Was wäre wenn… ich ein Mann wäre?

Angenommen, ich wäre als Junge zur Welt gekommen, und nicht als Mädchen – was wäre dann alles anders? Unter dem Hashtag #WasAndersWäre werden Überlegungen dazu gesammelt und dank des Tags von Ariane (Heldenwetter) gebe ich nun auch meinen Senf dazu.

Als ich mit Kommilitoninnen und meinem Freund über diese ‚Aufgabe‘ sprach, meinten sie „Wow, das geht doch gar nicht. Man kann sich doch genauso wenig vorstellen, in einem anderen (ärmeren) Land geboren worden zu sein.“ In der Tat ist die Fragestellung riesig – glücklicherweise wurde sie deshalb in sechs Leitfragen heruntergebrochen:

1. Was wäre anders in deinem Leben, wenn du ein Mann wärst?

Also, zunächst einmal hieße ich Max – den Namen haben sich meine Eltern für den Fall, dass ich ein Junge werde, ausgesucht. Ich gehe mal davon aus, dass meine Charaktereigenschaften, Talente und Schwächen grundsätzlich gleich blieben, nur anders behandelt und gefördert worden wären.

Hätte ich das selbe studiert? Gute Frage. Meine Eltern haben mir zum Glück nie Druck bei der Berufswahl gemacht und mich einfach selber entscheiden lassen, was ich machen will. In der Schule waren Geschlechterrollen und -klischees jedoch deutlich ausgeprägter. Wahrscheinlich hätten meine Mathelehrer mein Desinteresse (und die dementsprechenden mittelmäßigen Noten) für ihr Fach nicht einfach hingenommen, „weil Mädchen halt nicht gut in Mathe sind“. Ich hätte zu Beginn der Oberstufe Informatik gewählt, weil „das halt die meisten Jungs machen“, und vielleicht hätte es mir gefallen und mich in meiner Studienwahl beeinflusst. Vielleicht hätte ich es auch gehasst – wer weiß.

Auch wenn es mittlerweile viele alternative Modelle gibt, herrscht in vielen Köpfen noch das „Der Mann geht arbeiten und schafft das Geld heran, die Frau kümmert sich um Kinder und Haushalt“-Bild vor. Es hat tatsächlich schonmal jemand zu mir gesagt, dass es doch egal sei, was ich studiere, weil ich mir doch einfach einen Mann suchen könnte, der mich durchfüttert. Mit diesem Mindset werden die Jungs unter Druck gesetzt, eine ökonomisch sinnvolle Berufsentscheidung zu treffen – schließlich müssen sie später mal eine Familie ernähren. Die Doppelhaushälfte, der Kombi und das Pedigree für den Golden Retriever bezahlen sich schließlich nicht von alleine. Gleichzeitig werden die Mädchen abgewertet: Sie haben zwar die Freiheit, ‚unvernünftige‘ Ausbildungsberufe oder Studienfächer zu wählen (sprich, ungefähr alle Geisteswissenschaften), aber die Energie, die sie dafür investieren, wird nicht anerkannt. Schließlich wird man ja eh nie Karriere machen, nicht wahr?

Wenn ich ein Junge wäre. hätte ich möglicherweise nach dem Abi einen ebenso sicheren wie sterbenslangweilig klingenden Weg wie einige Klassenkameraden eingeschlagen: Bankausbildung, Duales Studium bei den Stadtwerken oder ein Bachelor of Science in Chemieingenieurwesen. Ohje, ich hoffe nicht.

Eine Sache, bei der ich mir sehr sicher bin, dass sie als Mann anders wäre, ist mein Körpergefühl. „Bin ich hübsch genug? Bin ich dünn genug? Kann ich das tragen?“ Ich habe das Gefühl, dass Männer weniger auf Äußerlichkeiten reduziert werden. Denke man nur an Frau Merkel und die Zeitungsartikel, in denen diskutiert wird, ob ihr Ausschnitt zu groß ist, oder ob sie dieses Outfit bereits zu einer anderen Veranstaltung angezogen hat. Ganz ehrlich, bei männlichen Politikern interessiert es keinen, welchen Anzug er trägt oder ob er einen Bierbauch hat. Aber auch bei ganz normalen Menschen Männern ist der Spielraum, was ‚okay‘ ist (bzw. von der Gesellschaft als okay betrachtet wird) größer. Frauen hingegen werden beglotzt, begrabscht, kommentiert, angemacht, beleidigt. Und egal, ob diese Kommentare negativ oder positiv (vermeintliche Komplimente) sind, scheiße und unerwünscht sind sie allemal. Als Mann würde ich mir viel weniger Gedanken darum machen müssen, was ich anziehe und auf welche Art und Weise das meine Außenwahrnehmung beeinflusst. Ich wäre selbstsicherer was meinen Körper und meinen Stil angeht.

2. Was tust du deshalb, weil du eine Frau bist?

Mir die Beine rasieren. Weil ich nicht die Eier habe, mich über gewisse Konventionen und Erwartungshaltungen der Gesellschaft hinwegzusetzen. Auch wenns nervt und ich mir vor ein paar Tagen mit den neuen, scharfen Rasierklingen den Unterschenkel aufgeratscht habe. (Aua.)

hairylegs

3. Welche Dinge lässt du lieber, weil du eine Frau bist?

In einer vorherigen Version dieses Textes habe ich an dieser Stelle zwei Situationen beschrieben, in denen ich mich (von Männern (!)) bedroht gefühlt habe. Allerdings verfehle ich ja damit das Thema: Es soll darum gehen, was als Mann anders wäre; und nicht was mir als Frau passiert ist.

Also, was lasse ich lieber, weil ich eine Frau bin? Ich denke, es sind die Klassiker: Nachts alleine durch dunkle Gassen laufen und Co. Mir ist Gott sei Dank noch nie etwas Schlimmes passiert, sprich, ich bin nie wirklich überfallen, ausgeraubt, geschlagen oder vergewaltigt worden. Dennoch gab es meinen Geschmack schon mehr als genug brenzlige Szenen, in denen ich mich unsicher gefühlt habe; bedroht wurde oder gegen meinen Willen angefasst.

Man (frau) wird vorsichtig. Man bezahlt ein Taxi, statt mit dem Fahrrad den Feldweg entlang nach Hause zu fahren. Man läuft den Umweg über die beleuchtete Hauptstraße. Man schickt Freundinnen „Ich bin sicher zu Hause angekommen“-SMS. Wenn man mal drüber nachdenkt, ist es traurig, dass diese ganzen Sicherheitsvorkehrungen existieren. Ich fürchte, die meisten Männer denken darüber gar nicht nach.

4. Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?

„Frauen haben keine Ahnung von Technik“. Uargh. Letztes Semester war in unserer Filmvorlesung ein Dokumentarfilmer zu Gast. Die Dozenten an unserem Institut legen viel Wert auf Praxisbezug und laden immer mal wieder Experten oder ‚Praktiker‘ zu Vorträgen oder Workshops ein, was ich auch super finde. Der besagte Dokumentarfilmer brachte einige Ausschnitte aus seinen Filmen mit und erzählte etwas dazu. Um ehrlich zu sein fand ich diese nicht sonderlich toll, und er erschien mir ziemlich selbstgefällig; aber hey, ist ja nicht uninteressant. Innerhalb von wenigen Sekunden zerstörte er jedoch den letzten Restfunken an Sympathie: Er erklärte den Vorteil eines Kameratyps für bestimmte Szenen, hielt inne, ließ seinen Blick kurz durch den Hörsaal schwanken (wir sind ungefähr 3/4 Frauen) und meinte dann: „Naja egal, Technik ist ja nichts für Frauen, das übernehmen dann ja sicher ihre männlichen Kollegen.“ (Den exakten Wortlaut kriege ich leider nicht mehr zusammen; ich glaube, es war sogar noch schärfer.)

Es ging ein Raunen durch den Raum, denn nicht nur ich hab meiner Sitznachbarin einen empörten Kommentar ins Ohr gezischt.
Frauen schaffen es also nicht, die Kameras zu bedienen? Sind unsere Brüste uns dabei im Weg oder sind wir schlichtweg zu dumm? Was sollen die Frauen denn stattdessen am Set machen? Kostüm? Dekoration? Abpudern? Dem Herrn Meisterregisseur sein Getränk reichen?
Es nervt mich, dass ich, wenn ich im Elektromarkt stehe und eine Frage habe, von den Mitarbeitern in der Regel ignoriert werde. Lieber kümmert man sich eine geschlagene halbe Stunde um den älteren Mann, der ja sicher viel Geld da lässt. Als ich mein Akkupack gekauft habe, wurde mir anstelle des Modells, das ich mir ausgesucht habe, eines empfohlen, das beim gleichen Preis nur die halbe Akkuleistung hat, dafür aber „ein schöneres Design“. Äh, nein danke.

5. In welcher Situation ist es von Vorteil, zur Gruppe der Frauen zu gehören?

Wenn man unterschätzt werden will. Wenn man aufs Äußere reduziert werden will. Wenn man sich der Klischees bewusst macht und diese nutzen will. Klinge ich mittlerweile verbittert? Vielleicht ein bisschen.

6. Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Ich muss ehrlich sagen, dass ich es super finde, dass die meisten DozentInnen bei uns an der Uni keinen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Studierenden machen. Der Gastredner in der Filmvorlesung mit den Technik-Vorurteilen war eine unangenehme Ausnahme. In den Studiengängen, die ich bisher von innen gesehen habe, gab es zum Glück nur wenige solcher Gender-Zwischenfälle.

[blue_box]So, jetzt nun bin ich an der Reihe. Ich tagge Nastassja, meine Heels & Herz-Girls Myri, Tänne und Pia, und last but not least Vita.[/blue_box]

Ein Kommentar

  1. Hi Kato,
    danke für diesen tollen Beitrag. Er spricht aus, was sicher den meisten Frauen auf der Seele brennt. Ich habe an der Schule auch Bekanntschaft mit dem Mathe-Klischee gemacht. Zwei der Mathelehrer waren der Überzeugung, dass Mädchen eh kein Mathe können. Habe mich in der Oberstufe dann tierisch gefreut, dass dann ein Mädchen bei uns Klassenbeste in Mathe war. :)
    Liebe Grüße,
    Alex

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