Ich bin eine Wattestäbchenheldin.

Pling, macht mein Handy und sagt mir damit, dass ich eine neue WhatsApp-Message bekommen hab. Es ist eine Freundin. „Sitzt du gerade?“ fragt sie mich. „Liege sogar :D“ schreib ich zurück. Ich hatte mich tatsächlich gerade ins Bett gelegt, wollte mir ein paar Seiten Harry Potter gönnen und vielleicht auch ein Nickerchen. Doch als ich lese, was sie dann schreibt, bin ich hellwach. An magische Zerstreuung ist nicht mehr zu denken.

Eine gemeinsame Freundin von uns war im Krankenhaus. Bauchschmerzen, schlechte Blutwerte, unklare Befunde. Nun war sie in einer anderen Klinik und hat eine Diagnose bekommen: Leukämie.

 Krass, denke ich. Leukämie. Dabei ist sie doch so jung. Noch während ich via WhatsApp auf den neuesten Stand gebracht werde, öffne ich den Browser und tippe „DKMS“ ein. Hinter dieser Abkürzung verbirgt sich die Deutsche Knochenmarkspenderdatei.

Viele Blutkrebspatienten benötigen im Laufe der Therapie eine Stammzell- oder Knochenmarkspende. Die Spende muss dabei von einer Person stammen, deren Gewebemerkmale möglichst ähnlich sind, damit der Körper die Spende nicht wieder abstößt. Rund ein Drittel aller Patienten finden innerhalb ihrer Familie einen passenden Spender, für alle anderen muss ein fremder Spender gesucht werden. In der Deutschen Knochenmarkspenderdatei werden alle potentielle Knochenmark- und Stammzellspender gesammelt und – wenn es einen passenden Patienten gibt – benachrichtigt und vermittelt.

Die DKMS arbeitet gemeinnützig und ist natürlich auf das Engagement und die Mitarbeit der Bevölkerung angewiesen. Um die Menschen dazu zu bringen, sich zu registrieren, finden öffentliche Aufrufe und diverse Kampagnen statt.

Quelle: www.dkms.de/de/presse-material
Quelle: dkms.de
  Während ich also im Bett liege und die Webseite der DKMS anklicke, schießen mir sofort die Slogan durch den Kopf, mit denen die Organisation wirbt:  Stäbchen rein, Spender sein. Und: Mit Wattestäbchen gegen LeukämieDie Plakate hab ich  oft gesehen; bin an ihnen vorbeigegangen, ohne weitere darüber nachzudenken.

Warum? Das waren keine nervenden Plakate für irgendeinen Konsumscheiß, der mich eh nicht interessiert. Ich hatte sogar vor vielen Jahren einen Leukämiepatienten in der Familie, warum habe ich mich noch nicht bei der Spenderdatei registriert?

Quelle: http://www.gesundheit-adhoc.de
Quelle: http://www.gesundheit-adhoc.de
Die Registrierung ist kosten-, risiko- und schmerzlos. Es muss dafür kein Blut abgenommen werden, sondern ein simples Wattestäbchen reicht aus. Naja, eigentlich zwei, aber dazu später.

Ich bin sauer auf mich selbst, dass mir erst die Erkrankung einer Freundin den Schubs gibt, mich um die Registrierung zu kümmern. Schließlich kannte ich ja die Organisation und hatte sogar den Werbespruch direkt im Kopf! Es ist wohl sehr unwahrscheinlich, aber der Gedanke, dass ich vielleicht die passende Spenderin für eine Leukämiepatientin oder einen –patienten bin und meine Stammzellen nicht zur Verfügung standen, bereitet mir Bauchweh.

Auf der Webseite bestelle ich das Registrierungsset, das wenige Tage später in meinem Briefkasten liegt. Darin: Zwei steril verpackte, lange Wattestäbchen. Ein Anschreiben. Eine Infobroschüre. Die Einverständniserklärung. Ein Rückumschlag. Nicht einmal das Rückporto zum Labor in Tübingen muss man bezahlen.

dkmspaket

Mein schlechtes Gewissen zwickt immer stärker. Das einzige, was mich ein bisschen nervt, ist die omnipräsente Aufforderung, Geld zu spenden. Schon auf der Homepage stand das an verschiedenen Stellen, nun im Anschreiben und auf einem weiteren Blatt inklusive Überweisungsträger. Ich versteh ja schon, dass eine gGmbH auf Spenden angewiesen ist. Im Gegenzug hoffe ich auf das Verständnis der DKMS, dass ich als Studentin nicht viel Geld übrig habe, und gerade diesen Monat rechnerisch schon dick im Minus stehe (mein letzter Arbeitstag war vor gut 1 ½ Wochen).

Als erstes lese ich mir die Infobroschüre und die Einverständniserklärung durch. Man unterschreibt zwei Mal, einmal die Medizinische Einverständniserklärung, mit der man das Probenmaterial zur Untersuchung freigibt und der Aufnahme in die Kartei zustimmt, und die Datenschutzrechtliche Einverständniserklärung für die Speicherung und Verarbeitung der Daten.

Das Prozedere mit den beiden Wattestäbchen wird gesondert erklärt und ist ganz einfach: Man nimmt die Wattestäbchen aus der sterilen Verpackung und reibt sie jeweils 30 Sekunden lang an der Innenseite der Wange entlang, um Zellen der Mundschleimhaut aufzunehmen. Der Mund muss dabei sauber und frei von Essensresten sein. Ich erinnere mich, dass wir das mal im Biounterricht gemacht haben und die Zellen dann im Mikroskop betrachteten. Die getrockneten Wattestäbchen kommen dann in einen Pappumschlag, auf den man noch einen Sticker mit der Spender-Nummer aufklebt. Zusammen mit der Einverständniserklärung werden die Proben dann per Post zurückgeschickt. Tja und das wars, nun bin ich eine Wattestäbchenheldin!

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(Für die Fotos wurden übrigens normale Wattestäbchen benutzt. Keine Sorge, liebe Damen und Herren, die Proben habe ich "vernünftig" genommen!)

Leider kann sich nicht jeder als Spender registrieren lassen. Es gibt einige Ausschlusskriterien, zum Beispiel bestimmte Krankheiten, das Alter, starkes Übergewicht und „sexuelles Risikoverhalten“, dazu gehören auch homosexuelle Männer. Find ich scheiße, ist aber beim Blutspenden anscheinend genauso. Auf Nachfrage teilte mir eine Mitarbeiterin dazu per Mail mit: „Die DKMS sieht bei diesem Thema Handlungsbedarf und prüft derzeit die Möglichkeiten zur Anpassung dieser Richtlinie.“ Auch wenn man weitere Fragen hat oder sich nicht sicher ist, ob man als Spender geeignet ist, kann man sich per Mail (post@dkms.de) an die DKMS wenden.

Also los los Leute, fordert euer Registrierungsset an und werdet zu Wattestäbchenheldinnen und -helden! :)

 

4 Kommentare

  1. Echt tolle Sache. Ich hab bin auch schon eine Wattestäbchenheldin und kann es nur jedem empfehlen. Toller Artikel. Gruß, Steffi

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  2. Sehr gut Sache und ich wünsche deiner Freundin alles nur erdenklich Gute ♥ !

    Ich bin auch seit etwa zwei Monaten dort registriert, bisher habe ich aber noch ncihts gespendet.

    Das ganze geht ja auch wirklich fix und tut nicht weh, also das sich registrieren lassen. Sollte eigentlich jeder machen !

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  3. Bin beim Stöbern auf deinen Blog gestoßen und lese mich grad ein bisschen durch. Zu diesem Thema konnte ich nicht meine Klappe halten. ;-)

    Ein toller Artikel zu einem ganz wichtigen Thema! Ich hab mich mal im Rahmen einer Typisierungsaktion bei uns im Ort in die Kartei aufnehmen lassen, Dass nicht mal ein Jahr später das Telefon klingeln würde und mir gesagt würde, ich käme als Spenderin infrage, hätte ich nie gedacht. Ob ich immer noch bereit sei zu spenden, war die erste Frage. Na klar!
    Dann ging alles ziemlich schnell und vor inzwischen fast zwei Jahren durfte ich durch meine Spende einem kleinen Jungen (8 Monate alt!) im Kampf gegen einen Immundefekt helfen. Stammzellenspende gibt es nämlich nicht nur bei Leukämie.

    Wie gesagt: Ich finde es toll, dass du drauf aufmerksam machst – je mehr Menschen sich typisieren lassen, desto größer ist die Chance, dass Betroffenen auch wirklich geholfen werden kann. :-) Und deiner Freundin drücke ich die Daumen, dass sie die Krankheit besiegen kann!

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    1. Liebe Ariana, dankeschön für deinen lieben Kommentar! Das ist ja großartig, dass du sogar zur Spenderin geworden bist! Das ist sicher ein tolles Gefühl.
      Bei meiner Freundin sieht es nach Glück im Unglück aus: wahrscheinlich benötigt sie keine Spende und kann den Krebs „nur“ mit Chemo & Co besiegen. Liebe Grüße!

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