Wie ich aus Versehen zur Langzeitstudentin geworden bin

Im ersten Semesters meines Masters (Medienwissenschaft) hatten wir eine „Lehrredaktion Print“. Wie der Name Lehrredaktion schon andeutet, geht es in diesem Seminar darum, praktisch zu arbeiten und ein Werkstück (in diesem Fall aus dem Spektrum des Printjournalismus) zu erstellen. Wir hatten das Vergnügen, den Spiegel-Redakteur Martin U. Müller als Gastdozenten kennen zu lernen und mit ihm zu lernen, wie man Features schreibt. Als Recherchethema wählte meine Gruppe das Thema Langzeitstudenten. Wir fragten uns, ob es ebendiese in Zeiten der modularen Bachelor- und Masterstudiengänge überhaupt noch gibt, oder ob das Klischee der langhaarigen und politisch engagierten Langzeitstudenten ein Relikt der Magister- und Diplomzeit ist.  (Mein Feature könnt ihr übrigens auf dem Blog Panoktikum lesen.)

Während der Recherche lernten wir zum einen, dass es keine fixe Definition gibt, ab wann eine Person als LangzeitstudentIn gilt. Zum anderen erzählten uns der Studienberater, die Beraterin bei der Agentur für Arbeit und der Uni-Psychologe, dass zahlreiche Gründe zu einem verzögerten Uni-Abschluss führen können:

  • Probleme bei der Organisation des Studiums
  • finanzielle Probleme, die in längere Arbeitszeiten resultieren
  • die familiäre Situation (Kinder- oder Angehörigenbetreuung)
  • physische oder psychische Erkrankungen
  • psychische Probleme wie Prüfungsangst, Perfektionismus oder Zukunftsangst
  • Praktika oder Auslandssemerster (insb. wenn die im Ausland erworbenen ECTS-Punkte nicht anerkannt werden)

Das Feature entstand im Wintersemester 2014/15. Letzte Woche habe ich meine Rückmeldungsunterlagen für das Wintersemester 2017/18 aus dem Briefkasten gefischt. Mein siebtes Semester in einem Studiengang mit vier Semester Regelstudienzeit. Ups.

Zugegebenermaßen, vier schaffen in meinem Studiengang tatsächlich nur die Leute, die krass planen, ihre Semesterferien mit den Praktika verbringen und sich nicht in tragende Positionen bei großen Projekten (Hust hust, ZuFlucht) verwickeln lassen. Im Medienbereich ist Praxiserfahrung einfach ausschlaggebend und da bleibt man für das vielversprechende Praktikum halt eingeschrieben.

Ich fürchte, da ich nun fast bei der doppelten Regelstudienzeit angelangt bin, kann ich mich als Langzeitstudentin zählen.

Ich glaube allerdings, dass zu viel Gewicht auf die Regelstudienzeit gelegt wird. Je nach Studienrichtung und Karrierewunsch sind andere Erfahrungen oder Fähigkeiten wichtig.

Wenn du Irgendwas mit Sprachen studierst, sollte dein letzter Auslandsaufenthalt nicht die Abifahrt nach Ibiza gewesen sein; wenn du Irgendwas mit Medien studierst, erwartet man von dir ein eigenes Portfolio anstelle einer 1,0 in der Hausarbeit über „Parasoziale Beziehungen der ZuschauerInnen zu Thomas Gottschalk in Wetten, dass? 1994-1998“.

Natürlich gibt es auch Karrieren, in denen viel Wert auf einen regelgerechten Abschluss mit Top-Noten und 1A Lebenslauf gelegt wird – keine Frage. Für die Karriere in der Unternehmensberatung bin ich disqualifiziert. (Nicht, dass ich jemals dort hätte arbeiten wollen.)


Was habe ich denn eigentlich in den letzten drei Semestern gemacht? Urlaub? Schön wärs. Netflix? Sicher nicht. Tatsächlich trifft bei mir keiner der oben genannten Gründe für ein verzögertes Studium zu.

„Schuld“ sind die Flüchtlinge. Klingt blöd, ist aber echt positiv gemeint. Mein Bachelor-Studienfach Deutsch als Fremdsprache rückte durch die vielen Geflüchteten und Migranten plötzlich ins öffentliche Bewusstsein. Im Herbst 2015 habe ich meinen Blog Sprache ist Integration gegründet, um Ehrenamtliche zu ermutigen, den Geflüchteten beim Deutsch lernen zu helfen. Auf dem Blog gibt’s Tipps, Linklisten, Rezensionen und mehr. Was anfangs bloß eine Beschäftigung für die Semesterferien war, entwickelte sich definitiv größer als erwartet. Der Blog hat >10.000 Unique Visits im Monat, meine Facebookseite knackt diese Woche die 2000 Likes. Ich wurde zu Konferenzen eingeladen, habe dadurch bei einem Projekt einer großen Stiftung mitgearbeitet, viele Leute kennengelernt, Kontakte in die Erwachsenenbildungs- und Verlagsbranche geknüpft, Präsenz– und E-Learning-Workshops gehalten und mehr. (Ich wurde sogar zu einer bekannten Talkshow eingeladen; aber da die Redakteurin nicht sonderlich kompetent und informiert wirkte, versuche ich, mir darauf nichts einzubilden :D)

Das Schönste ist natürlich, dass ich die Leute erreicht habe, die ich erreichen wollte: ganz normale Menschen, die neben dem Studium oder der Arbeit Nachhilfe geben oder Deutschkurse leiten.

(Achja, und ich habe dadurch das Thema für meine Masterarbeit gefunden, mit dem ich zu 100% zufrieden bin.)

Die medienpraktische Erfahrung, die Kontakte und nicht zuletzt das Gefühl, etwas erreicht zu haben, rechtfertigen die beiden „verlorenen“ Semester definitiv. Finde ich zumindest. Ob irgendwelche potentiellen ArbeitergeberInnen das auch so sehen, werde ich in der Zukunft erfahren. Aber erstmal genieße ich das selbstständige Arbeiten und möchte das nach der Masterarbeit weiterführen. Mein Passion Project und die vergangenen Projekte haben mir gezeigt, dass ich das kann. Eine Vorlesung hätte mir das nicht beigebracht.

 

Gestern war ich beim Prüfungsamt. Im kommenden Semester werde ich fertig.
Versprochen.

4 Kommentare

  1. Letzte Woche habe ich nach 8 Semestern meine Masterarbeit abgegeben. Und da ich mich aus praktischen Gründen noch mal für den Winter zurückgemeldet habe, werden es am Ende offiziell 9 Fachsemester gewesen sein. Ich habe noch nicht mal so tolle Projekte wie deine vorzuweisen, die mich aufgehalten hätten – dennoch kann ich die lange Studienzeit voll und ganz vor mir vertreten. Fachlich habe ich durch die Kurse, die ich zusätzlich besucht habe, deutlich mehr mitgenommen als aus dem Bachelorstudium; ein Praktikum, Hiwi-Job und ein paar kleinere Projekte, an denen ich teilgenommen habe, wären anders auch nicht drin gewesen. Ich bin total dankbar, dass ich die Möglichkeit hatte, so lange zu studieren und überzeugt davon, dass ich ohne diese Erfahrungen jetzt ein ziemlich anderer Mensch wäre.
    Und trotz dieses langen Kommentars finde ich eigentlich, dass wir uns gar nicht für unsere Studiendauer rechtfertigen müssen sollten :D
    Alles Gute dir für die letzten Meter! Und Hut ab vor dem, was du dir in den letzten Semestern alles erarbeitet hast.

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    1. Liebe Anne, danke für deinen Kommentar! (Lange Kommentare sind die besten!)
      Auch zusätzliche Seminare und Jobs sind absolut valide Gründe, länger zu studieren. Langfristig werden wir davon profitieren, gerade wir GeisteswissenschaftlerInnen!
      Jetzt braucht es nur noch die Akzeptanz dafür in der breiten Öffentlichkeit… Wenn jemand länger braucht, heißt das eben nicht, dass die Person faul ist.
      Liebe Grüße an dich und danke! (Wir posten unsere Updates ja auf Instagram :))

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  2. Hi Kato,

    ach, das kenne ich auch. Meine Regelstudienzeit beträgt 7 Semester, ich bin jetzt im 10. Fühlt sich nicht so super an, vor allem, weil ich kein tolles Projekt – zur Rechtfertigung vor mir oder anderen – vorweisen kann wie du, nein, es war nur schnöde Arbeit bei mir und realistisch betrachtet hätte ich auch früher abschließen können. Meine Abschlussarbeit ist schon lange durch… aber einige Prüfungen sind noch offen, einfach, weil ich jetzt schon in den Berufsalltag inkl. 40h-Woche reingerutscht bin und daneben das Lernen kaum noch schaffe – und die Motivation auch weg ist, denn den Job, für den ich eben das Studium brauchte, hab ich jetzt eh schon – und das eben auch mit 3/4-Abschluss.
    Manchmal beneide ich die Leute, die einen geraden Weg gehen und alles fein nacheinander abarbeiten… aber auf der anderen Seite muss man ja eigentlich auch nicht in Schema F passen. Ein Jahr früher fertig sein, oder auch zwei – wozu? Um noch länger im Job zu sitzen und die Freiheit des Studiums früher einzubüßen? Denn so flexibel ist man danach nicht mehr.
    Aber ich habe auch den Eindruck, dass so langsam in den Entscheider-Etagen ankommt. Auch Unternehmen profitieren (in vielen Branchen) davon, wenn der Bewerber mal einen Blick nach rechts und links geworfen hat und nicht nur stur seine Regelstudienzeit abrockt. Finde zumindest ich. Und wenn eine Firma das anders sieht, dann muss ich mich halt auch fragen, ob wir zusammenpassen. Das mag arrogant sein – aber auch darauf sollten wir ein Recht haben.

    Liebe Grüße :)

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    1. Hey Kati,
      das ist tatsächlich eine recht weit verbreitete Situation – durch Praktikum oder Nebenjob rutscht man in den „richtigen“ Job und findet es dann schwierig, wieder in den Uni-Trott und ins Lernen zu kommen. War bei unserem Feature auch bei einer Interviewpartnerin der Fall.
      Bin ganz deiner Meinung – in so einem Unternehmen würde ich eh nicht arbeiten wollen; bzw würde da nicht reinpassen.
      Du machst das schon :)
      Liebe Grüße, Kato

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