Wo ist die Energie hin?

Hallo Freunde,
ich wollt noch was sagen. Zur Wahl.
Eine Woche später wirkt das schon ein wenig irrelevant, nicht wahr? Genau das ist das Problem.

Spulen wir mal elf Monate zurück.

Am 9. November hatten wir die Gewissheit.
Das, was Wahlprognosen, unser gesunder Menschenverstand und unsere Hoffnung in ebenjenen bei unseren Freunden jenseits des großen Teichs nicht für möglich gehalten hatten. Trump gewann.

Nicht nur unter den unmittelbar Betroffenen, also den Citizen der U.S. of A., brach Unruhe bis Panik aus. Auch hier im beschaulichen Good old Germany war eine Art Aufbruchsstimmung (im negativen Sinne) zu spüren.

Trumps Wahlsieg, der Triumph der Lügen und Intrigen, des Sexismus und Rassismus, der kleinen Hände und ulkigen Tweets, zeigte uns: Shit, das ist real. Es kann passieren. Wenn dort, dann auch hier.

Die Bundestagswahl (damals 45 1/2 Wochen entfernt) rückte in den Fokus. „Wir müssen etwas tun„, hieß es. Etwas gegen die AfD und andere rechte Parteien; gegen Populismus und Hetze im Wahlkampf; gegen niedrige Wahlbeteiligung; gegen Social Bots und unlautere Kampagnen.

Parteien erlebten einen plötzlichen Zustrom an Mitgliedern (sogar Fashionbloggerinnen legen sich ein Parteibuch zu (#accessoire)); neue Parteien gründeten sich (Demokratie in Bewegung); kleine und junge Initiativen setzen auf punktuelles Engagement (vgl. Feature „Heul nicht, mach doch“ in der ersten und leider letzten Ausgabe des F Mags, S. 12-23)).

back to the future. September 2017.

Die Wahl ist vorbei, jede/r Achte hat AfD gewählt, in Dresden sogar jede/r Vierte.

Was ist wirklich daraus geworden?
Was hat es gebracht, dass du jetzt ein Parteibuch der SPD oder der Grünen zu Hause liegen hast? Was hast du aktiv gemacht für eine bessere Gesellschaft, mehr Toleranz und Frieden und Gerechtigkeit?

Wir haben über den langweiligen Wahlkampf gemeckert; über die YouTube-Interviewpartner gelästert, die ja eh nur Selbstdarstellung drauf haben; und die wenige verbleibende Energie haben wir dafür aufgebraucht, in Facebook-Kommentarspalten zu diskutieren, ob die PARTEI der Satire willen Alan Kurdi zeigen durfte oder nicht.

https://twitter.com/eduardmesares/status/897809844220157952

Die Energie ist verpufft.

Treten wir doch mal ein Stückchen zurück und überlegen, was hier das eigentliche Problem ist.
Die AfD ist ja nur das Symptom. Würde niemand sie wählen, wäre sie so bedeutungslos wie die Magdeburger Gartenpartei. (Ja, die gibt’s echt.)

Das Problem sind die Menschen, die die AfD wählen.

Möglichkeit 1: 12,6 Prozent der WählerInnen sympathisieren mit den rassistischen, sexistischen und demokratiefeindlichen Aussagen und Ideen dieser rechtspopulistischen Partei.
Möglichkeit 2: nur ein Teil identifiziert sich mit den Werten der Partei; der Rest besteht aus Leuten, die in der AfD tatsächlich eine „Alternative“ sehen, weil sie sich bedroht, unverstanden, nicht ernstgenommen fühlen, und aus „Protest“ diese Partei wählen.

Es beruhigt mich ein wenig, dass wohl die zweite Möglichkeit zutrifft:

„Die Nachwahlbefragungen von Infratest dimap zeigen, dass die AfD vor allem eine Protestpartei ist: So gaben 60 Prozent der AfD-Wähler an, sie hätte aus Enttäuschung über die anderen Parteien ihre Wahlentscheidung getroffen, nur ein Drittel wählte die AfD aus Überzeugung.“

“ […] außerdem mobilisierte sie [=die AfD] mehr als eine Million Nichtwähler, deutlich mehr als jede andere Partei.“

Quelle: lpb Ba-Wü

Was die AfD in meinen Augen gefährlich macht, ist dass sie ausgezeichnet darin ist, Leute an sich zu binden.

Sie nutzt die sozialen und klassischen Medien, um ein Zugehörigkeitsgefühl zu schüren (Wir gegen die, Christen gegen Islamisten, Deutsche gegen Ausländer, unsere Wahrheit gegen die Lügenpresse, Wir gegen die Altparteien…) und sich in eine Opferrolle zu begeben. Für AfD-Sympathisanten entsteht eine viel stärkere persönliche Betroffenheit und dadurch Bindung.

Eine unglaublich spannende Datenanalyse zum Einfluss von Gruppenbildung auf die Verbreitung von Fake News & Co gibt es bei ctrl-verlust.net. Der Autor Michael Seemann sagt, dass weniger die vielbeschworene Filterblase verantwortlich sei, als eine Kognitive Dissonanz. Ich mach‘ mir die Welt, widewide sie mir gefällt! 

Der Coup der PARTEI, AfD-Gruppen zu unterwandern, zeigt, was für ein Social Engineering von Statten ging – von beiden Seiten! Beim Aufbau der Gruppen sowie bei der Übernahme. (Mehr dazu bei Motherboard)

Ich wage zu behaupten, dass die AfD es schlichtweg schafft, das Politische durch Facebook-Gruppen und Co näher in den Alltag der Menschen zu bringen, als das die etablierten Parteien auch nur ansatzweise schaffen.

Und genau das ist meiner Meinung nach der richtige Ansatzpunkt: Die Leute im Alltag erreichen.

Wir sollten mit der „die (bösen AfD-Wähler) gegen wir“-Rhetorik aufhören. Den Spruch, man solle die Ängste der besorgten Bürger ernst nehmen, finde ich zwar blöd. Aber eigentlich ist das der Kern. Die Bevölkerung in Gruppen zu teilen und gegeneinander aufzuhetzen kann ja echt nicht die Lösung sein.

So, und was sollte man nun konkret tun?

Zunächst: die AfD AfD sein lassen und weniger hysterisch mit ihr umgehen.

„Ich empfehle allen […], nicht jeden Furz oder jeden Spruch, den ein AfDler loslässt, selbst wenn der schlimm ist, tagelang, wochenlang immer wieder zu drehen und zu kommentieren.“

Hans-Christian Ströbele

Punkt zwei: Aktionen starten, mit denen du das Land, deine Stadt oder deine Nachbarschaft ein kleines bisschen besser machst. Für alle.

Ich wünsche mir die Energie zurück, die ich vor knapp einem Jahr gespürt habe.

Zuwanderung und soziale Gerechtigkeit waren laut der Civey-Umrage die wichtigsten Themen bei der BTW17. Wie wärs, wenn wir mit einem kleinen bisschen Engagement für mehr soziale Gerechtigkeit sorgen? Bildungs(un)gerechtigkeit oder Kinderarmut sind in Deutschland leider noch immer relevante Themen. Lasst uns doch da mal ansetzen und Nachhilfestunden geben oder kostenlose Freizeitaktivitäten für Kinder organisieren, die kein Taschengeld fürs Kinoticket haben.

Keine Ahnung, wie ich den nächsten Satz formulieren soll, deshalb mach ichs jetzt einfach geradeheraus: Ich kann es schon verstehen, wenn Leute sich benachteiligt fühlen, wenn sie das Gefühl haben, dass „die Flüchtlinge“ jetzt schicke Wohnungen, Fortbildungen, Arbeitsstellen und Geld bekommen; und sie selber vergessen werden.

Deshalb lasst uns doch Aktionen starten, von denen alle profitieren. Man muss nicht gleich ein Social Startup gründen. Schon kleine Taten helfen.

Ey, mach doch mal.
Mobilisiere deine Energiereserven. Du kannst nicht nur betroffene ZDF-Kommentare auf Facebook teilen, du kannst noch mehr tun.
Vielleicht nicht für jetzt; aber demnächst und mit ’21 im Blick?


Für alle, die schon einen Verein gegründet haben oder ’ne Aktion planen: Für meine Masterarbeit beschäftige ich mich seit einem Jahr mit der Frage, wie Vereine Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit betreiben können. Also funkt mich da gern an, wenn ihr darüber quatschen wollt.


Ergänzung: Guckt euch bitte diese Y-Kollektiv Doku an. Hubertus Koch geht mega gut an das Thema heran! Keine Zeit? Dann schaut wenigstens das Statement am Ende – pures Gold! „Ihr müsst die Schnauze voll davon haben, die Schnauze voll zu haben“

Titelbild by Austin Chan on Unsplash
2. Bild by Jon Tyson on Unsplash

4 Kommentare

  1. Ich kann deinen Beitrag nachvollziehen. Dein Aufruf zum aktiv werden auch, jedoch würde ich mit einem kleineren Schritt anfangen und zwar: das akzeptiert und toleriert wird, dass es Menschen gibt, die sich in Deutschland benachteiligt und ausgegrenzt fühlen, sodass diese nicht mit „In Afrika verhungern Kindern“ zum Schweigen verdonnert werden, sondern sich trauen sich für sich einzusetzen.

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    1. Hey Christiane, danke für deinen Kommentar! Hm, ich hatte den Eindruck, es sei schon normal, dass diese Tatsache akzeptiert wird. Im Zuge der Diskussion über die Flüchtlinge wurden ja auch gern mal andere Gruppen heranezogen (oder instrumentalisiert), alá „Und was ist mit den Obdachlosen?“. Aber du hast natürlich vollkommen Recht, whataboutism ist da fehl am Platz. Viele Grüße!

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      1. Ich dachte da eher an Menschen, die noch nicht aus dem Sozialsystem Deutschlands raus sind: Hartz4-Empfänger, Arbeitssuchende oder eben auch Geringverdiener, Minijobbler usw.

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