass der Flug von Filiz nicht so entspannt war, da in der Reihe hinter ihr ein Baby schrie. Boah, warum? Warum gucke ich mir das an?

Und warum klicke ich immer wieder auf Blogposts in den Facebook-Bloggergruppen, die mich im besten Fall langweilen und im schlechtesten Fall wütend machen angesichts der Schleichwerbung und dem Über-Bord-Werfen jedes winzigsten journalistischen Anspruchs?

Warum habe ich in den letzten Monaten mindestens 20 Artikel mit der Überschrift „5 Tipps für einen besseren Schlaf“ gesehen, die ausnahmslos alle a) fünf total selbstverständliche 0-8-15 Tipps und b) Werbung für entweder den Onlinehändler D. oder den Matratzenversand E. enthielten und c) ohne diese Kooperation niemals entstanden wären?

Wie schreibe ich das hier, ohne total überheblich zu wirken?

Wo sind denn die Guten geblieben? Wo sind die wirklich inspirierenden Online-Menschen, abseits von Off-Shoulder-Blusen und Pom-Pom-Sandalen, „in liebevoller Zusammenarbeit“ und Co? Sind sie vielleicht einfach nicht mehr sichtbar? Habe ich dem Facebook-Algorithmus schon beigebracht, mir diesen Schund in die Timeline zu spülen?
Haben die Vollzeit-Bloggerinnen das Social-Media-Ruder schon an sich gerissen, weil die Hobbybloggerinnen mit 40-Stunden-Woche schlichtweg nicht die Zeit aufbringen können, auf diversen Kanälen so präsent zu sein? Das ist die These von Elli, die prognostiziert:

Wer als Blogger mithalten will, kann das schon heute kaum mehr neben einem Vollzeitjob tun. Hobbyblogs werden mehr und mehr verschwinden. Bis wir wieder die undefinierbare und immer gleiche Matschepampe haben, aus deren Bodensatz sich dann wieder etwas neues formen wird. Das ganz große Ding. Etwas, das neue Gewinner und viele Verlierer hervorbringen wird. Die Welt verändert sich rasant. Die Ansprüche der digitalen Community ebenso.
(Vom Blogger zum Alleinunterhalter)

Auf Matschepampe habe ich gerade keine Lust. Ich verordne mir selbst einen Detox. Keinen Digital Detox mit Internet-Komplettverzicht, das wäre Quatsch, schließlich brauche ich das Netz zum Arbeiten.

Stattdessen wird es ein Detox vom sozialen Konsum, wie ich es nun taufe. Keine Snapchat- und Instastories mehr, keine Blogposts und Videos abgesehen von einer kleinen Handvoll ausgewählter Abos (Michael Buchinger, Fynn Kliemann, Like a Riot, …), kein Mitlesen in den Blogger- und YouTuber-Threads eines gewissen Klamottenforums.

Bitte versteht mich nicht falsch.
Ich liebe das Internet
Ich liebe die Demokratisierung des Publizierens, die durch Blogs und die immer geringer werdenden technischen und finanziellen Hürden geschaffen wurde.
Ich habe viele gute und inspirierende Dinge gelesen und gesehen. Aber für jeden geernteten Trüffel muss man halt zehn Mal in die Scheiße langen.

12 Kommentare

  1. „Ich habe viele gute und inspirierende Dinge gelesen und gesehen. Aber für jeden geernteten Trüffel muss man halt zehn Mal in die Scheiße langen.“ drückt es sehr gut aus! :)
    Gerade bei Insta-Stories und Snapchat weiß man ja auch im Voraus gar nicht, was man bekommt. Quasi erst wenn mans probiert hat.

    Liebe Grüße, Dunja

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  2. Liebe Kato,

    ich kaufe mir die Neon seit vier Jahren regelmäßig und sie ist immer für solche Artikel-Schätze gut! Kann ich nur weiter empfehlen :)

    Habe mir auch genau dasselbe gedacht wie du: warum lese ich nicht mehr gut geschriebene Artikel als Blogger-OOTD’s, die mich eigentlich sowieso nicht interessieren?

    Einen Blogger-Tipp kann ich dir aber noch geben: DariaDaria! Bei ihr hab ich oft das gleiche „Aha-Erlebnis“ wie in der Neon ;)

    Liebe Grüße,
    Tamara

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    1. Liebe Tamara,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Die Neon war früher oft too much. Seit dem Relaunch finde ich sie besser. Dariadaria hab ich auch auf dem Schirm, auch wenn mich ehrlich gesagt die Nachhaltigkeitssachen nicht soo interessieren. An weiteren Blog-Empfehlungen bin ich aber ausdrücklich interessiert! LG, Kato

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  3. Ja ich merke es selbst an meinem Blog. Ich kann nicht so sichtbar sein wie die Großen und frage mich wie Andere das eigentlich immer schaffen. Anfangs hatte ich die Idee einen Gemeinschaftsblog mit ein paar Bloggern aufzubauen den wir dann regelmäßig mit mehr Content füttern, sodass wir alle mehr Sichtbarkeit bekämen. Das Problem: Über zehn Blogger waren sofort begeistert dabei, aber die Realität ist nur drei haben überhaupt einmal einen Beitrag geschrieben. Und mittlerweile schreibe ich alleine. Ich merke immer mehr das ich Studium, Arbeit, Freunde und Blog nicht immer alleine unter einen Hut bekommen kann. Letztes Semester habe ich versucht den Standard von 2-3 Posts pro Woche gerecht zu werden, aber alleine schafft man das einfach nicht.

    Ich finde es schade, dass im Endeffekt doch alle Einzelkämpfer geblieben sind… Denn ich denke gemeinsam kann man einen sichtbaren Blog mit gutem Inhalt aufbauen.
    Mittlerweile finde ich es aber auch sehr hart gute Beiträge in Bloggergruppen zu finden, weil sie einfach untergehen.

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    1. Liebe Sabrina,
      unter „netzwerken“ verstehen leider viele „ihren eigenen Bloglink in Kommentare klatschen“. Find ich sehr schade. Ich hoffe, du findest für dein Projekt noch ein paar Mädels, die ähnlich ticken wie du.

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    1. Na immerhin 200. Mir haben sie einen 100€ Gutschein geboten, nachdem ich dummerweise mehr als zwei Stunden an einem Exposé mit Themenvorschlägen gesessen habe… Da habe ich natürlich auch abgelehnt. Achja, falls sich jemand wundert, warum plötzlich so viele Bloggerinnen beige Kuscheldecken aus Lammfellimitat besitzen: Die kosten im Shop 99€.

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  4. Haha, die Matratzen-Postings sind ja sogar mir aufgefallen und ich habe derzeitig wenig Kontakt zum Blogger-Universum (Was mir echt gut tut).

    Gute Blogs?
    Angeladoe.com, teacatsandglitter.de,…

    Ich muss sagen, dass mich diese „Wie du XXX in XXX Minuten umsetzt“ und „Die 5-Must-Have des Sommers“ Postings mir nicht liegen. Ich stöbere und lese Blogs um folgendes Problem gelöst zu bekommen: Langeweile. Dazu braucht es interessante, lustige oder informative Beiträge. Diese Listenpostings und How-Tos sind meistens eher schnöde und lieblos. Ich kann dich also bisschen nachvollziehen…

    Bei der Stelle mit dem Journalistischen Anspruch bin ich ins Stocken gekommen und dachte mir: Sind meine Texte journalistisch? Nein, es sind Momentaufnahmen… (Aber ich könnte ein bisschen besser versuchen zu beschreiben,… Das nagt schon länger an mir)

    Social-Media-Detox tut gut. Ich bin auch in keinen Blogger-FB-Gruppen mehr (G+ nutzte ich eh nie), das tut wirklich gut! Feedly ist ausreichend und gute Blogperlen suche ich mir – mühsam – per „Durch die Kommentare klicken“….

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    1. Hej Christiane,
      ja, ich merk jetzt schon Ergebnisse meines Detox‘ – mehr Zeit, mehr Handyakku, weniger Augenrollen, weniger unnützes Wissen über die Tagesabläufe diverser Personen, die mir ja eigentlich egal sind.

      Das mit dem journalistischen Anspruch meine ich so: Es muss nicht jeder Blog diesen Anspruch haben. Wenn man nur Momentaufnahmen zeigen, die Fortschritte seines Projekts dokumentieren, oder seine Gedanken teilen will – go for it. Aber wenn man einen Text über die 5 besten Cafés in Hamburg schreiben will, dann sollte man auch wirklich recherchieren und objektiv-informativ schreiben und nicht bloß die fünf Cafés, die man zuletzt besucht hat, in eine pseudo-objektive Schachtel packen, eine hübsche Clickbait- oder List-Post-Überschrift als Geschenkband herumwickeln und dass dann als „Mehrwert“ verkaufen.

      Angela und Alison kenne ich natürlich.. Hast du sonst noch Empfehlungen?
      Viele Grüße

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      1. Lustig, gestern als ich von der Arbeit heimlief (Tellertaxi, Runner, Abräumer auf einem Straßenfest), dachte ich darüber nach, wie man ein Restaurant, Hotel, etc. objektiv oder beziehungsweise angemessen beurteilen kann. Ich kam darauf, weil ich jetzt letzte Woche in Sankt Peter-Ording war und dort natürlich auch einkehrte. In meinem Blogpost zeigte ich nur die Bilder vom Essen, schrieb aber nichts zu den Lokalitäten – warum?
        Mein Gedanke war: „Ich war da jetzt einmal essen! Ich kenn das jetzt nur in der Saison bei Sonnenschein. Ich weiß gar nicht, wie es an anderen Tagen ist. Ich kann es mit sich selbst nicht vergleichen,…“ Wegen diesen Gedanken empfand ich es als unfair den Restaurants gegenüber etwas zu schreiben (Anmerkung: obwohl ich bisher alles positiv empfand)

        Soweit meine Gedanken zu sowas,…

        Leider kann ich dir grad keine weitere Empfehlungen zum lesen geben (außer natürlich meinen Blog, hahahahahahhahaaha….)

        Gruß

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